• Kurz vor dem Waffenstillstand zwischen Iran und Israel kam es zu schweren Raketenangriffen mit zahlreichen Toten und Verletzten auf beiden Seiten.
  • In Israel wurden zehntausende Gebäude beschädigt, darunter auch historische Bauhaus-Bauten in Tel Aviv – der Sachschaden ist enorm.
  • Die Angriffe erschüttern das Sicherheitsgefühl vieler Menschen tief, doch der Alltag kehrt langsam zurück.
208361_569_208361_cover.jpg
Nach dem Angriff: Aufräumen im Schatten des Krieges
Im Krisenmodus
Alle Folgen

An der Jacob-Fichman-Straße in Be‘er Scheva sitzt Idor, 23, an einem Tisch unter einem Pavillon, vor ihm liegen ein roter Helm und Handschuhe. Er trägt ein T-Shirt von „One Heart“, einer Organisation von Ehrenamtlern, die in Notfällen zum Einsatz kommt. Auf der anderen Straßenseite sind Zäune aufgebaut.

Dahinter steht die Ruine des Hochhauses, in das am frühen Dienstagmorgen eine ballistische Rakete eingeschlagen ist, wenige Minuten, bevor der Waffenstillstand zwischen dem Iran und Israel in Kraft trat. Vier Menschen starben. Am Tag danach war Idor auf der Beerdigung von Eltan Zacks und seiner Mutter Michal. „Ich bin mit seiner Schwester zur Schule gegangen. Sie ist jetzt allein. Das bricht einem das Herz.“ Der Waffenstillstand hält. Jetzt beginnt die Zeit, in der die Schäden sichtbar und fühlbar werden, die der zwölftägige Waffengang verursacht hat.

28 tote Zivilisten auf israelischer Seite, mindestens 610 auf iranischer. Fast 1500 Verletzte in Israel, über 4700 im Iran. Allein in Israel fast 31.000 beschädigte oder zerstörte Gebäude. Das sind die nüchternen Zahlen. Bei den Gesprächen in diesen Tagen wird deutlich, wie sehr die Heftigkeit des Konflikts die Menschen in Israel getroffen hat, der mit dem überraschenden israelischen Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen am 13. Juni begonnen hatte. 

Merz: "Teheran hat genug Unheil angerichtet"

weitere Videos

    Israel unter Dauerbeschuss: 550 Raketen und mehr als 1000 Drohnen feuerte der Iran ab

    „Ich bin schockiert. Ich hätte nie gedacht, dass der Iran Beʾer Scheva mit Raketen treffen könnte“, sagt Mali Tubi, 50. Sie steht mit ihrer Tochter vor dem Zaun, hinter dem die klaffende Wunde in der Fassade des Hauses zu sehen ist, in dem Eltan und Michal Zack, Noa Boguslavsky (18) und Naomi Shaanan starben. Insgesamt, so berichten es die israelischen Behörden, hat der Iran in den zwölf Tagen 550 Raketen und mehr als 1000 Drohnen auf Israel abgefeuert. Bei weitem nicht alle konnte die israelische Luftabwehr abfangen. 

    Einige Kilometer entfernt von der Jacob-Fichmann-Straße scheint im Soroka-Krankenhaus wieder der Alltag zu herrschen. Patienten sitzen vor dem Eingang, rauchen und unterhalten sich, Ärztinnen und Ärzte hasten durch die Gänge. Aber es sind viele Menschen in gelben Westen unterwegs, auf den Köpfen Bauhelme. Es gibt viel zu tun, nachdem das Krankenhaus am Donnerstag vergangener Woche knapp einer Katastrophe entgangen ist. 

    Schäden an den Wohngebäuden belaufen sich auf rund eine Milliarde Euro

    Wenige Stunden, nachdem viele Patienten vorsichtshalber in unterirdische Schutzräume gebracht worden waren, traf eine Rakete das Gelände. Zerstörte Fenster und Schuttberge zeugen von der Wucht der Detonation. Das Dach des Hauptgebäudes ist schwer beschädigt, die Fassade rauchgeschwärzt. 71 Menschen wurden bei der Explosion verletzt. 

    Montag, Mittwoch, Freitag

    Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

    Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

    Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

    Die Schäden allein an den Wohngebäuden in Israel sollen sich nach Schätzungen auf mehr als umgerechnet eine Milliarde Euro belaufen. Getroffen oder beschädigt wurden aber auch etwa 300 Bildungseinrichtungen, das Weizmann-Institut, eine renommierte Forschungseinrichtung in Rehovot bei Tel Aviv oder Öl-Anlagen in Haifa im Norden. Was an militärischer Infrastruktur in Israel zerstört oder beschädigt wurde, ist unklar. 

