Er ist eine Schlüsselfigur im Krieg zwischen Iran und Israel. Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei könnte jetzt mit einem iranischen Raketenangriff auf US-Truppen oder einer schmutzigen Bombe gegen Israel den Krieg zum Flächenbrand eskalieren – oder er könnte mit einem Abkommen zum glaubwürdigen Verzicht auf die Atombombe den Konflikt beenden. Aber niemand weiß, wie lange noch: Chamenei schwebt in großer Lebensgefahr. Seit Beginn der israelischen Angriffe versteckt sich der politische und religiöse Führer des Irans, nach Medienberichten hat er sich mit seiner Familie in eine unterirdische Bunkeranlage nordöstlich von Teheran zurückgezogen. Dort hatte der 86-Jährige schon die beiden israelischen Angriffswellen im vorigen Jahr überstanden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Tagelang war von Chamenei nichts zu hören. Am Mittwoch aber schickte er eine Durchhalte-Botschaft, allerdings auf verstörende Weise: „Das iranische Volk ist entschlossen und wird sowohl gegen einen auferzwungenen Krieg als auch gegen einen auferzwungenen Frieden Widerstand leisten“, sagte Chamenei in einer Ansprache, die im Fernsehen verlesen wurde. Die USA warnte er eindringlich vor einem militärischen Eingreifen in den Konflikt. Nur: Das Oberhaupt selbst war aber weder zu sehen noch zu hören.
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Die TV-Botschaft macht den Druck so offensichtlich, dass auch seine Anhänger besorgt sein dürften. Dem israelischen Militär war es zuvor gelungen, zahlreiche Mitglieder von Chameneis Führungszirkel bei Bombenangriffen zu töten: Die obersten Militärführer und ein Dutzend wichtiger Kommandeure sind tot, sein engster Berater in Atomfragen, Ali Schamkhani, überlebte schwerstverletzt, verlor sein linkes Bein. Chameneis enger Beraterkreis, der auf 15 bis 20 Männer geschätzt wird, hat gefährliche Lücken bekommen – was das Risiko von Fehlentscheidungen des alten Mannes, der auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, eher erhöht.
Netanjahu wollte Chomenei töten lassen
Der Schlag gegen seine Vertrauten gelang nur, weil sich Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad tief ins Innere des Regimes gebohrt hatten und genaue Kenntnis von den privaten Aufenthaltsorten besaßen. Viel spricht dafür, dass der Mossad auch die Bewegungen Chomeneis, der sonst strengt geschützt in Teheran lebt, beobachtete. Der israelische Premier Benjamin Netanjahu wollte eigentlich den Befehl geben, auch Chomenei zu töten, wie US-Regierungsvertreter jetzt berichten.

Präsident Trump hat demnach Einspruch eingelegt: „Trump war dagegen und wir haben den Israelis gesagt, dass sie es nicht tun sollen.“ Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz droht Chamenei nun dennoch mit einem Schicksal wie dem des irakischen Diktators Saddam Hussein, der sich 2003 nach der US-Invasion im Irak vergeblich in einem Erdloch versteckt hatte und drei Jahre später zum Tode verurteilt wurde.
Der Sicherheitsexperte Peter Neumann sieht die israelische Diskussion allerdings skeptisch: „Die Überlegungen in Israel, Chamenei gezielt zu töten, sind eine Hochrisikostrategie – das könnte einen Zusammenbruch des Regimes einleiten, ohne das es einen Plan für die Zeit danach gibt“, sagt der Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King´s College unserer Redaktion. „Das Regime steht und fällt mit ihm.“ Trump macht zwar mit Todesdrohungen Druck, setzte zunächst aber auf eine andere Lösung: „Wir wissen genau, wo sich der sogenannte ‚Oberste Führer‘ versteckt hält“, erklärt der US-Präsident. „Er ist ein leichtes Ziel.“ Vorerst sei Chamenei dort aber sicher. „Wir werden ihn nicht ausschalten (töten!), zumindest nicht im Moment.“
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Trump hofft noch auf einen Atom-Deal. Allerdings weiß auch er, dass Chamenei bisher eher durch brutale Kompromisslosigkeit aufgefallen ist. Der 86-Jährige führt das Land mit großer Gnadenlosigkeit und Härte. Er hatte das Amt 1989 nach dem Tod von Ayatollah Khomeini übernommen und den totalitären Kurs noch verschärft – gegen jahrelange internationale Sanktionen und gegen die immer wieder aufflammenden innenpolitischen Proteste, die er zuletzt 2022 und 2023 brutal niedergeschlagen ließ.
Bei der letzten Protestwelle nach der brutalen Verhaftung der Studentin Jina Mahsa Amini, die an ihren schweren Kopfverletzungen im Gefängnis starb, kamen 300 Demonstranten ums Leben, über zehntausend wurden in Gefängnisse gesperrt, hunderte hingerichtet, viele gefoltert.

Ein Gegner des Oberhaupts lag tot im Swimmingpool
Auch ein persönlicher Feind Chameneis kam schon überraschend zu Tode: Der Leichnam des pragmatischen Reformers Akbar Haschemi Rafsandschani schwamm eines Tages im Swimmingpool einer Luxuswohnanlage. Unter Chameneis Führung habe das Regime „Tod und Zerstörung über die Welt gebracht“, erinnerte Kanzler Friedrich Merz am Rande des G7-Gipfels, verwies auch auf die Terrortaten der von Chameneis unterstützten Hamas und Hisbollah. Bislang hat sich der Ayatollah aber als Überlebenskünstler erwiesen.
Er hat 1981 einen Bombenanschlag überstanden, seitdem ist allerdings sein rechter Arm gelähmt. Er überlebte eine Krebserkrankung, Herzschwächen und mehrfache politische Krisen. Im Innern hat er eine Herrschaft der islamischen Hardliner zementiert. Nach außen hat der Ayatollah auf rhetorische Konfrontation gegenüber den USA und Israel gesetzt, während er sich die Partnerschaft mit Moskau und Peking sicherte und in der Region Nahost pro-iranische Milizen aufbaute wie die libanesische Hisbollah.

Doch jetzt zerbröckelt alles: Die Hisbollah ist stark gechwächt, das Regime in Syrien gestürzt. Russland ist zwar offiziell ein Verbündeter. Doch Präsident Wladimir Putin unterstützt Teheran nur halbherzig rhetorisch, er will es sich mit Trump nicht verderben. Auch China ist keine Hilfe. International isoliert, seine Vertrauten dezimiert: Für Chamenei ist die Lage zunehmend kritisch. Sicherheitsexperte Neumann hält das Ende Chameneis aber nicht für zwingend: „Solange das iranische Regime besteht, wird auch Chamenei im Amt bleiben.“ Die Drohungen stärkten Chamenei eher, es mache ihn aus Sicht des Regimes unersetzlich.






