Sozialleistungen sind der größte Posten, bis Asylsuchende in Deutschland in Arbeit kommen. Das sagt der Forscher Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Auch Sprachkurse kosten, ebenso die Bildungsausgaben für Kinder und Jugendliche. „Doch diese Investition zahlt sich langfristig aus“, sagt Brücker im Interview mit dieser Redaktion. Sorge bereitet ihm die Lage von geflüchteten Frauen am Arbeitsmarkt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Zehn Jahre ist es her, da sagte die damalige Kanzlerin Angela Merkel ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das.“ Damals kamen in wenigen Monaten Hunderttausende Schutzsuchende vor allem aus Syrien, Irak und Afghanistan nach Deutschland. Was hat Deutschland in zehn Jahren tatsächlich geschafft? Und was nicht? In einer Serie in Gesprächen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gehen wir den wichtigsten Fragen auf die Spur.
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Vor zehn Jahren sagte Merkel ihre berühmten Worte „Wir schaffen das“. Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie den Satz hören?
Herbert Brücker: Ich dachte damals: Das ist ein trivialer Satz. Natürlich müssen wir es schaffen. Wir müssen aber vor allem darüber reden, was geschafft wurde, was nicht. Und was wir noch schaffen wollen. Und zehn Jahre später denke ich vor allem: Wir haben mehr geschafft, als wir damals angenommen hatten. Mein Team und ich erwarteten 2015 eine Integration in den Arbeitsmarkt, wie wir sie in den 1990er-Jahren bei Geflüchteten aus Jugoslawien erlebt haben. Doch wir stehen viel besser da. Schon 2022 waren rund zwei Drittel der Menschen erwerbstätig, die 2015 hierher geflohen waren. Da liegt Deutschland gemeinsam mit Norwegen an der Spitze.

Zugleich liegt heute die Arbeitslosenquote bei Asylsuchenden bei 40 Prozent, mehr als zwei Drittel empfangen Sozialhilfe. Ist das ein Erfolg?
Brücker: Diese Zahlen beziehen sich auf alle Asylsuchenden – also auch die Menschen, die erst in diesem oder vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind. Wer erst ankommt, hat natürlich nicht gleich Arbeit. Für manche Flüchtlinge gilt ein Arbeitsverbot, andere müssen Integrationskurse absolvieren, wieder andere stecken in Asylverfahren. Da ist klar, dass Arbeitgeber anfangs sehr zurückhaltend sind mit einer Einstellung. Integration in den Arbeitsmarkt braucht Zeit, es ist erst mal eine Investition des Staates in die Menschen. Transferleistungen sind der größte Posten, bis Menschen in Arbeit kommen. Aber auch Sprachkurse kosten, die Bildungsausgaben für Kinder und Jugendliche. Doch diese Investition zahlt sich langfristig aus. Das sehen wir bei den Menschen, die 2015 kamen. Dort sind deutlich weniger Menschen von sozialen Transferleistungen abhängig, als bei Geflüchteten, die erst kürzlich nach Deutschland kamen.
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Was hat Deutschland in den vergangenen zehn Jahren gelernt?
Brücker: Die Arbeitsvermittlung ist professioneller geworden. Die Sprachkurse bereiten Menschen gezielter auf den Arbeitsmarkt vor, Länder und Kommunen haben viel in Bildung investiert. 2015 fehlte das alles. Es war noch gesetzlich verboten, dass Asylbewerber an Integrationsprogrammen des Bundes teilnehmen, und Deutschland war völlig unvorbereitet. Der Staat hätte die Integration jedoch niemals so erfolgreich gemeistert ohne den Einsatz der Ehrenamtlichen.
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Viele Menschen in Deutschland sind nicht mehr bereit für Investitionen, viele wünschen sich eine restriktivere Migrationspolitik.
Brücker: Aufnahme von Schutzsuchenden ist eine humanitäre Aufgabe. Deutschland leistet viel – aber noch viel stärker betroffen von Fluchtkrisen sind Staaten wie die Türkei, Jordanien, Iran oder der Libanon. Klar ist, die Kosten für die Integration sind weder weltweit noch in Europa fair verteilt. Deutschland ist Hauptaufnahmeland in der EU. Die unfaire Verteilung senkt leider die Bereitschaft und Anreize zu helfen. Hier liegt eines der zentralen Probleme. Aber wenn wir uns bemühen, kann die Integration erfolgreich gelingen. Und wir müssen manches besser machen. Nur ein Beispiel: Asylsuchende werden oft in strukturschwachen Regionen angesiedelt. Vor allem weil dort die Mieten günstiger sind. Aber dort fehlen auch Arbeitsplätze. Deutschland braucht eine bessere Abstimmung: Geflüchtete müssen eher dort wohnen, wo Arbeitsstellen unbesetzt bleiben.

Wir sehen gerade bei geflüchteten Frauen eine hohe Arbeitslosigkeit.
Brücker: Das stimmt. Die Frauen, die hierher geflohen sind, sind im Durchschnitt jünger als deutsche Frauen. Die meisten haben Kinder, und wenn sie Kinder haben, dann im Durchschnitt drei. Häufig Kleinkinder. Es gelingt nur schwer, diese jungen Mütter in Arbeit zu bringen. Und das ist schon bei deutschen Frauen ein Problem, die keine Sprachbarriere haben. Was hier fehlt, ist die Kinderbetreuung. Fehlende Kita-Plätze sind ein wesentliches Manko, um geflüchtete Frauen in Erwerbstätigkeit zu bringen. Hinzu kommt ein Bildungsgefälle. Zwar haben 40 Prozent der geflüchteten Frauen genau wie die Männer Gymnasien, Fachoberschulen und andere weiterführende Schulen besucht, knapp zwanzig Prozent studiert. Aber mit einem Drittel haben deutlich mehr Frauen nur sechs Schuljahre oder weniger absolviert, vor allem Frauen aus Afghanistan. Die müssen Bildungsabschlüsse nachholen, das verzögert die Arbeitsmarktintegration. Und viele andere haben in ihrer Heimat als Lehrerin oder Erzieherin gearbeitet – doch gerade in diesem Bereich erkennt Deutschland die Abschlüsse nicht an. Das ist ein Hindernis für Integration.
Welche Rolle spielt die kulturelle Prägung, dass Frauen zu Hause bleiben und die Kinder erziehen?
Brücker: Wir sehen interessanterweise nur geringe Unterschiede zur deutschen Bevölkerung bei der Einstellung zur Erwerbstätigkeit. Geflüchtete Frauen wollen genauso wie deutsche Frauen arbeiten, und betrachten das als wichtig für ihre Gleichberechtigung. Auch die demokratischen Grundwerte unterscheiden sich nicht. Konservativer sind dagegen die Familienwerte, so werden beispielsweise Schwangerschaftsabbrüche oder Ehescheidungen sehr viel stärker als in der deutschen Bevölkerung abgelehnt. Was noch zu wenig thematisiert wird: Es sind gerade Frauen, die in Kriegen und auf der Flucht Gewalt erleben. Frauen sind eher vulnerabel und leiden unter psychischen Erkrankungen aufgrund ihrer Erlebnisse. Doch wer krank ist, kann schlechter arbeiten. Hier fehlen häufig die Hilfsangebote. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein Schlüssel für die Integration.










