Von , Politikredakteur

Vor drei Jahren trifft Anna Purtowa einen jungen Mann, der ihren Fokus veränderte: Mykola hat sich freiwillig gemeldet, als die russische Invasion begann. Im Krieg hat er sein Augenlicht und seine beiden Arme verloren. „Was soll ich solchen Menschen sagen?“, fragt sich Anna. Es ist der Anfang ihres Einsatzes für die Versehrten, Vermissten und Kriegsgefangenen, für die Männer und Frauen, die das Land verteidigen.

Anna Purtowa, 44, ist Abgeordnete in der Werchowna Rada, sie sitzt für die Regierungspartei „Diener des Volkes“ im Parlament. Sie stammt aus Dnipro, einer großen Industriestadt im östlichen Zentrum des Landes. Dort studiert sie, macht zwei Master-Abschlüsse in Internationaler Wirtschaft und Recht. Vor 17 Jahren zieht sie in die Hauptstadt Kiew, berät dort Firmen vor allem in Sachen Digitalisierung.

Starke Frauen in der Ukraine

Als die russische Invasion im Februar 2022 über die Ukraine hereinbricht, fliehen viele Frauen mit ihren Kindern ins Ausland. Andere bleiben. Der Krieg prägt ihren Alltag und hat ihre Lebenswirklichkeit dramatisch verändert. Nichts ist mehr wie vorher. Sieben Frauen erzählen in unserer Serie, was der Krieg mit ihnen gemacht hat – und wie sie die Rolle von Frauen sehen.

Vom Digitalprojekt ins Kriegsparlament

Anfang 2019 berät sie auch die Partei eines Mannes, der damals in der Ukraine als Komödiant und Schauspieler bekannt ist: Wolodymyr Selenskyj. Die Partei braucht junge, gebildete Menschen: „Sie haben mir empfohlen, zu kandidieren.“ Sie lässt sich überreden. Es ist der europafreundliche Kurs der „Diener des Volkes“, der sie überzeugt. „Es gibt für uns nur zwei Möglichkeiten. Entweder die EU oder Russland. Ich wollte etwas verändern“, erzählt sie.

Anna sitzt an diesem sonnigen Sommertag in ihrem Büro in Kiew. Es ist ein hippes Backsteingebäude in einem angesagten Stadtviertel. Sie spricht fließend Englisch und sie spricht schnell. Im Parlament setzt sie sich für die digitale Transformation ein, insbesondere für die Digitalisierung in der Bildung. Manchmal, sagt sie, habe sie es bedauert, Politikerin geworden zu sein. „Das ist das Parlament mit den härtesten Bewährungsproben, die wir je hatten.“ Erst Corona. Dann der Krieg.

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Auf der Suche nach den Vermissten

Immer wieder trifft sie Familien, von deren Liebsten jede Spur fehlt. „Wenn mich die Frauen oder Mütter fragen, ob ich weiß, wo ihre Männer oder Söhne sind, und ob ich sie ausfindig machen kann, fühle ich mich schlecht.“ Nach mehr als vier Jahren Krieg gelten etwa 100.000 ukrainische Soldaten als vermisst. „Wir wissen nicht, wie viele von ihnen als Kriegsgefangene in russischem Gewahrsam sind“, sagt sie.

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Sie versucht, Antworten zu finden. „Aber wir erhalten von den Russen keine.“ Sie weiß, es ist das Härteste für die Familien, nicht zu wissen, ob ihre Angehörigen noch leben und wo sie abgeblieben sind. Die ständige Ungewissheit sei schlimmer als die Nachricht über ihren Tod. Purtowa setzt sich für die Familien ein. „Wir haben noch keinen konkreten Plan für diese Menschen.“ Aber sie versucht, ihnen zumindest rechtlichen Beistand zu organisieren, ihnen in finanziellen Notlagen zur Seite zu stehen. Manchmal, sagt sie, bereiten ihr die Sorgen dieser Menschen schlaflose Nächte.

Nicht nur wegen dieser Ungewissheit über den Verbleib der Kriegsgefangenen wirft sie Moskau vor, sich nicht an die Genfer Konvention zu halten: „Russland müsste dem Roten Kreuz Zugang zu den Kriegsgefangenenlagern ermöglichen. Das geschieht nicht.“ Ukrainische Kriegsgefangene seien systematisch Folter, Mangelernährung und demütigender Behandlung ausgesetzt. Sie hat Männer getroffen, die so sehr verprügelt wurden, dass sie nicht mehr liegen oder sitzen konnten. „Es braucht internationalen politischen Druck, damit sich das ändert“, fordert sie.

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Die Last des Krieges tragen auch die Frauen

Natürlich, sagt Purtowa, habe der Krieg viel für die Frauen im Land verändert. „Sie übernehmen jetzt viele Rollen, die eigentlich von Männern ausgefüllt werden.“ Die Landwirtschaft würde ohne Frauen kollabieren, weil viele jetzt die schweren Traktoren oder Mähdrescher fahren. „Frauen machen einen tollen Job.“ Bis zu 80.000 Frauen dienten derzeit in den Streitkräften. „Und die Last des Wiederaufbaus wird auf den Schultern von Frauen liegen.“

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Kurze Zeit später steht Purtowa auf dem Maidan im Herzen der Stadt. Hinter ihr wehen tausende Fähnchen und Flaggen im Wind. Es ist die Gedenkstätte für die Zehntausenden, die bereits im Krieg gefallen sind. Mit Mykola ist sie noch immer im Kontakt. Sie hat ihm Prothesen besorgen können. Sein Augenlicht kann sie ihm nicht zurückgeben.