Der Theatersaal liegt im schummrigen Halbdunkel. Oleksandra Knyha geht langsam durch die Stuhlreihen, streicht mit ihrer Hand über die Planen, mit denen die gepolsterten Sitze abgedeckt sind. Sie seufzt. „Früher waren die Vorstellungen hier immer ausverkauft.“ Der Vorhang im Mykola-Kulisch-Theater ist schon lange nicht mehr aufgegangen, jedenfalls über der Erde. Es wäre lebensgefährlich. Denn die ukrainische Stadt Cherson steht seit mehr als vier Jahren jeden Tag unter Beschuss.
Oleksandra, 40, ist eng mit dieser Stadt im Süden ihres Heimatlandes verbunden, die im Jahr 2022 monatelang die bleierne Zeit russischer Besatzung durchleiden musste und jetzt als eine der gefährlichsten Städte im Land gilt. „Ich liebe Cherson. Hier bin ich zu der Frau geworden, die ich heute bin“, erzählt sie im Keller. Im Bunker. Dort, wo sie noch immer Theater spielen, und wo Oleksandras Hilfsorganisation „Kryla“ Kindern eine Abwechslung vom Krieg bietet.
Starke Frauen in der Ukraine
Als die russische Invasion im Februar 2022 über die Ukraine hereinbricht, fliehen viele Frauen mit ihren Kindern ins Ausland. Andere bleiben. Der Krieg prägt ihren Alltag und hat ihre Lebenswirklichkeit dramatisch verändert. Nichts ist mehr wie vorher. Sieben Frauen erzählen in unserer Serie, was der Krieg mit ihnen gemacht hat – und wie sie die Rolle von Frauen sehen.
Theater im Krieg: Wo früher der Vorhang fiel, fallen heute Bomben
Das Mykola-Kulisch-Theater war eines der bedeutendsten Schauspielhäuser in der Ukraine. Zum Festival „Melpomene von Tavria“ kamen vor dem Krieg Theatergruppen aus der ganzen Welt. Gegründet wurde es von Oleksandras Vater, dem langjährigen künstlerischen Leiter. Benannt hat er es nach der griechischen Muse der Tragödie. Es war vielleicht eine Vorahnung.
Heute klaffen in dem Gebäude Löcher von Schrapnellen, fast alle Fenster sind zerstört. Das Theater liegt in der Roten Zone, dort, wo ständig Geschosse einschlagen. Oleksandra kann sich oft nicht richtig konzentrieren. Sie hat zwei Gehirnerschütterungen erlitten, eine durch Artilleriebeschuss, eine bei einem Drohnenangriff. Allein in diesem Jahr sind mehr als tausend Zivilisten in der Stadt verletzt worden, in der noch etwa 60.000 Menschen leben. Über hundert wurden getötet.
Starke Frauen in der Ukraine: Alle bisher erschienenen Artikel der Serie
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Die Frau, die Cherson nicht verlassen kann
Oleksandra stammt aus Oleschky, zwanzig Kilometer entfernt von Cherson. „Ich bin in der Nähe eines schönen Waldes aufgewachsen.“ Sie liebt die Natur. Hier unten, im Keller des Theaters, hat ein Künstler Fenster an die Wände gemalt, dahinter imaginäre ukrainische Landschaften. Es ist die Illusion einer heilen Welt. Zunächst studiert Oleksandra Psychologie, später gründet sie ein Modelabel, das aber während der Corona-Pandemie in die Knie geht. Dann wird sie Kostümbildnerin in dem Schauspielhaus ihres Vaters. „Ich hatte immer eine enge Beziehung zum Theater.“
Sie erlebt in Cherson den Beginn der russischen Besatzung, in der ihr Vater Oleksandr verhaftet wird, weil er sich weigert, mit den Russen zu kooperieren. Aus demselben Grund wird der Chefdirigent Juri Kerpatenko erschossen. „Die Russen haben meinen Vater einen Faschisten genannt.“ Eineinhalb Jahre lebt sie in der Hauptstadt Kiew, auch wegen ihrer beiden Kinder, dann kehrt sie nach Cherson zurück. Sie kann nicht ohne diese Stadt.
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Mit „Kryla“ gegen die Verzweiflung
Im April 2023 gründet sie mit zwei ihrer fünf Geschwister Kryla. Kryla bedeutet „Flügel“. Sie und andere Freiwillige helfen Kindern, veranstalten im Keller des Schauspielhauses Theater-Kurse und Workshops, organisieren Freizeiten in den sicheren Karpaten im Westen des Landes und im Ausland. „Unser Ziel ist es, ihnen unvergessliche Erlebnisse zu schenken und ihnen zu ermöglichen, Kind zu sein.“ Noch immer leben etwa 4000 Kinder in der Stadt. Eigentlich, sagt Oleksandra, wäre es das Beste, wenn sie Cherson verließen. Aber manche Eltern können oder wollen nicht gehen.
Außerdem liefert Kryla Lebensmittel, Medikamente und andere Hilfsgüter an die Menschen der kriegsverwundeten Region. „Wir sind Einheimische, wir wissen, wo Hilfe gebraucht wird.“ Als nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms im Sommer 2023 ihr Heimatdorf Oleschky samt ihrem Elternhaus in den Fluten versinkt, beschaffen Oleksandra und ihre Mitstreiter Boote und Unterkünfte für die Flutbetroffenen. „Ich kann auch nicht mehr in mein eigenes Haus. Es liegt zu nah am Fluss.“ Auf der anderen Seite liegen die Russen. Sie schießen auf jeden, der ans Ufer kommt.
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Trotz allem läuft auch der Theaterbetrieb weiter. Im geschützten Keller haben sie einen kleinen Aufführungsraum mit sechzig Plätzen. Hier spielen sie Theater, geben Konzerte. Oleksandra lächelt: „Wir wollen, dass die Leute inspiriert werden.“





