Für US-Präsident Donald Trump sind Zölle reinste Poesie. „Zoll ist das schönste Wort im Wörterbuch“, hatte er im Präsidentschaftswahlkampf immer wieder betont. Mit seinem nun verkündeten Abgaben-Tsunami hat Trump weltweit Empörung und finstere Warnungen vor einer globalen Wirtschaftskrise ausgelöst. Doch trotz der flächendeckenden Kritik folgt Trumps Zollhammer einem Plan. „Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“: Der berühmte Satz aus Shakespeares „Hamlet“ passt nach Ansicht vieler Experten auf die Wirtschaftsagenda von Trump & Co.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das politische Glaubensbekenntnis des US-Präsidenten lautet „America First“, „Amerika zuerst“. Dahinter steckt die Annahme, dass die Vereinigten Staaten in den letzten Jahrzehnten von vielen Wirtschaftspartnern über den Tisch gezogen worden seien. So betrug das Handelsbilanzdefizit der USA 2024 insgesamt 918 Milliarden Dollar. Das heißt, das Land importierte für knapp eine Billion Dollar mehr Waren, als es exportierte. 

Vor allem zwei Wirtschaftsräume reißen Löcher in das US-Ergebnis: Das Handelsbilanzdefizit mit der EU betrug 2024 rund 236 Milliarden Dollar. Das Minus mit China schlug gar mit 296 Milliarden Dollar zu Buche. Europa und die Volksrepublik gehören daher zu den Lieblingsfeinden Trumps.

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Trumps will ausländische Betriebe unter Druck setzen, in den USA zu produzieren

Der US-Präsident hat ein einfaches Rezept, um das gigantische Handelsbilanzdefizit abzuräumen: Einfuhren sollen durch Zölle drastisch verteuert werden. Damit will man ausländische Betriebe unter Druck setzen, in den Vereinigten Staaten zu produzieren, dem größten nationalen Binnenmarkt der Welt. In Amerika fallen erstens keine Zölle an. Zweitens lockt das Land mit niedrigen Unternehmenssteuern. Drittens ist die Energie vergleichsweise billig.

Trump delivers remarks on reciprocal tariffs
Der US-Präsident hat ein einfaches Rezept, um das gigantische Handelsbilanzdefizit abzuräumen: Einfuhren sollen durch Zölle drastisch verteuert werden. © AFP | SAUL LOEB

Mit der großen Zollkeule erhofft sich Trump nicht nur eine Vielzahl neuer Firmenansiedlungen und einen warmen Regen an Investitionen. Er setzt auf das, was in den Wirtschaftswissenschaften als „windfall gain“ bezeichnet wird – ein unerwarteter Gewinn. Nach Berechnungen von Trumps Berater Peter Navarro sollen die Zölle innerhalb von zehn Jahren bis zu sechs Billionen Dollar in die Staatskasse spülen. Damit will der Präsident sein gigantisches Programm an Steuererleichterungen finanzieren. Kritiker bezeichnen dies als „Milchmädchenrechnung“.

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Für Trumps Zollkonzept gibt es kein offizielles Dokument. Es geht eher auf Ideen einer verschworenen Truppe von Beratern im Weißen Haus zurück, die die Welt neu ordnen will. Die Überlegungen kursieren unter dem Etikett „Mar-a-Lago Accord“, benannt nach Trumps Luxus-Domizil in Florida.

Grundlage ist ein Papier von Stephan Miran über „ungerechte Lastenverteilung“

Die Basis hierfür lieferte ein Papier von Stephen Miran, frischgebackener Chef des einflussreichen Wirtschaftsrates („Council of Economic Advisors“). Der Harvard-Absolvent legte im vergangenen November ein 40-seitiges Elaborat unter dem Titel „Ein Benutzerhandbuch zur Umstrukturierung des globalen Handelssystems“ vor. Im Mittelpunkt stehen „Instrumente“, um das Ungleichgewicht im weltweiten Handel zu beseitigen. Zölle rangieren dabei ganz vorne.

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Miran übt scharfe Kritik an der „ungerechten Lastenverteilung“ zwischen den USA und dem Rest der Welt. So gebe Amerika viele Milliarden Dollar für den Schutz der Verbündeten aus. Der Unmut hierüber wurde kürzlich auch in dem geleakten Chat von Trump-Vertrauten deutlich, als Vizepräsident J.D. Vance ins Spiel brachte, die Europäer sollten für den US-Militäreinsatz gegen die Huthis im Jemen bezahlen. Sie profitierten schließlich mehr als die Amerikaner von der Handelsschifffahrt durch das Rote Meer. Mirans Vorschlag: Der Rest der Welt solle für den militärischen Schutzschirm der Amerikaner zur Kasse gebeten werden. Trumps vorgeschlagener Rohstoff-Deal mit der Ukraine trägt bereits den Stempel von Mirans Rezeptur.

Stephen Miran, Chair, Council of Economic Advisers (CEA) speaks to the media
Stephen Miran ist Harvard-Absolvent und frischgebackener Chef des einflussreichen Wirtschaftsrates „Council of Economic Advisors“. © picture alliance / CNP/AdMedia | CNP/AdMedia

Doch der „Mar-a-Lago-Accord“ reicht noch weiter. Demnach soll auch der US-Kapitalmarkt als Fundament des globalen Finanzsystems entlastet werden. Der Dollar ist die Reservewährung der Welt. Wann immer – und in letzter Zeit immer häufiger – Krisen und Kriege die internationale Politik erschüttern, flüchten sich die Anleger in amerikanische Staatsanleihen. Sie gelten als absolut sicher.

Die Vereinigten Staaten haben ein gigantisches Staatsdefizit von 36 Billionen Dollar

Das Problem: Die Vereinigten Staaten verschulden sich, um ihre gewaltigen Ausgaben zu schultern. Das Staatsdefizit ist bereits auf gigantische 36 Billionen Dollar angewachsen. Die hohe Nachfrage nach dem Dollar hat jedoch noch einen anderen negativen Effekt für Amerika: Ein starker „Greenback“ verteuert die Exporte und macht die Importe billiger. Ein weiterer Grund für das riesige Handelsbilanzdefizit des Landes.

Miran & Co. wollen nun mit einer Radikalmaßnahme eine Umschuldung der Vereinigten Staaten erreichen. Ausländische Gläubiger, die US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 10, 20 oder 30 Jahren halten, sollen gezwungen werden, diese gegen neue Papiere einzutauschen. Diese würden über 100 Jahre laufen – ohne Zinsen. Für Anleger ein monumentales Minusgeschäft zugunsten des US-Etats.

News aus den USA

Auch wenn Ökonomen zwischen London, Peking und Canberra vor einem Inflationsschub und einer weltweiten Rezession warnen: Der US-Präsident scheint finster entschlossen, sein Zoll-Folterprogramm durchzuboxen. Nach Einschätzung der „Financial Times“ könnte ihn höchstens ein politisches Gewitter zu einem Rückzug bewegen. „Ein Einbruch der Zustimmungswerte für den Präsidenten oder Befürchtungen auf dem Capitol Hill, dass die Mehrheiten der Republikaner in beiden Häusern des US-Kongresses bei den Zwischenwahlen 2026 gefährdet sind, könnten ein Umdenken auslösen“, schreibt die britische Wirtschaftszeitung.