Da ist dieses eine Foto, ein junger Mann, vielleicht aus Syrien. Um die rechte Schulter trägt er eine Sporttasche, in der linken Hand eine Plastiktüte. Er hält ein Foto hoch, etwas zerknittert, aber klar: Es ist ein Porträt von Angela Merkel, der Kanzlerin.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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2015 flohen in wenigen Tagen Zehntausende vor allem aus Griechenland über den Balkan, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Bis zum Ende des Jahres werden es Hunderttausende sein. Ende August sagt Merkel ihre berühmten Worte bei einer Pressekonferenz in Berlin: „Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden.“

Interview-Serie zu 10 Jahre Merkels „Wir schaffen das“

An diesem Satz klebt Hoffnung. Und Deutschland wurde zu einem Sehnsuchtsort, einem Schutzraum. Aber hinter großen Worten der Politik steckt nicht nur Stolz, sondern auch viel Fleiß, viel Arbeit. Schnell wuchs damals bei einigen der Frust. Es war nicht Merkel, die vor Ort die Registrierung, Versorgung und Unterbringung der Menschen organisieren musste. Das Land ließ die Grenzen offen – und stieß doch selbst an Grenzen.

Unsere Redaktion hat mit Alltagshelden von 2015 gesprochen: dem Bürgermeister im sächsischen Heidenau, der damals einen Besuch der Kanzlerin erlebte – und zugleich einen Aufmarsch von Rechten und wütenden Anwohnern. Die Helferin, die Erfolge, Stolz, aber auch einen Suizid erleben musste. Der Bundespolizist, der an einem Sonntagmorgen eigentlich aufs Volksfest wollte und dann eine der größten Polizeilagen seiner Laufbahn erlebte. Und der Geflüchtete selbst, ein Mann aus Syrien, der damals in Deutschland ankam und sich „wie ein Sieger fühlte“. Lesen Sie hier die Protokolle eines historischen Sommers:

„Ein Staat muss wissen, wer kommt. Damals wussten wir es nicht“: der Bürgermeister

10 Jahre "Wir schaffen das"
Jürgen Opitz, damals und noch viele Jahre danach war er Bürgermeister im sächsischen Heidenau. Erst dieses Jahr ging er in den Ruhestand.© privat | Privat

Jürgen Opitz, damals Bürgermeister in Heidenau:

„Der Anruf von Merkels Büroleiterin kam kurzfristig, die Kanzlerin hatte einen geplanten Termin bei einer Uhrenmanufaktur in Glashütte, wollte aber nun spontan nach Heidenau reisen, um die Erstaufnahmeeinrichtung zu besuchen. Die Stimmung im Ort war angeheizt, die rechtsextreme NPD hat mobilisiert gegen die Asylunterkunft in dem alten Baumarkt. Es kamen noch, ich sag mal, rechte Touristen aus Freital und Dresden an.

Die Kanzlerin fuhr in der Limousine vor, ich wartete an der Einrichtung, hörte die Rufe der wütenden Protestler. Volksverräter, riefen sie. Schlampe. Das war unterste Schublade. Wir saßen dann zusammen in der Einrichtung, auf Plastikstühlen. Merkel war angespannt, man hat ihr angesehen, wie nahe ihr die Beleidigungen gingen. Draußen machte sie dann Selfies mit mehreren Geflüchteten, viele klatschten. Aber die Buhrufe von draußen waren lauter.

Nach Merkel-Selfie: Ein Flüchtling und sein neues Leben

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    Als Merkel weg war, richtete sich der Protest der Rechten und einiger Anwohner gegen mich. Ich sei ein Volksverräter, solle mich schämen. Es gab auch Drohungen. Aber was damals kaum jemand gesehen hat: In Heidenau haben sich viel mehr Menschen für die Flüchtlinge eingesetzt, dort gekocht, Deutsch unterrichtet, mit den Kindern gespielt. Nicht alle Heidenauer waren Nazis, so wie das manche Medien darstellten.

    Ich habe mich mit vielen Kritikern der Aufnahme getroffen, lange Gespräche geführt. Und dann merkten die Menschen nach und nach: Es funktioniert. Wir können es schaffen. Das denke ich auch heute: Wir haben es geschafft. Es war eine Herausforderung. Aber der Satz von Merkel hat mir damals Zuversicht gegeben.

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    #17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
    Meine schwerste Entscheidung
     

    Klar ist zehn Jahre nach diesem Sommer: Es lief nicht alles gut. Das war schon damals zu sehen. Die Asylsuchenden, die zu uns in die Erstaufnahmeeinrichtung kamen, wurden erst hier registriert. Das haben die Leute damals wie heute nicht verstanden. Ein Staat muss wissen, wer kommt. Damals wussten wir es nicht.

