An den Küsten des Mittelmeers herrscht Hochbetrieb. Urlauber planschen an der spanischen Costa del Sol, der italienischen Riviera, an der Côte d’Azur, der Adria oder in der Ägäis im Meer, genießen die Sonne und den Strand. Im äußersten Südosten des Mittelmeers, in einem gerade einmal 40 Kilometer langen Streifen Land, herrscht hingegen ein brutaler Krieg. Die Städte sind fast völlig zerstört, die Bevölkerung ist auf der Flucht und hungert. Gazastreifen nennt sich der Ort, den US-Präsident Donald Trump irgendwann zur „Riviera des Nahen Ostens“ machen will. Statt Luxushotels gibt es bisher Ruinen, zu Gast ist nur der Tod.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In den vergangenen Wochen war der Gazastreifen ziemlich in Vergessenheit geraten. Die Schlagzeilen bestimmte stattdessen der sogenannte Zwölf-Tage-Krieg zwischen Israel und dem Iran, der am 13. Juni mit israelischen Luftangriffen auf iranische Militärstützpunkte begann und am 24. Juni mit einer Waffenruhe vorerst endete. Mit den Militärschlägen wollten Israel und die USA die iranischen Atomanlagen zerstören und dem Nuklearprogramm der Mullahs den Garaus machen. Ob dies gelungen ist, erscheint nach amerikanischen und israelischen Geheimdienstinformationen zumindest zweifelhaft. Dafür hat sich Israel Hals über Kopf in den Krieg gestürzt, der nach Einschätzung der überwiegenden Anzahl von Experten völkerrechtswidrig war, da vom Iran keine unmittelbare Kriegsgefahr ausging.

Schüsse an Verteilstationen – Hilfsorganisationen sprechen von Massaker und Todesfalle

Während Israel im Iran „die Drecksarbeit“ (O-Ton Bundeskanzler Friedrich Merz, CDU) verrichtete, ging im Gazastreifen das Sterben weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiter. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) und einer Vielzahl von Hilfsorganisationen kamen allein in den vergangenen vier Wochen über 400 Menschen ums Leben, während sie versuchten, an Lebensmittel zu gelangen oder diese zu verteilen. Die britische Zeitung „Guardian“ hat online eine Chronologie der Vorfälle zwischen dem 14. und 24. Juni erstellt. Die Hilfsorganisation Oxfam nennt die vier Verteilzentren der umstrittenen Privatstiftung Gaza Humanitarian Foundation (GHF) „Todesfallen“, Ärzte ohne Grenzen spricht von einem „getarnten Massaker“. Die GHF wird von Israel kontrolliert und von den USA unterstützt.

Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist weiter katastrophal. (Archivbild)
Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist weiter katastrophal. (Archivbild) © AP/dpa | Mariam Dagga

Israel hatte Anfang März eine Blockade für Hilfslieferungen in den Gazastreifen verhängt. Erst Ende Mai wurde die Blockade teilweise wieder aufgehoben. Die neu gegründete Hilfsorganisation GHF, der die USA am Donnerstag 30 Millionen Dollar (25,6 Millionen Euro) an Unterstützung zusagten, nahm daraufhin ihre Arbeit auf und eröffnete vier Verteilzentren im Süden und im Zentrum des Palästinensergebiets.

Die UNO und große Hilfsorganisationen verweigern die Kooperation mit der Stiftung. Sie werfen ihr vor, sich nach den Plänen der israelischen Armee auszurichten und damit gegen grundlegende humanitäre Prinzipien zu verstoßen. An den Verteilzentren kommt es zudem immer wieder zu Chaos und Gewalt.

Israelischen Soldaten sollen Schüsse auf Zivilisten befohlen worden sein

In der israelischen Zeitung „Haaretz“ berichteten israelische Militärangehörige vor einigen Tagen, dass sie Befehle erhalten hätten, gezielt auf Hilfe suchende Zivilisten zu schießen – auch ohne konkrete Bedrohungslage. Ein Soldat bezeichnete laut Zeitung die Situation „als einen völligen Zusammenbruch der ethischen Grundsätze der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen“. Das israelische Militär soll zudem Milizen wie den Abu-Shabab-Clan unterstützt und bewaffnet haben. Die kriminelle Gruppierung soll ebenfalls auf Menschen geschossen haben, die auf die Ausgabe von Hilfsgütern warteten.

Israels rechtskonservativer Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz bezeichneten die Vorwürfe in einer Stellungnahme erwartungsgemäß als „bösartige Lügen, die das israelische Militär diffamieren sollen, das Militär mit der höchsten Moral in der Welt“.

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Pogrom in christlichem Palästinenserdorf durch jüdische Siedler

Unbehelligt vom „Militär mit der höchsten Moral in der Welt“ griffen derweil am 25. Juni – ebenfalls nahezu unbemerkt von den Augen der Welt – israelische Siedler das christliche Palästinenser-Dorf Taybeh im Westjordanland an. Die vermummten Männer zündeten Autos und Häuser an, wie auch mehrere Videos in den sozialen Medien dokumentieren. Es war nicht der erste und vermutlich nicht der letzte Angriff dieser Art. Erst kürzlich hatte die israelische Regierung den Bau von 22 neuen Siedlungen im besetzten Westjordanland genehmigt. Mehrere von Siedlern illegal errichtete „Außenposten“ wurden legalisiert.

Für christliche und muslimische Palästinenser ist die Lage damit noch schwieriger geworden. Der römisch-katholische Gemeindepfarrer von Taybeh, Bashar Fawadleh, bringt es gegenüber der Zeitung „Die Welt“ auf den Punkt: „In diesen Tagen leben wir unter dem Feuer, der Barbarei und der Brutalität der Siedler.“