Die Nonnen, Muslimas und frommen Jüdinnen tragen Kopftuch. Andere eine Kippa. Und viele tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Ich bete mit meinen Füßen“. Es ist ein Zitat von Rabbi Avraham Jehoshua Heschel, der sich 1965 den großen Märschen der Bürgerrechtsbewegung in den USA anschloss. Als er gefragt wurde, wann er Zeit zum Beten finde, sagte er, der Marsch sei sein Gebet.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Gemeinsam marschieren für den Frieden: Dazu haben sich 200 gläubige Christen, Juden und Muslime im Zentrum von Jerusalem versammelt, am Jaffator in der Altstadt. Sie wollen spazieren, singen – und auch schweigen. Aus Solidarität „mit allen Opfern des Krieges“, erklärt ein Sprecher auf Hebräisch, Arabisch und Englisch. Es ist ein Versuch, ein Zeichen zu setzen für den Frieden – teils aggressive Reaktionen von Passanten, die den Zug beobachten, zeigen, wie nötig dieser Versuch ist. Aber auch wie schwierig.
Aktuelle News aus dem Nahen Osten
Für den Frieden in Gaza: Dieser deutsche Botschafter marschiert mit
Mit dabei ist ein griechisch-orthodoxer Priester und ein Rabbiner – und ein besonderer Gast aus Deutschland. Der Priester kommt aus Jerusalem und ist Palästinenser. Der Rabbiner aus Bet Schemesch, eine Stadt in der Nähe. Der Deutsche ist Steffen Seibert, er ist Botschafter in Israel und gläubiger Katholik.
Es ist nicht irgendein Tag in Jerusalem, an dem die Gruppe gemächlich die Jaffa-Straße entlang geht. Es ist der 600. Tag jenes Krieges in Gaza, der Zehntausenden Menschen das Leben gekostet hat und der kein Ende zu finden scheint.
Vor zwei Tagen waren in Jerusalem nationalkonservative Juden und Jüdinnen aller Altersgruppen aufmarschiert, um Flaggen zu schwenken und den kommenden Sieg zu feiern, an den sie glauben. Heute marschiert eine viel kleinere Menge an Menschen aller Glaubensrichtungen, die Mehrzahl von ihnen Juden, um den kommenden Frieden besingen.

Jerusalem: Wer am Friedensmarsch teilnimmt, muss mit Angriffen rechnen
Während die Flaggenparade am Montag mit Angriffen auf palästinensische Häuser in der Altstadt und „Tod den Arabern“-Rufen einherging, sind es am Marsch der Konfessionen am Mittwoch die Gläubigen, die sich vor Angriffen fürchten müssen. Aus gutem Grund wurde dieser Friedensmarsch zwei Tage nach der Flaggenparade angesetzt. Alles andere wäre „viel zu gefährlich“, sagt Uri, einer der jüdischen Teilnehmenden. „Gefährlich ist es aber auch heute.“
Dass Juden und Christen, Israelis und Palästinenser, Muslime und Drusen miteinander gehen, singen und lachen, gefällt vielen Anwohnern gar nicht. „Schande! Schande!“ rufen zwei junge Männer im Partnerlook, schwarze enge Jeans, schwarze Sneaker und schwarze Kippas: „Macht das in Tel Aviv, nicht hier!“
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Ein paar Meter weiter dringt ein radikaler Siedler in die Menge ein, mit seinem Smartphone filmt er die Gesichter der Teilnehmenden aus nächster Nähe. Als er auf einem Shirt die Aufschrift „Rabbis für Menschenrechte“ sieht, läuft er den Menschen nach und filmt auch den Schriftzug. Als er genug Material gesammelt hat, zieht er wieder ab.
Christen und Juden Seite an Seite: Das ist für den jungen Talmudschüler bedrohlich
Körperliche Angriffe gibt es nicht. Aber Drohungen: „Gott wird euch bestrafen“, ruft ein junger Talmudschüler, der mit seinen Klassenkameraden am Straßenrand steht. Zu einem der teilnehmenden Juden sagt er, es sei ein Verstoß gegen das religiöse Gesetz, sich mit Christen zusammenzutun – „mit denen, die Gott hassen“.
„Es jagt ihnen Angst ein“, meint Dror Bondi, Professor für Jüdische Philosophie am Schechter College, der am interreligiösen Marsch teilnimmt. „Christen in Jerusalem gehen zu sehen, das ist das eine. Aber Christen mit Juden Seite an Seite – das ist für sie bedrohlich.“
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Immer wieder gebe es Einzelne, die auf dieses Gefühl der Bedrohung mit Gewalt reagierten, sagt Bondi. Daher sei es immer ein Risiko, bei solchen Märschen mitzugehen. Trotzdem sind an diesem Nachmittag nur wenige Polizisten hier, um den Marsch zu schützen.
Gaza-Krieg: „Es sind extrem schwierige, traurige Zeiten“
„Wir brauchen solche Anlässe“, sagt Iyad, ein palästinensischer Sozialarbeiter aus Jerusalem. In Zeiten des Gaza-Kriegs sei es schwer, nicht nur schwarz zu sehen. „Das sind extrem schwierige, traurige Zeiten. Aber genau solche Zusammenkünfte geben mir Hoffnung.“
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Hoffnung, das ist auch das Stichwort für Steffen Seibert. „Ich bin froh, heute gekommen zu sein“, sagt der deutsche Botschafter. Schließlich hatte Deutschland zuletzt scharfe Kritik am Vorgehen der israelischen Armee in Gaza geübt. Aus dem Marsch, dem Miteinander, könne am Ende etwas entwachsen, sagt Seibert. Zwei Dinge kämen zum Ausdruck, „die uns Deutschen wichtig sind: Die Sehnsucht nach Frieden für Israel und für das Heilige Land insgesamt. Und der Dialog der Religionen.“
Hoffnung hat auch Steve Witkoff. Er sei zuversichtlich, „dass es zu einer temporären Waffenruhe kommen wird – und zu einer friedlichen Lösung dieses Konflikts“, erklärte der US-Sondergesandte für den Nahen Osten. Aktuell geht es bei den Verhandlungen um einen Deal zwischen Israel und der Hamas, der dazu führt, dass die Waffen wenigstens für einige Woche ruhen. Und was diesen Deal angeht, sagt Witkoff, da „habe ich ein sehr gutes Gefühl“.








