Über dem Dorf brütet die Sonne. Ljuda, eine Frau um die 60, steht auf dem kleinen Feld hinter ihrem Haus, schiebt mit einer Schaufel die trockene Erde zur Seite, sammelt Kartoffeln fürs Mittagessen ein. Sie wischt sich den Schweiß von der Stirn, deutet in Richtung Nordosten, sagt: „Von da kommen sie.“ Und dann deutet sie nach Westen: „Dorthin fliegen sie.“ Drohnen, Raketen und Marschflugkörper meint sie, die Russland zuletzt fast jede Nacht zu Hunderten in die Ukraine schickt.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Ljudas Dorf liegt irgendwo zwischen Kiew und der russischen Grenze. Es ist genau diese Gegend, über die vor allem in der Nacht die allermeisten Drohnen fliegen, wenn Russland Städte wie Kiew, Luzk, Lwiw oder Czernowitz mit Hunderten Drohnen beschießt. Und genau hier startet die ukrainische Flugabwehr ihre ersten Versuche, diesen Wahnsinn zumindest ein klein wenig zu minimieren.

Mehr Reportagen von Kriegsreporter Jan Jessen

Patriots fehlen, Freiwillige kämpfen – Ukraines Abwehr am Limit

Die massiven russischen Luftangriffe überfordern die ukrainische Flugabwehr zunehmend. Die beiden Patriot-Flugabwehrraketen, deren Lieferung Deutschland zugesagt hat, werden sehnsüchtig erwartet. Doch, so betont Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius, die Menschen in der Ukraine bräuchten gegen den russischen Beschuss mehr davon.

Reportage Flugabwehr Ukraine
Vor dem Auto stehend ganz links, das ist der Oberfeldwebel („Starshiy Sergeant“).© Stefan Schocher | Stefan Schocher

Der Bedarf an solchen Abwehrwaffen ist groß. Und so lange sie fehlen, versuchen Männer wie „Starshiy Sergeant“, dass nicht alle Drohnen ihr Ziel finden. In einem Häuschen irgendwo im Nirgendwo steht der 41-Jährige – kurze Haare, Bart mit Grauansatz, tätowierte Arme. Vor Russlands großer Invasion war er mit seinem kleinen Möbel-Business Unternehmer, Musiker. Heute ist er Kommandant einer Einheit der ukrainischen Luftabwehr, die sich aus Freiwilligen wie ihm zusammensetzt: Handwerker, Bauarbeiter, Lagerarbeiter, Unternehmer.

Fahrzeuge, Nachtsichtgeräte, sonstiges Material wird über Spenden zusammengekratzt

Die meisten arbeiten 20 Tage pro Monat in ihrem Job und fünf Tage in der Einheit. Nur der Kommandant ist ständig vor Ort. Waffen und Munition stellt die ukrainische Armee zur Verfügung. Private Waffen sind nicht erlaubt. Fahrzeuge, Nachtsichtgeräte, sonstiges Material wird über Spenden zusammengekratzt. Fünf Gruppen mit in Summe um die 20 Mann im Dienst hat „Starshiy Sergeant“ unter seinem Kommando.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Da steht er also, der Sergeant, der vom Dienstgrad her eigentlich ein Oberfeldwebel ist. Er hat einen Pappbecher mit kaltem Wasser in der einen Hand, mit der anderen zeigt er auf ein Tablet, das an der bröckeligen Wand lehnt: Eine Landkarte der Region ist da zu sehen. Auf der anderen Seite der Grenze sind kleine rote Silhouetten von Fluggeräten zu erkennen, die sich langsam Richtung Ukraine bewegen. Das sind die Jets und Drohnen der Russen. „Aus irgendeinem Grund fliegen sie dort herum“, sagt er und deutet auf die Stadt Kursk. Und weiter südlich bombardiert Russland gerade Sumy.

Warten, zielen, feuern – und hoffen, dass es reicht

Ernst wird es hier, wenn sich die roten Silhouetten auf dem Tablet in Richtung dieser Gegend bewegen, oder wenn auf der anderen Seite der Grenze ein Kampfbomber auftaucht. Doch gerade ist es ruhig.

Der Pickup, auf dem ein schweres Maschinengewehr aufgepflanzt ist, steht abfahrbereit im Hof. Wenn der Befehl kommt, dann gilt es, sich binnen 15 Minuten bereitzumachen, loszufahren, das Material irgendwo zwischen Sonnenblumenfeldern, Mais und Büschen in Stellung zu bringen, Position zu beziehen, abzuwarten, Nerven zu bewahren. Denn wild um sich zu schießen, das bringe nichts, sagt der Kommandant. Das gefährde nur alle im Umkreis von mehreren Kilometern: „Jeder weiß dann, was er zu tun hat“.