    Geflohene Juden aus Deutschland bauten in den 1930ern die Weiße Stadt auf – jetzt liegen Teile in Trümmern

    Manche Schäden lassen sich nicht mit Geld aufwiegen. Sharon Golan steht vor den Trümmern der Häuser an der Pinsker Straße in Tel Aviv, nicht weit entfernt vom Strand der Großstadt. Sie ist immer noch fassungslos: „Ich hätte nie gedacht, dass einmal eine Rakete direkt im Herzen von Tel Aviv einschlägt.“ Golan, 49, ist Architektin und arbeitet für das Denkmalamt der Stadt.

    Das Herz von Tel Aviv, das ist die „Weiße Stadt“, weltweit bekannt für ihre rund 4000 Gebäude im Bauhaus-Stil, seit mehr als zwanzig Jahren Weltkulturerbe. Viele der Häuser wurden in den 1930er Jahren von deutschen Juden gebaut, die vor den Nazis geflohen waren. 

    Reportage Jan Jessen zu den Schäden vom Zwölftagekrieg Israel
    Raketen im Herzen von Tel Aviv: Sharon Golan © FMG | Jan Jessen

    In der Nacht auf den 16. Juni herrscht Luftalarm in Tel Aviv. Golan verbringt die Nacht in einem Schutzraum. Am frühen Morgen, es ist noch dunkel, kann sie den Bunker verlassen. Es heißt, eine Rakete sei durchgekommen und im Zentrum eingeschlagen. Sie fährt mit dem Fahrrad zum Lieblinghaus, dem Architekturmuseum, in dem die Geschichte Tel Avis erzählt wird. „Es war ein Schock. Alles war voller Splitter. Aber zum Glück steht das Haus noch.“

    Das Lieblinghaus wird in dieser Nacht wie 74 andere denkmalgeschützte Häuser in der „Weißen Stadt“ beschädigt. Meist ist es bei Glasbruch geblieben, weil die Detonationswelle Fenster eingedrückt hat. Am Einschlagsort an der Pinsker Straße richtet die Explosion aber verheerende Schäden an.   

    Eineinhalb Wochen nach der Explosion steht Golan vor den zermalmten Ruinen hinter einem Zaun. „Diese Häuser sind alle von 1934, 1935, 1936. Das Café Noga war sehr bekannt.“ Die deutsche Emigrationswelle in den dreißiger Jahren hatte seinerzeit auch die Kaffeekultur mitgebracht. „Man sagt, sie saßen immer hier und haben sich den Sonnenuntergang angeschaut.“ Der Anblick der zertrümmerten Häuser schmerzt sie. „Wir haben diese Häuser unglaublich gepflegt. Das kann man nicht mehr herstellen. Man verliert ein Stück Geschichte.“ 

    Reportage Jan Jessen zu den Schäden vom Zwölftagekrieg Israel
    Die „Weiße Stadt“ in Tel Aviv wurde von Raketen getroffen.© FMG | Jan Jessen

    Das Weltbild mancher Israelis ist durch die Angriffe ins Wanken geraten

    Zum Glück gibt es in der Nacht des Einschlags keine Toten. Aber die Angriffe haben das Weltbild vieler Israelis in Wanken gebracht. „Wir haben immer gedacht, wir könnten frei von Ängsten sein, weil wir ja in den Bunkerräumen in Sicherheit sind. Aber auf einmal haben wir gemerkt, wie verletzlich wir sind. Das sind wir nicht gewohnt“, sagt Golan. 

    Nicht weit von der Pinsker-Straße haben Danna Karni und ihre Kollegen von der Tel Aviver Stadtverwaltung ein Straßenbüro aufgebaut. Blaue und weiße Sonnenschirme, Plastiktische, darauf Computer und Listen. An einer Wand ist eine Karte befestigt, darauf sind die Häuser in der Gegend farblich markiert, die bei der Explosion in Mitleidenschaft gezogen wurden. „Wir versuchen den Betroffenen zu helfen, bürokratische Probleme zu lösen oder ihnen bei emotionalen Schwierigkeiten Unterstützung zu leisten“, erklärt Karni. 

    Reportage Jan Jessen zu den Schäden vom Zwölftagekrieg Israel
    Danna Karni arbeitet bei der Tel Aviver Stadtverwaltung. Sie und ihr Team wollen Betroffenen helfen.© FMG | Jan Jessen

    2000 Menschen mussten aus ihren Wohnungen ausziehen, sie sind vorübergehend in Hotels untergebracht. „Das hier ist nicht der einzige Ort, der getroffen wurde. Auch im Norden von Tel Aviv und in Jaffa gab es Einschläge.“ Immer wieder kommen Bewohner an den Stand, zeigen auf ihren Telefonen Bilder von den Schäden in ihren Häusern. Nicht allen kann geholfen werden. 

