Behände betritt der 99-jährige Leon Weintraub die Bühne der Essener Lichtburg. Aus seiner Wahlheimat Schweden ist der Auschwitz-Überlebende in den größten Kinosaal Deutschland gereist. Gemeinsam mit der FUNKE- Verlegerin Julia Becker und weiteren Mitstreitern möchte er an diesem Abend eindringlich warnen: Vor einem erstarkenden Populismus, Hetze und Überheblichkeit, die vor allem im Internet immer mehr Zuspruch finden. Mit „tiefer Trauer“ blicke er auf die wachsenden politischen Extreme, die sich 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erneut in Europa breitmachen. „Es ist für mich unbegreiflich“, sagt er, „wie der Holocaust – ein Ereignis, das wie kein anderes zuvor in der Geschichte der Menschheit in Worten, Bildern und Filmen dokumentiert wurde – derart in Vergessenheit geraten und von einigen Extremisten sogar geleugnet werden kann.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Propaganda-Mechanismen, die den Nazis einst ihren Aufstieg ermöglichten, ähnelten denen der heutigen Zeit, erklärt Julia Becker – lediglich die Kanäle hätten sich verändert. In einer durch Krisen erschütterten Welt, die kaum noch zur Ruhe komme, sei die Wahrheit zu einem Spielball geworden. „Ich sehe, wie müde die Menschen von den Dauerkrisen geworden sind und wie sie sich immer mehr in ihre digitalen Blasen zurückziehen“, so die Verlegerin. Sie kritisiert die Rolle der sozialen Medien scharf: „Wut statt Wissen. Tempo statt Tiefe. Misstrauen statt Mitgefühl“, beherrschten den Ton auf Facebook, Instagram und Co. Immer weiter befeuert werde das Gegeneinander durch einen Algorithmus, der Extreme bevorzuge und die Menschen kaum mit anderen Meinungen in Berührung bringe.

Veranstaltung Lichtburg in Essen
FUNKE-Verlegerin Julia Becker unterstützt die „Initiative 18“, die sich für eine freie, sichere und nachhaltige Presse einsetzt.© FUNKE Foto Services | Svenja Hanusch

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Anerkennung der Pressefreiheit als Nachhaltigkeitsziel

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Darüber hinaus plünderten die großen Tech-Konzerne die klassischen Zeitungsverlage zunehmend aus – sowohl ihre Leser als auch ihre Werbeeinnahmen. „Wie mit einem Schaufelradbagger“, so beschreibt es Julia Becker. Dazu nutzten und verbreiteten Techkonzerne Inhalte, ohne dafür zu bezahlen oder Verantwortung zu übernehmen. In diesem Kontext setzt sich die „Initiative 18“ für die Anerkennung der Pressefreiheit als 18. Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen ein. Mit Manfred Kluge ist es ausgerechnet ein Mediaplanner, der sich an die Spitze der Initiative gesetzt hat. 2015 hatte die UN 17 Nachhaltigkeitsziele formuliert, die bis 2030 umgesetzt werden sollen, darunter etwa den Zugang zu Bildung, Gesundheit und sauberem Wasser.

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Was fehle, sei das Recht auf eine freie, sichere und nachhaltige Presse: Sie bilde den Eckpfeiler für Demokratien. Das sei vor zehn Jahren vielfach noch selbstverständlicher gewesen. Heute hingegen dominierten schädliche Inhalte das Internet, während Hatespeech und Propaganda zunehmend die Oberhand gewännen, so Kluge. In seinem Beruf berät er Unternehmen bei der Verteilung ihrer Werbebudgets. Nun fordert er sie aktiv dazu auf, nicht nur in reichweitenstarke US-Plattformen zu investieren, sondern auch den seriösen Journalismus finanziell zu unterstützen.

„Führer und Verführer“: Film zeigt Gleichschaltung der Medien

Was passieren kann, wenn Medien gleichgeschaltet werden und nur noch Emotionen bedienen, zeigte schließlich ein Ausschnitt aus dem Film „Führer und Verführer“ auf beklemmende Weise. Produzent Michael Souvignier und sein Team hatten dafür Schlüsselszenen um den NS-Propagandaminister Joseph Goebbels (gespielt von Robert Stadlober) ausgewählt. „Was wahr ist, bestimme ich!“, sagt Goebbels dort und bringt sein Kommunikations-Team auf Linie: „Je einfacher und primitiver, umso besser!“ Der Film gipfelt im Berliner Sportpalast, wo Goebbels die wohl unheilvollste Rede Deutschlands hält. Mit einer einzigen Frage versetzt er die Menge in Ekstase: „Wollt ihr den totalen Krieg?“