Glaubt man den Kremlsprechern, dann war die Nacht zum Sonntag für Wladimir Putin unruhig. Russlands Präsident habe mit dem Chef der russischen Eisenbahn telefoniert, tritt in Kontakt mit dem Gouverneur der Region Brjansk, unweit der Grenze zur Ukraine. Dort sterben laut russischen Medien sieben Menschen, unbeteiligte Zivilisten. Eine Straßenbrücke war eingestürzt, krachte auf einen Personenzug. 70 weitere Fahrgäste wurden verletzt. An einen Unfall glaubt niemand ernsthaft.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Augenzeugen berichten von einer Explosion an der Brücke. Nur wenige Stunden später knallt es dann in Kursk, eine Metropole weiter im Süden Russlands. Auch hier entgleist ein Güterzug, der Lokomotivführer wird verletzt.
Zwei Detonationen, zwei zerstörte Züge – alles innerhalb von Stunden. Tathergang, Tatverlauf und auch der Einsatz von Sprengstoff sprechen für eine koordinierte Aktion. Mutmaßlicher Drahtzieher: der ukrainische Geheimdienst. Offiziell bestätigt ist das nicht, was allerdings in der Welt der Nachrichtendienste nicht ungewöhnlich ist. Bisher versuchten die Agenten, zivile Opfer zu vermeiden – und nehmen sie doch in Kauf.
„Aktion Spinnennetz“: Die Operation soll anderthalb Jahre vorbereitet worden sein
Nur wenige Stunden später die nächste große Nachricht, die die Meldung über die Angriffe auf das Schienennetz in den Schatten stellen wird. Der ukrainische Geheimdienst soll mehrere Luftwaffenbasen des russischen Militärs mit Drohnen angegriffen haben. Mehr als 40 Flugzeuge wurden dabei laut Medienangaben zerstört, darunter offenbar Langstreckenbomber vom Typ Tupolew Tu-95 sowie Tu-22 und spezielle Frühwarnflugzeuge Berijew A-50.
Die Operation soll anderthalb Jahre vorbereitet worden sein, sie trägt den Decknamen „Aktion Spinnennetz“. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj feierte den überraschenden Angriff seines Geheimdienstes SBU als „absolut brillanten Erfolg“. Es kursieren mehrere Aufnahmen der brennenden Flugzeuge, auch Passanten filmten die Angriffe, die Videos sind auf sozialen Plattformen im Internet zu finden. Satellitenbilder liefern weitere Belege für den spektakulären Angriff.

Die Anschläge mit Drohnen auf die Luftwaffenstützpunkte zeigen einmal mehr, zu welcher wirkmächtigen Waffe die Agenten im Kampf der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg mittlerweile gewachsen sind. Fachleute sprechen bei den Drohnenangriffen sogar von einer der umfassendsten Geheimdienstoperationen der modernen Kriegsgeschichte.
Sabotageaktionen, gezielte Morde, das Enttarnen von russischen Agentennetzwerken in der Ukraine – und nun die gezielte Aktion, mit mehreren Drohnen zeitgleich an mehreren Standorten des russischen Militärs: die Liste des „Sluschba bespeky Ukrajiny“ (Sicherheitsdienst der Ukraine), kurz SBU, und des ukrainischen Militärgeheimdienstes, HRU, ist lang. Fast 30.000 Mitarbeitende soll allein der Inlandsgeheimdienst eingestellt haben.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Es ist der 17. Dezember des vergangenen Jahres, als am frühen Morgen in der Moskauer Innenstadt eine Bombe detoniert. Direkt vor einem Wohnhaus. Zwei Menschen sterben, der ranghohe Generalleutnant der russischen Streitkräfte Igor Kirillow und dessen Adjutant. US-amerikanische und ukrainische Sicherheitsbehörden beschuldigen Kirillow, mit verantwortlich für den Einsatz biologischer Waffen in der Ukraine zu sein. Die Ukraine nennt ihn einen „Kriegsverbrecher“.
Der Anschlag erlangt weltweit Aufmerksamkeit. In der Geheimdienstsprache ist Kirillow ein „hochwertiges Ziel“. Doch hinter den großen Schlagzeilen operieren die ukrainischen Agenten mittlerweile an mehreren Fronten. Westliche Fachleute sehen die Dienste in der obersten Liga in Europa – auch durch Hilfe der US-amerikanischen und britischen Geheimdienstbehörden.
2022 zündet eine Autobombe, die junge Influencerin Darja Dugina stirbt
Im Dezember wird auch der russische Raketenwissenschaftler Michail Schatski tot in einem Wald bei Moskau gefunden, offenbar erschossen. Im November stirbt ein ranghoher russischer Kapitän durch eine Autobombe auf der von Russland besetzten Halbinsel Krim. Im Sommer 2023 detoniert auf der riesigen Brücke, die die Krim mit dem Festland verbindet, ein großer Sprengsatz.