Reportage Flugabwehr Ukraine
Flugabwehr ist ein Wettrennen auf vielerlei Ebenen, in dem Höhe, Geschwindigkeit, Berechnungen, Reaktionszeit, Technologie und letztlich Erfahrung zählen. © Stefan Schocher | Stefan Schocher

Und so läuft das dann ab: „Wenn eine Rakete oder eine Shahed in eine Zone von fünf bis sechs Kilometern eindringt, beginnen wir, sie zu hören“, sagt „Starshiy Sergeant“. „Dann können wir bestimmen, wohin sie fliegt, sie mit Wärmebildvisieren am Himmel suchen – und wenn sie in die Trefferzone kommen und wir sie im Visier sehen, eröffnen wir auf Befehl das Feuer.“ Dann fallen einige dieser fliegenden Bomben vom Himmel. Um die, die durchkommen, und das sind die allermeisten, kümmert sich der weiter hinten liegende Sektor. Viel zu viele kommen durch.

Ein Wettlauf um die Lufthoheit

Flugabwehr ist ein Wettrennen auf vielerlei Ebenen, in dem Höhe, Geschwindigkeit, Berechnungen, Reaktionszeit, Technologie und letztlich Erfahrung zählen. Es ist ein Rennen zwischen der Quantität, die Russland stemmt und den Kapazitäten am Boden. Zuletzt war das ein krasses Missverhältnis. Russland hat die Produktion ganz offensichtlich massiv ausgeweitet – nicht zuletzt ganz offensichtlich mithilfe Chinas, wie in Drohnen gefundene Bauteile nahelegen. Die russischen Drohnen fliegen heute oft schneller und höher als noch vor wenigen Monaten, sind dadurch schwerer abzufangen. Mitunter fliegen sie aber auch ganz tief, um die 100 Meter über dem Boden. Dann sind sie schwerer vom Radar zu erfassen und dafür aber in sehr guter Reichweite der Flugabwehr.

Mehr rund um Russland – für Sie recherchiert

Die ukrainische Armee wiederum hat zuletzt allem Anschein nach eine selbst entwickelte neue Abfangdrohne erfolgreich getestet. Experimentiert wird auch an digitalen Zielvorrichtungen, die die Entfernung – und damit die Flugdauer der Projektile – und die Geschwindigkeit der Drohne beim Anvisieren einberechnen. Nicht zuletzt zähle vor allem auch die Erfahrung, sagt einer der Männer in der Basis.

Vom Musiker zum Kommandanten – und zurück ins Leben, irgendwann

Die Freiwilligen erkennen alle diese Waffen nach den vielen Nächten in der Finsternis am Fluggeräusch, am charakteristischen Brummen und Surren: Die Shahed-131, die Shahed 136, die Überwachungsdrohnen, die in großer Höhe fliegen, die Marschflugkörper, die Raketen. Ein Mann sagt, er könne unterscheiden, ob es sich um einen Zweitakt-Motor oder einen Dreitaktmotor handele. Und „Starshiy Sergeant“ sagt, er könne sogar die Flughöhe dieser Waffen und die Flugrichtung erlauschen. Sein Gehör ist trainiert. Er war Musiker, auch Tontechniker. „Romantischen Klassik-Rock“ haben sie gespielt, wie er sagt, vier Alben aufgenommen. Aber das war vor dem Krieg. Das war in der Zeit, wo er noch durch die Welt gereist ist, Barcelona und Madrid besucht hat, Rom, Wien und die dortigen Opernhäuser. Die frühen Opern seien sein Ding, erzählt er. Damals, als Krieg bestenfalls ein Spielfilm-Plot war.

206807_1325_206807_cover.jpg
#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Er zeigt ein Musikvideo auf seinem Handy: ein junger Mann mit braunen langen Haaren. Das war er vor dem Krieg. Lachend, eine Zigarette im Mund im Kreis von Freunden. Dann ist da ein Foto: Ein Junge mit braunen halblangen Haaren, breit grinsend, mit nackten Füßen in einer Schlammpfütze stehend. Sein Sohn. Drei Jahre alt. Er sagt: „Kinder. Sie sehen die Welt so anders.“ Nach dem Krieg, da werde er reisen, werde seinem Sohn die Welt zeigen, nichts als Prosecco trinken, Spaghetti und Pizza essen, am Strand liegen, es sich gut gehen lassen. Eines Tages. Irgendwann.