    „Die Leute in Tel Aviv sind sehr widerstandsfähig“

    Auf der anderen Straßenseite hat die Steuerbehörde ein Büro eröffnet. Jacques, Mitte vierzig, steht vor der Absperrung und wirkt genervt. In seiner Wohnung in der Idelson sind einige Scheiben zu Bruch gegangen, jetzt will er wissen, ob er Anspruch auf Entschädigung hat. „Es ist ziemlich kompliziert, ich habe ein paar Mal versucht, online einen Termin zu machen, aber das hat nicht geklappt.“ Er zuckt mit den Schultern und lacht. „Bürokratie eben.“ 

    Danna Karni glaubt, dass die Menschen in Tel Aviv über den Schrecken der vergangenen Tage schnell hinwegkommen werden. „Die Leute in Tel Avin sind sehr widerstandsfähig. Wir versuchen, stark zu sein.“ Nicht allen gelinge das. „Manche Leute brauchen Hilfe, manche haben Ängste. Ich verstehe das.“ Während die Bautrupps die Trümmer in der „Weißen Stadt“ wegräumen und die Schäden beseitigen, sitzen den Cafés und Restaurants wieder Menschen. 

    Vielleicht, sagt Karni, helfe es, sich in Alltagsroutinen zu retten. Kaffeetrinken, zum Strand gehen, die Kinder in den Kindergarten bringen. Alles, um sich wieder normal zu fühlen. „Das ist es, was wir wollen: ein normales, langweiliges Land wie andere zu sein.“ 

    Reaktionen auf den Angriff: Geflüchtete aus Jenin

    Mitten in den anhaltenden politischen Spannungen und militärischen Auseinandersetzungen geraten diejenigen immer mehr aus dem Blick, die selbst massiv von den Angriffen Israels betroffen sind: die palästinensische Zivilbevölkerung. Anfang des Jahres flohen Hunderte Menschen aus einem Flüchtlingscamp im Westjordanland, nachdem die israelische Armee mit großer Gewalt gegen mutmaßliche militante Gruppen vorging.

    In Zababdeh, einem kleinen christlichen Dorf nahe Jenin, haben inzwischen über 1.300 Geflüchtete Zuflucht gefunden – zusätzlich zu den rund 3.000 Einwohner:innen. Unter ihnen ist Amjad, dessen Auto während der Flucht unter Beschuss geriet. „23 Patronen haben mein Auto getroffen“, berichtet er, sein Sohn wurde von Splittern am Kopf verletzt.

    Die humanitäre Lage ist prekär, die Enttäuschung groß – vor allem angesichts der kaum vorhandenen Unterstützung aus arabischen Nachbarstaaten. Die Wut auf Israel sitzt tief. Im Rückblick auf den jüngsten Iran-Israel-Konflikt sagt Amjad: „Wir waren glücklich, als wir gesehen haben, dass die Raketen Richtung Israel geflogen sind.“ Für viele Geflüchtete symbolisiert dieser Moment eine umgekehrte Perspektive: Zum ersten Mal, so ihr Gefühl, wird Israel mit der Realität konfrontiert, die sie selbst seit Jahrzehnten ertragen müssen.

    Interview mit Carlo Masala

    In einer der letzten Folge von Im Krisenmodus war Prof. Dr. Carlo Masala, Sicherheitsexperte und Co-Host des Podcasts Sicherheitshalber, zu Gast. Mit Journalist Jan Jessen sprach er über das Treffen zwischen Bundeskanzler Merz und US-Präsident Donald Trump. Welche Signale sendet dieses Aufeinandertreffen für die transatlantische Partnerschaft? In der aktuellen Folge diskutiert FUNKE-Reporter Jan Jessen mit Militärexperte Masala über Sanktionen, den Drohnenkrieg und neue geopolitische Abhängigkeiten. Masala warnt: „Bei Trump ist nichts auszuschließen.“

    Das Interview finden Sie hier.

    Mehr Reportagen von Kriegsreporter Jan Jessen

    Folgen Sie dem Podcast „Im Krisenmodus“:

    Im Podcast „Im Krisenmodus“ kommen Menschen aus Krisengebieten zu Wort: Soldaten, Helfer und Betroffene schildern ihre bewegenden Erlebnisse und die Herausforderungen von Krieg und Krise.

    Journalist Jan Jessen berichtet direkt vor Ort und gibt diesen Geschichten eine Bühne. Alle zwei Wochen entführt eine neue Folge die Hörer:innen in unterschiedliche Regionen der Welt.

    Folgen Sie Im Krisenmodus auf Spotify, Apple, Amazon oder Ihrer bevorzugten Podcast-App.