Es ist die gleiche Zeit, in der unbekannte Täter einen ehemaligen russischen U-Boot-Kommandanten erschießen, als dieser gerade eine Joggingrunde macht. 2022 zündet eine Autobombe in der russischen Kleinstadt Bolschije Wjasjomy – die junge Influencerin Darja Dugina stirbt. Sie ist Tochter des Rechtsnationalisten und Putin-Ideologen Alexander Dugin.
Sprengstoff besorgen, Personen ausspionieren, ihre Wege kennen, ihren Alltag, dann einen Täter einschleusen – all das können nur Profi-Killer, keine Laien. Und die genannten Fälle reihen sich ein in eine Vielzahl von Attentaten und Aktionen, die gar nicht öffentlich werden.
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Zu manchen der Taten hat sich der ukrainische Dienst sogar offiziell bekannt. Auch das ist eine Taktik im Krieg gegen Russland. Putins Vollstrecker sollen sich nicht sicher fühlen. Denn nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine führen beide Staaten die Schlacht nicht nur mit Panzern, Artillerie und Drohnen – sondern auch mit der Macht der Geheimdienste.
Die deutschen Sicherheitsbehörden sind mittlerweile in höchster Alarmbereitschaft, weil russische Agenten auch Deutschland ins Visier nehmen: Spionageaktionen, Sabotage und vor allem Cyberangriffe nehmen seit 2022 deutlich zu.
Russland und Ukraine sind eng verbunden, das galt auch viele Jahrzehnte für die Nachrichtendienste – verwachsen noch zu Sowjetzeiten durch den mächtigen KGB. Seitdem ist klar: Russlands Agenten sind an verschiedenen Stellen in den Schaltzentralen der Ukraine platziert. Erst im Februar nahmen Sicherheitsbehörden in Kiew Kyjiw einen hochrangigen russischen Spion hoch. Der Mann soll als Stabschef des Antiterrorzentrums gearbeitet haben.

Klar ist aber: Auch die Ukraine hat ihre Spione und Agenten in Russland im Einsatz. Und die Ukrainer, das gilt unter westlichen Sicherheitsleuten als unumstritten, haben von den Besten gelernt: dem US-Auslandsgeheimdienst CIA. Schon seit 2014, als Russland den Osten der Ukraine völkerrechtswidrig besetzt hält, liefern die Amerikaner wichtige Informationen an Kiew, statten die Ukraine mit Technik und Wissen aus. Auch die britischen Dienste sollen in der Ukraine aktiv sein.
Die Hilfe von Übersee ging sogar soweit, dass die CIA für die Ukraine zwölf Spionagebunker entlang der russischen Grenze gebaut haben soll. Die Aktionen der ukrainischen Agenten – auch tief im Hinterland in Russland – würden auf „respektable operative Fähigkeiten“ hinweisen, sagt Gerhard Conrad unserer Redaktion. Conrad ist früherer ranghoher Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes und heute Vorstandsmitglied im Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland e.V. Die Ukrainer stützen sich bei ihrer Spionage und Sabotage in Russland laut Conrad auch auf „politische Sympathisanten, Unzufriedene und Verbitterte“ in den russischen Reihen – gerade bei Operationen im Grenzraum zur Ukraine.
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Der Militärexperte Carlo Masala sagte unserer Redaktion angesichts der Angriffe mit Drohnen auf mehrere russische Luftwaffenstützpunkte: „Die Ukrainer haben beachtliche Fähigkeiten entwickelt. Sollten die ukrainischen Angaben zu der Zahl der zerstörten Flugzeuge stimmen, wäre das ein schwerer und beispielloser Schlag für die strategische Bomberflotte Russlands.“
Zugleich haben die ukrainischen Sicherheitsbehörden auch Defizite: Die Apparate kämpfen mit Korruption. Und die Agenten stellten sich nicht immer in den Dienst der Guten – 2014 sollen Teile des Geheimdienstes an der Niederschlagung des Aufstands gegen das pro-russische Regime beteiligt gewesen sein.
Das Problem für die Ukraine: Mit dem Machtwechsel in Washington kann sich das Land nicht mehr auf die Hilfe aus den USA verlassen. Die Trump-Administration hatte Kiew schon gedroht, sie von den Informationen der CIA abzuschneiden. Hinter den Kulissen ringen die anderen westlichen Dienste, allen voran der britische GCHQ, darum, die ukrainischen Sicherheitsbehörden mit Informationen aus Quellen, abgehörten Gesprächen und Satellitenbildern weiter zu versorgen.
Und auch die Ermittler in Deutschland nehmen die russischen Spione ins Visier. Gerade erst ließ der Generalbundesanwalt drei Männer festnehmen. Yevhen B., Daniil B. und Vladyslav T. hätten sich spätestens Ende März 2025 gegenüber einer oder mehreren mutmaßlich im Auftrag russischer staatlichen Stellen handelnden Personen bereiterklärt, Brand- und Sprengstoffanschläge auf den Gütertransport in der Bundesrepublik Deutschland zu begehen, teilen die Bundesanwälte mit. Die mutmaßlichen Täter, und auch das gehört zur Welt der Nachrichtendienste, sind: Ukrainer.







