Von , Politikredakteur

Wenn Lena Dembitska sich an ihre Einsätze im Schützengraben erinnert, als sie Verwundete versorgt und geborgen hat, als sie dem feindlichen Feuer ausgesetzt war und von Drohnen gejagt wurde, dann spricht sie von den „guten alten Zeiten“. Spurlos sind Einsätze in der Ukraine nicht an ihr vorbeigegangen. Sie ist traumatisiert und wurde durch einen Splitter am Knie verletzt. „Mein derzeitiger Bataillonskommandeur hat entschieden, dass ich genug geleistet habe und es Zeit sei, meine Kampferfahrung an jüngere Kameraden weiterzugeben.“ Ihr Kampf ist jetzt ein anderer. Lena, 39, bildet Soldatinnen und Soldaten in taktischer Medizin aus.

In einem Dorf in der Region Dnipropetrowsk, nicht weit entfernt von der Front im Südosten der Ukraine. Lena Dembitska kommt in einem olivgrünen Pickup zum vereinbarten Treffpunkt. Am Steuer sitzt ihr Mann, er ist Hauptfeldwebel. Sie trägt Uniform, die Fingernägel sind lang und lackiert, die Haare zu Zöpfen geflochten. Lena ist durch die Hölle gegangen. Sie dient als Kampfsanitäterin in der 3. Kompanie der 31. Mechanisierten Brigade. Ihr Funkname ist Lisa, ukrainisch für „Füchsin“.

Starke Frauen in der Ukraine

Als die russische Invasion im Februar 2022 über die Ukraine hereinbricht, fliehen viele Frauen mit ihren Kindern ins Ausland. Andere bleiben. Der Krieg prägt ihren Alltag und hat ihre Lebenswirklichkeit dramatisch verändert. Nichts ist mehr wie vorher. Sieben Frauen erzählen in unserer Serie, was der Krieg mit ihnen gemacht hat – und wie sie die Rolle von Frauen sehen.

Lena Dembitska: „Ich war die einzige Frau in unserer Kompanie.“

Lena stammt aus einer Kleinstadt in der mittlerweile russisch besetzten Region Luhansk im Osten. In ihrem früheren Leben hat sie bei einem Notar gearbeitet. Der Papierkram liegt ihr überhaupt nicht. Als Mädchen will sie unbedingt Medizinerin werden. „Ich habe als Schülerin ein Praktikum in einem Krankenhaus gemacht. Die Leichenhalle habe ich am meisten gemocht. Da war es ruhig, niemand hat sich beschwert.“ Sie lacht. Lena hat einen sehr dunklen Humor. Einen, der vom Krieg gefärbt ist.

2015 tritt sie in die Armee ein. Es ist am Anfang nicht leicht, ihre Tochter ist damals gerade drei, ihr Sohn neun. Sie wird wieder mit Papierkram beschäftigt, muss Dokumente ausfüllen und quittiert deswegen ihren Dienst. Zehn Tage vor dem Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 kehrt sie zurück zu den Streitkräften. 2023 wechselt sie zur 31. Brigade und landet sie dort, wo sie immer hinwollte. Sie wird Mitglied einer Kampfsanitäter-Einheit. „Ich war die einzige Frau in unserer Kompanie. Ich wollte diese Position unbedingt.“ Lena wird in Polen ausgebildet. Einen Monat später erlebt sie erste Schlacht.

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Sie gibt ihre Erfahrung weiter

Ihre Einheit wird in einem Dorf in der Region Donezk in schwere Kämpfe verwickelt. „Wir haben früh einen Funk einen Dreihunderter gemeldet bekommen.“ Die „300“ steht im ukrainischen Militärjargon für Verwundete, die „200“ für Gefallene. Der Mann, den es erwischt hat, ist ihr Zugführer. Unter schwerem Mörserbeschuss arbeitet sie sich einen Kilometer nach vorne. Der Soldat hat ein Schrapnell durch das Bein bekommen, ein Stück der Hüfte fehlt. Sie versorgt ihn, bringt in raus. „Seitdem nennt er mich immer seine kleine Schwester.“

Starke Frauen - Medizinerin Lena Dembitska
Lena Dembitska war als Sanitäterin selbst an der Front. Jetzt bildet sie Soldaten aus.© FUNKE Foto Services | André Hirtz

Mehr als anderthalb Jahre ist sie im Dauereinsatz. Sie versorgt mehr als 300 Verletzte. Ständig massive Adrenalineinschüsse, Beschuss durch Panzer, Mörser, Haubitzen. „Ich mag das sehr“, sagt sie und grinst wieder. Dann wird sie ernst. „Es gibt schon viele beängstigende Situationen.“ Im Sommer 2024 geht sie durch die Schlacht von Prohes, einem Dorf bei Pokrowsk, und dort kommt sie an ihre Grenzen. „Das war extrem hart. Wir hatten weite Wege zu den Verwundeten und wurden ständig von Drohnen gejagt.“ Sie überlebt, wird aber an der Seele verwundet. „Das hat etwas mit mir gemacht. Manchmal bekomme ich Panikattacken, meine Hände zittern.“

Jetzt bildet sie neue als leitende Sanitäterin ihrer Kompanie Soldaten aus. „Ich versuche, sie so auszubilden, dass sie, wenn sie zu einem Kampfeinsatz ausrücken, verstehen, wohin sie gehen, und sich mental darauf vorbereiten können.“ Manchmal, sagt sie, werde sie von dem Gefühl überwältigt, wieder zurückgehen zu wollen an die Front. „Aber ich bin nicht mehr in der körperlichen Verfassung.“ Trotz ihrer Probleme, sagt sie, habe sie den Eindruck, dass sie durch ihre Erfahrungen „offener und selbstbewusster geworden“ sei. „Ich fühle mich mutiger und stärker.“

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Lena sagt, sie ärgere es, dass so viele Männer sich vor dem Kriegsdienst drückten. Am meisten schmerze es sie, wenn mobilisierte Soldaten zu ihren Trainings kämen und ihr sagten: „Das ist nicht mein Krieg.“ In solchen Situationen sei sie zutiefst enttäuscht. „Es trifft mich so hart, dass ich am liebsten gar nicht mit der Person reden möchte.“ Nach dem Krieg will sie nicht mehr in einem Büro arbeiten. „Vielleicht lasse ich mich zu einer Rettungssanitäterin ausbilden.“