Es fällt sofort auf: Wolodymyr Selenskyj trägt ein schwarzes Jackett anstelle seiner schwarzen Militärpullover und Flecktarn-Shirts. Der ukrainische Präsident macht das selten – zuletzt etwa bei seinem Gespräch mit Donald Trump im Vatikan. Einen Anzug werde er erst wieder anziehen, wenn Frieden ist, hatte Selenskyj bei seinem katastrophal gescheiterten Besuch im Oval Office in Washington gesagt. Was er bei seinem Besuch im Kanzleramt trägt, ist definitiv kein Anzug, es ist tatsächlich nur ein schwarzes Jackett.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Jackett statt Pullover – das ist eine Geste an den deutschen Gastgeber, Friedrich Merz weiß es zu schätzen. Es geht viel um Symbole in dieser Beziehung – nicht nur bei der Kleidung.
Merz: Wie gut ist das Verhältnis zu Selenskyj wirklich?
Seit Merz Kanzler ist, hat er Wolodymyr Selenskyj im Wochenrhythmus getroffen – in Kiew, in Tirana und jetzt in Berlin. Drei Treffen in drei Wochen – das ist ein starkes Signal. Die Botschaft: Wir haben einen engen Draht, der deutsche Kanzler und der ukrainische Präsident lassen sich nicht spalten. Weder von Aggressor Putin noch von Trumps erratischen Stimmungsschwankungen in Washington. Doch wie gut ist das Verhältnis wirklich? Und vor allem: Hat sich für die Ukraine durch den Regierungswechsel in Berlin etwas geändert?
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„Wir fühlen mit dir, lieber Wolodymyr“, sagt Merz nach dem Gespräch mit Selenskyj am Nachmittag und kündigt neue Bemühungen an: Deutschland will die Ukraine bei der Beschaffung und Produktion weitreichender Waffensysteme unterstützen. „Das ist der Einstieg in eine neue Form der militärischen Zusammenarbeit“, betont Merz. Es geht dabei um die Finanzierung bereits bestehender Projekte in der Ukraine, aber auch um eine Zusammenarbeit auf industrieller Ebene, die sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland stattfinden könne, so Merz.
Merz und Selenskyj: „Und was ist mit Taurus?“, fragt die Journalistin
„Und was ist mit dem Taurus?“, wird Merz von einer Journalistin gefragt. Er muss unweigerlich lächeln, er hat die Frage erwartet, aber er will sie nicht beantworten, nicht öffentlich über konkrete Waffensysteme sprechen. „Wir wollen weitreichende Waffen ermöglichen“, sagt er. Und: Deutschland wolle die ukrainische Armee mit allem ausrüsten, was sie brauche. Details werde er nicht nennen.
Merz hatte Anfang der Woche die Aufhebung der Reichweitenbegrenzung für den Einsatz westlicher Waffen im Ukraine-Krieg öffentlich gemacht. Für Kiew ändert sich militärisch dadurch jedoch vorerst nichts. Für französische und britische Waffen gilt die Aufhebung längst – Deutschland aber hat bislang kaum Waffen geliefert, mit denen die ukrainischen Streitkräfte russische Stellungen weit hinter der Frontlinie treffen können. Dass Deutschland in den kommenden Wochen oder Monaten Taurus-Marschflugkörper liefern wird, ist nicht komplett ausgeschlossen. Die Hürden aber sind unverändert hoch.

Merz ist mindestens anderthalb Köpfe größer als Selenskyj, er bemüht sich, das Gefühl von Augenhöhe zumindest durch herzliche Gesten herzustellen. Wirklich nötig ist das nicht, Selenskyj weiß, was er an Merz hat. Der Deutsche ist ein Verbündeter, an dessen Standhaftigkeit kein Zweifel besteht. Doch ob der Regierungswechsel in Berlin der Ukraine in ihrem Überlebenskampf wirklich einen messbaren Vorteil bringt, muss sich noch zeigen. Die anfängliche Hoffnung in Kiew dürfte inzwischen deutlich gedämpft sein.
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Rückblende: Am späten Nachmittag des 6. Mai, Merz ist gerade im zweiten Anlauf zum Kanzler gewählt worden, schickt Selenskyj Glückwünsche über „X“. „Wir hoffen aufrichtig, dass Deutschland noch stärker wird und wir noch mehr deutsche Führungsstärke in den europäischen und transatlantischen Beziehungen erleben werden.“ Die Zukunft Europas stehe auf dem Spiel, „und sie wird von unserer Einigkeit abhängen“. Bei Merz rennt er damit offene Türen ein.
Die Bilanz ist mager
Führung ist das eine Stichwort, Einigkeit das andere. Merz ist angetreten mit dem klaren Ziel, Deutschlands Rolle in Europa neu zu justieren. Mit einem Wort: Merz will anders als Vorgänger Olaf Scholz die Führungsrolle annehmen, die viele seit Langem vermissen. Deutschland soll wieder Taktgeber in Europa werden – mit Blick auf die beiden großen Herausforderungen: Verteidigung gegen Putin, selbstbewusster Umgang mit Trump.
Vier Tage nach seiner Wahl zum Kanzler reist Merz nach Kiew, zusammen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem britischen Premierminister Keir Starmer. Merz war bereits ganz am Anfang des Krieges in Kiew, noch vor dem damaligen Kanzler Scholz. Das hat Selenskyj nicht vergessen. Jetzt sagt Merz beim Abschied: „Passen Sie auf sich auf, wir bleiben in Kontakt. Wann immer Sie wollen. Sie können anrufen.“ Bereits eine Woche später trifft sich dieselbe Runde am Rande des europäischen Gipfels in Tirana – auch hier telefonieren sie wieder mit Trump. Viel bringt es nicht: Trump ist bis heute nicht entschlossen, Putin mit harten Sanktionen zu einem Waffenstillstand zu zwingen.
Im Ergebnis ist die Bilanz mager: Merz und Selenskyj stehen zusammen – aber für Kiew hat sich bislang nichts fundamental verbessert. Merz selbst klingt mittlerweile oft desillusioniert: Die diplomatischen Mittel seien ausgeschöpft, Putin habe kein Interesse an einer Feuerpause. Ein Ende des Krieges sei „noch weit entfernt“.











