Jetzt ist der Schnee da. Besonders malerisch ist der verschneite Rote Platz in Moskau, eingerahmt von der Basilius-Kathedrale und der Kremlmauer. Auch in diesem Jahr sind Buden aufgestellt, Magnet für die Touristen aus der Provinz und dem Ausland, aber auch für die Moskauerinnen und Moskauer. Alles ist weihnachtlich geschmückt, genauer gesagt: silvesterlich. Denn hierzulande ist der Jahreswechsel der große Tag, dann gibt es Geschenke, dann wird gefeiert.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Doch die Idylle zum Jahresende täuscht: Viele Menschen in Russland sind verunsichert, die Teuerung macht ihnen zu schaffen. Auch ich merke am eigenen Geldbeutel: Lebensmittel sind teurer geworden, Taxifahrten, Restaurantbesuche. Viele Wortmeldungen im „Direkten Draht“, der Jahrespressekonferenz von Präsident Wladimir Putin, gab es zu diesem Thema. Putin sprach von „gefühlter Inflation“, die wirkliche Inflation sei auf unter sechs Prozent gesunken. Ob ihm die Menschen das glauben?
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Russland: Viele Soldaten kommen traumatisiert zurück – das macht mir Angst
Und natürlich bewegt der Krieg die Russinnen und Russen. Laut einer Umfrage hoffen zwei Drittel aller Befragten auf Verhandlungen. Für kurze Zeit sah es so aus, als würden sie entscheidend vorankommen – bis Russland der Ukraine vorwarf, Putins Privatresidenz 600 Kilometer nordöstlich von Moskau mit Drohnen beschossen zu haben. Beweise gibt es dafür nicht. Aus dem Kreml heißt es, dies verändere die Verhandlungslage.

Den Bruch zwischen den USA und Europa nehmen auch die Menschen in Russland wahr. Vor allem der Ukraine ist zu wünschen, dass die täglichen Angriffe aufhören. Aber auch die Menschen in Russland spüren den Krieg. Die Schließung von Flughäfen wegen anfliegender Drohnen, Benzinmangel wegen zerstörter Raffinerien. Auch hier sterben Menschen durch Drohnenangriffe, nicht nur an der Front. Und: Irgendwann werden Hunderttausende Soldaten zurückkommen. Viele traumatisiert, viele gewaltbereit. Das macht Angst. Ehrlich gesagt: auch mir.
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Terror ist eine latente Gefahr. Die eigentlich sehr netten Wachleute in meinem Lieblingseinkaufszentrum sind schon seit geraumer Zeit mit Kalaschnikows bewaffnet. Erst vor wenigen Tagen starb in der Moskauer Innenstadt ein hochrangiger General durch eine Autobombe. Die Hintergründe der Tat sind ungeklärt. Zwei Tage später tötete in der Nähe des Tatortes eine Bombe zwei Polizisten und einen mutmaßlichen Attentäter. Aber auch die Gewalt an den Schulen nimmt zu. Im Dezember griff ein 15-jähriger Neuntklässler Mitschüler und einen Wachmann mit einem Messer an. Ein Kind starb. Zuvor verfasste der Täter ein Manifest mit dem Titel „Mein Zorn“.
Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Hass auf Migranten wächst in Russland
Die Ausländerfeindlichkeit wächst. Jugendliche bedrohen Arbeitsmigranten in einem Pendlerzug. In Saratow wurde ein Einwohner festgenommen, weil er versucht hatte, eine Frau mit Hidschab zu erstechen. Lieferboten werden angegriffen, es gibt Brandanschläge auf Moscheen. Die Reaktion: In den vielfach muslimisch geprägten Regionen im Nordkaukasus erstarken Antisemitismus und Islamismus. Nicht umsonst tritt 2026 eine neue nationale Strategie in Kraft, die „die Solidarität der Menschen, das Gefühl der Verbundenheit mit dem Schicksal des Vaterlandes sowie die Verantwortung für dessen Gegenwart und Zukunft“ stärken soll. Dabei soll staatliche Identitätsgefühl nicht im Widerspruch zur ethnischen Identität stehen. So der Plan. Geht er auf? Ich habe da Zweifel.
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Gerechtigkeit in der Gesellschaft ist ein Thema, das viele bewegt. Im Fokus stand der Fall der Sängerin Larissa Dolina. Sie wurde von Betrügern abgezockt, verkaufte ihre Luxuswohnung, gab das Geld den Tätern, die sich als Staatsbeamte ausgaben. In Russland ein uralter Trick. Dolina allerdings zog mit ihrem Promi-Bonus vor Gericht, der Verkauf der Wohnung wurde rückgängig gemacht. Den Schaden hatte nun die rechtmäßige Käuferin. In der russischen Öffentlichkeit brach ein Sturm der Entrüstung los, die Geschichte machte Schlagzeilen. Ein bekannter Musikkritiker rief zum Boykott der Künstlerin auf, Fans gaben Konzerttickets zurück. Sogar im russischen Parlament wurde der „Fall Dolina“ behandelt. Schließlich hob der Oberste Gerichtshof das Urteil auf. Dolina muss nun ausziehen.

Als Korrespondent in Russland: Immer noch sind die meisten freundlich zu mir
Was ich mir für 2026 wünsche? Ein Ende des Krieges natürlich. Vielleicht ist dieses nicht allzu weit entfernt, hoffe ich. Und ganz banal: ein besseres Internet. Vieles funktioniert inzwischen nur noch unzureichend. Telefonieren über Whatsapp: Fehlanzeige. Viele Seiten im Netz sind blockiert. Auch für die Menschen in Russland ist das ärgerlich.
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Was mich als Deutschen in Russland beschämt, ist der Russenhass in meiner Heimat, geschürt zuweilen auch von der deutschen Politik. Nach wie vor behandeln mich die Menschen hierzulande überwiegend freundlich und höflich. Und das, obwohl ich doch aus dem „Feindesland“ komme, aus einem Land des bösen „Westens“ (neuerdings minus der USA), dessen Untergang die Staatsmedien tagtäglich vorhersagen.
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Reden hilft, heißt der alte Spruch. Privat und auch politisch. Reden auch mit Putin. Der Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz hat es getan – und zog sich viel Hass und Kritik zu. Donald Trump hat es getan. Vielleicht erfolgreich. Und Emmanuel Macron, der französische Staatschef, wird es tun. Bleibt Russland für die Europäer weiterhin ein düsteres Reich des Bösen, gegen das man schrankenlos aufrüsten muss, dann tut man nicht nur den Menschen in Russland Unrecht. Dann droht ein Schreckgespenst: Die USA, China und Russland teilen ihre politischen und wirtschaftlichen Interessensphären auf, der Rest der Welt, auch Europa, muss zuschauen. Das ist das, was ich mir für 2026 nicht wünsche.