    2022 gelang es uns besser, als die Menschen aus der Ukraine flohen. Heute leben noch 200 Flüchtlinge in Heidenau, die meisten in privaten Wohnungen. Die Stimmung im Ort ist offen und nicht feindselig. Das war schon damals zu spüren. Kurz nach den Ausschreitungen kam eine Frau zu mir ins Büro, sie weinte, sagte, sie sei bei den Pöblern dabei gewesen. Aber es habe ihr leidgetan, sich geschämt. Sie hatte drei Kuchen gebacken und zu den Flüchtlingen in die Unterkunft gebracht.“

    „Noch heute bekommen wir Einladungen zu Taufen oder Hochzeiten“: die Helferin

    Wir schaffen das- Birgitt Epp
    Entschied sich schon vor 2015 zum Helfen – und tut das bis heute: Birgitt Epp aus Fürstenfeldbruck.© privat | Privat

    Birgitt Epp, vom Asylhelferkreis Fürstenfeldbruck:

    „Für mich war es keine große Frage, dass ich Menschen auf der Flucht helfen möchte. Ich reise selbst gerne in andere Länder, und bin ich froh, wenn Fremde mir zur Seite stehen. Im Sommer 2015 war die Hilfsbereitschaft in unserer Nachbarschaft riesig. Gerade als das Bild des ertrunkenen kleinen Jungen an der türkischen Küste um die Welt ging, kamen viele, brachten Kleidung, gaben Deutschkurse, spielten mit den Kindern in der Unterkunft.

    Mir fiel die große Dankbarkeit auf, Geflüchtete luden uns zum Tee oder Essen ein. Noch heute bekommen wir als Helfer Einladungen zu Taufen oder Hochzeiten. Seit 2015 sind Freundschaften gewachsen. Zu vielen Flüchtlingen. Aber auch unter uns Helfenden.

    10 Jahre "Wir schaffen das"
    Hunderte Freiwillige bringen im September 2015 Getränke und Kleidung in den Hauptbahnhof in Frankfurt am Main, um Flüchtlinge willkommen zu heißen.© epd | Thomas Lohnes

    Es gibt immer wieder auch Frust und Enttäuschung. Viele leben über Jahre in den Unterkünften, dürfen eine lange Zeit nicht arbeiten aufgrund einer Duldung. Ich wünsche mir, dass gerade bei der Wohnungsnot unter Asylsuchenden mehr geholfen wird. Wir mussten in dieser Zeit sogar einen Selbstmord erleben. Das hat uns tief erschüttert, wir saßen gemeinsam mit den Geflüchteten in der Unterkunft, trauerten, haben ein Foto des Gestorbenen aufgehangen.

    Und immer wieder hören wir die Geschichten von der Flucht, von Gewalt in der Heimat, manche zeigten mir Videos auf ihrem Handy von Bombeneinschlägen, Fotos von Folter. Das macht mich betroffen. Wir treffen uns dann als Helfergruppe und reden auch über das Erlebte. Das hilft uns Helfern.

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    Heute, zehn Jahre später, ist die Gruppe der Ehrenamtlichen kleiner. Wir können nicht mehr alles leisten, und nicht für jeden. Wir schauen, wem wir helfen müssen, und wer sich bemüht, in Deutschland anzukommen. Gerade Kinder und Familien brauchen Unterstützung. Wir bieten tägliche Hausaufgabenhilfe an, eine Fahrradwerkstatt, wir helfen bei Wohnungssuche und Bewerbungen für eine Arbeitsstelle.

    Was mich stolz macht, sind die Erfolge. Eine junge Syrerin ist erst ein paar Jahre in Deutschland und bekommt in der Schule schon eine 2 in Deutsch. Oder eine Familie, in der die Eltern arbeiten, die Kinder in die Kita gehen. Die führen ein normales Leben. Die haben es geschafft.“

    „Solange das Gesetz mich schützt, ist mir egal, was Alice Weidel sagt“: der Geflüchtete

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    Hat es geschafft und in Deutschland ein neues Leben begonnen: Der Syrer Moutasm Alyounes floh 2015 über die Türkei und den Balkan nach Deutschland.© privat | Privat

    Moutasm Alyounes, aus Syrien:

    „Ich kam im August 2015 nach Deutschland, mit dem Schlauchboot und über die Balkanroute. Das Erste, was ein Polizist auf der Wache zu uns gesagt hat, war: ‚Welcome to Germany‘. Wir waren in Sicherheit – ich habe mich gefühlt wie ein Sieger. Auf den Ämtern hieß es dann erst einmal: Hier wird nur Deutsch gesprochen. Dolmetscher gab es kaum. Wir haben einfach unterschrieben, was man uns hingelegt hat, wir hatten ja keine Wahl.

    Ich bin zuerst nach Münster gegangen, weil jemand gesagt hat, da gibt es gute Unis. Die Behörden haben mich dann zwei Monate lang von einer Stadt zur nächsten geschickt, am Ende war ich in Essen. Seitdem bin ich stolzer Essener.

