Auch zehn Jahre nach der Fluchtkrise 2015 sind vor allem wirtschaftsstarke Orte mit einem gesunden Arbeitsmarkt aufnahmebereit, sagt die Migrationsforscherin Birgit Glorius. Als Humangeografin blickt sie nicht nur auf die globalen Fluchtbewegungen, die seit Jahren zunehmen. Sie schaut auch darauf, wie Integration von Schutzsuchenden vor Ort, in den Gemeinden und Städten, gelingen kann. Glorius sagt: „Ein Vorteil ist, wenn eine Gemeinde bereits Erfahrungen mit internationalen Migranten hat, etwa durch Einwanderung aus der Türkei oder Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Zugleich sieht die Wissenschaftlerin gerade in Ostdeutschland einen wachsenden Hass auf „Kulturfremde“. AfD-Wähler würden eine Identitätskrise erleben – „und lassen ihre Wut bei Fremden aus“, so Glorius. Was dahintersteckt, erklärt sie im Gespräch mit dieser Redaktion.

Zehn Jahre ist es her, da sagte die damalige Kanzlerin Angela Merkel ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das.“ Damals kamen in wenigen Monaten Hunderttausende Schutzsuchende vor allem aus Syrien, Irak und Afghanistan nach Deutschland. Was hat Deutschland in zehn Jahren tatsächlich geschafft? Und was nicht? In einer Serie in Gesprächen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gehen wir den wichtigsten Fragen auf die Spur.

Frau Glorius, Sie sind nicht nur Migrationsforscherin, sondern auch Professorin für Humangeografie. Wie blicken Sie auf die Integration von Asylsuchenden?

Birgit Glorius: Als Humangeografin schaue ich auf die Räume, in denen sich Menschen begegnen und sich ihre Umwelt aufbauen – das kann auf großer, globaler Ebene sein, wo wir in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme von Fluchtbewegungen sehen. Mein Blick geht aber auch auf die lokale Ebene, auf Städte und Gemeinden im ländlichen Raum, in denen etwa ein Bürgermeister in seinem Ort die Integration von Asylsuchenden stemmen muss. Dabei schaue ich auf den Arbeitsmarkt und die Situation am Wohnungsmarkt, untersuche aber etwa auch die Bildungspolitik.

Prof. Dr. Birgit Glorius
„Starke Akteure vor Ort können die Aufnahmebereitschaft beeinflussen“: Humangeografin Birgit Glorius. Foto: Technische Universität Chemnitz© Jacob Mueller | Jacob Mueller

Kanzlerin Merkel sagte vor zehn Jahren „Wir schaffen das“. Was sagen Sie heute?

Glorius: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt Regionen in Deutschland, die haben die Integration von vielen Geflüchteten sehr gut bewerkstelligt. Gerade wirtschaftsstarke Orte mit einem gesunden Arbeitsmarkt waren und sind aufnahmebereit. Ein Vorteil ist, wenn eine Gemeinde bereits Erfahrungen mit internationalen Migranten hat, etwa durch Einwanderung aus der Türkei oder Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Und: Starke Akteure vor Ort können die Aufnahmebereitschaft beeinflussen, etwa eine engagierte Bürgermeisterin, die gut vernetzt ist, kollegial durch Krisen führt.

Zugleich stöhnen viele Bürgermeister und Landräte über die hohe Belastung durch Asylsuchende.

Glorius: 2015 trafen in kurzer Zeit eine Million Menschen auf Kommunen und Verwaltungen, die damit überfordert waren. Sind Regionen schlecht verwaltet, überaltert und unterfinanziert, können sie Menschen kaum nachhaltig integrieren. Das sehen wir bis heute. Marode Schulen, schlechte Anbindung an das Bahnnetz, wenig soziale Räume wie Schwimmbäder oder Kinos – wir sehen Probleme, die es auch ohne Migration gibt.

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Probleme, die durch Flucht und Migration aber verschärft werden können …

Glorius: … und die durch kluges Handeln gelöst werden können. Nur ein Beispiel: 2015 machten Länder und Kommunen den Fehler und brachten Geflüchtete in den Randgebieten der Republik unter. In der Provinz – Orte abseits der Kleinstädte – gibt es zwar günstigen Wohnraum, zugleich aber weder Arbeitsplätze, Bildungsorganisationen, Bustransfer oder Geschäfte, geschweige denn eine migrantische Community, die bei der Integration helfen kann. Wer dann kein Auto hat, ist aufgeschmissen. Und die Anwohner vor Ort haben berechtigte Sorgen: Was sollen die Asylsuchenden den ganzen Tag machen? 2022, als eine Million Ukrainerinnen und Ukrainer hierher geflohen waren, machte Deutschland nicht diesen Fehler wie 2015. Die Verteilung der Menschen, ihre Unterbringung und Versorgung funktionierte viel besser.

Die Stimmung hat sich seit 2015 stark gewandelt. Menschen fühlen sich überfordert mit der Aufnahme von Asylsuchenden, vermissen auch eine Bereitschaft der Integration. Wie sehen Sie das?

Glorius: Ich sehe eine hohe Bereitschaft zur Integration. Wir erleben junge Menschen, die kommen mit 12 Jahren aus Syrien und machen dann noch ihr Abitur. Wir sehen den 20-Jährigen aus Afghanistan, der eine duale Ausbildung meistert. Wer flieht, ist hoch motiviert, ein neues Leben zu starten. Es gibt die Erfolgsgeschichten, aber wir reden zu wenig darüber. Und es gibt die Vorurteile gegen Migranten. Mir erzählte mal ein junger Geflüchteter, wie er in seiner Arbeitskleidung viel Wertschätzung erfährt, und wenn er dann abends Freizeitkleidung anzieht, beginnen die verächtlichen Blicke. Aber natürlich: Es gibt Menschen, bei denen der Wille zur Integration nachlässt. Vor allem dann, wenn Menschen keine Arbeit finden, die Sprache nicht lernen können, keine Freundschaften oder Familie finden. Das überrascht nicht, und ist auch nicht allein bei Geflüchteten zu beobachten. Eine schrumpfende Motivation sehen wir etwa auch bei deutschen Langzeitarbeitslosen.

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Die AfD hat repressive Asylpolitik zu ihrem Markenkern gemacht. Wie beeinflusst das die Integration?

Glorius: Wir erkennen in Untersuchungen eine starke Korrelation zwischen hohen AfD-Wählerquoten in einem Ort und einer niedrigen Bereitschaft zur Aufnahme von Geflüchteten. Die AfD-Wähler treibt zum einen eine Feindseligkeit zu Kulturfremden, zum anderen ist da ein Neid auf die Leistungen, die Asylsuchende erhalten — auch wenn es nur ein Minimum zu Leben ist. Gerade in Ostdeutschland beobachte ich Frust bei einheimischen Menschen, die sich vom Staat nicht gesehen fühlen. Das hängt sicher auch mit der Geschichte des Ostens zusammen und den Fehlern, die bei der Wiedervereinigung passiert sind. AfD-Wähler erleben eine Identitätskrise – und lassen ihre Wut bei Fremden aus. Die Asylsuchenden sind dann gar nicht das Problem, dahinter stecken oft Wünsche nach besserer Mobilität im Alter im ländlichen Raum, die Sorge, weil die Jugend fehlt und die Gesundheitsversorgung eingedampft wird.

Gerade ist das neue Buch von Birgit Glorius im Transcript Verlag erschienen: „Flucht, Ankommen und sozialer Wandel“. Es ist kostenlos hier verfügbar.