    Ich war 17, als ich nach Deutschland kam. Ich habe hier mein Abitur gemacht und studiere jetzt Bauingenieurwesen. Und ich engagiere mich: Ich habe ein Buch geschrieben über meine Geschichte, ich mache Workshops zum Thema Flucht – bei der Polizei, in Schulklassen, an Hochschulen. Und ich bin inzwischen Staatsbürger, ich wollte Teil dieser Gesellschaft sein. Ich weiß, dass es Leute gibt, die das nicht wollen. Aber solange das Grundgesetz mich schützt, ist es mir egal, was Alice Weidel im Bundestag sagt.

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    Merkels Satz war richtig – und wir haben es geschafft. Aber Anschläge wie auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin oder in Solingen stellen das infrage. Man hätte diese Anschläge verhindern können. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Behörden in Deutschland oft nicht vorausschauend handeln, sondern erst wenn es sein muss. Wie eine Art Feuerlöscher. Oft ist es dann zu spät.

    Wenn man geflüchtet ist, hat man immer das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Und egal ob in Chemnitz oder in Münster, die Leute haben überall dieselben Vorurteile. Aber ich will keine Opferrolle. Ich zwinge die Leute, auf Augenhöhe mit mir zu reden. Auch das hat mir das Grundgesetz beigebracht.“

    „Ich hätte nicht gedacht, dass wir heute noch in dieser Lage leben“: der Bundespolizist

    10 Jahre "Wir schaffen das"
    Erlebte 2015 den Einsatz an direkt der Grenze und ist heute Inspektionsleiter Bundespolizeiinspektion Freilassing: Ludger Otto© privat | Privat

    Ludger Otto, damals stellvertretender Inspektionsleiter in Rosenheim:

    „Ich erinnere mich noch gut, es war ein Sonntag, Mitte September. Eigentlich war ich mit zwei Kollegen verabredet. In Rosenheim war Volksfest, wir wollten zum Frühshoppen. Dann klingelte mein Telefon.

    Mein damaliger Inspektionsleiter rief mich an, ein größerer Einsatz stehe an, sagte er. Details gibt es auf der Dienststelle. Damals kamen schon Züge mit Migranten aus Ungarn, ich dachte, wir müssen wohl die Polizeieinheiten in München unterstützen. Doch es kam anders.

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    Der Einsatzbefehl lautete: Grenzkontrollen, ab heute Abend, 18 Uhr. Ich war überrascht, aber bei weitem nicht panisch. Auch unsere Dienststelle war vor ein paar Monaten in die Einsatzmaßnahmen beim großen G7-Gipfel auf Schloss Elmau eingebunden, schon in dieser Zeit hatten wir Kontrollen an der Grenze organisiert und durchgeführt.

    Und trotzdem: Es wurde ein Mammut-Einsatz. 2000 Bundespolizisten rückten an, viele kamen direkt von einer Großdemo aus Hamburg. Es mussten Hotels gefunden, Standorte für Verpflegung aufgebaut, die Grenzposten an der Autobahn sowie in Freilassing am Bahnhof und an der Saalbrücke stationiert werden.

    Am Abend ging es los. Früh am nächsten Morgen hieß es, dass 2000 Menschen zu Fuß unterwegs aus Salzburg sind. Zum Glück war es eine Fehlermeldung. Vieles war unsicher in diesen Tagen. Und dennoch lief die Zusammenarbeit mit den Polizisten in Österreich sehr gut.

    Dann ging die Lage los. Zunächst kamen Fernzüge aus Ungarn. Wir haben die ‚Lage eingefroren‘, die Züge angehalten, die Menschen gezählt – und dann in ein leerstehendes Möbellager transportiert. Vor Ort waren dann schon der Landrat und der Bürgermeister, es kamen Rettungskräfte – und vor allem sehr viele Freiwillige aus der Region, die uns geholfen haben.

    Als dann für einige Wochen keine Züge mehr über die Grenze gefahren sind, kamen die Menschen zu Fuß. In Freilassing war das die Saalbrücke, auf der jeden Monat Zehntausende, an einem Tag mehr als 4500 Migranten gekommen sind. Neben vielen jungen Männern aber auch Familien mit kleinen Kindern, die meisten nur mit zwei, drei Taschen. Das ist alles, was ihnen geblieben ist, dachte ich.

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    Beeindruckt war ich vom Durchhaltevermögen der Kolleginnen und Kollegen. Manche waren zwölf Tage im Einsatz, oft Nachtschichten, nicht selten 15 Stunden am Stück. Ein Polizist aus Berlin erzählte mir, wie gut er empfangen wurde in der Region. Es gab nie Argwohn, nur Hilfe. Beim Bäcker ließen ihn die Menschen an der Kasse vor, er müsse ja schnell wieder zur Grenze.

    Heute kontrollieren wir noch immer. Und ich hätte damals nicht gedacht, dass wir zehn Jahre später noch immer in dieser Lage leben.“