Igor Ovcharuk nickt voller Anerkennung, wenn er über seine Partner in Südostasien spricht. „Die Kambodschaner kennen sich aus! Was Landminen angeht, macht denen niemand was vor.“ Igor Ovcharuk, gekleidet in Uniform, sitzt in seinem Büro in Charkiw und hat Pläne von den nächsten Exkursionen vor sich. „Jede Woche machen sich meine Leute auf die Suche“, berichtet der Verantwortliche für die Beseitigung von Landminen beim ukrainischen Militär. Eine Sisyphusarbeit, immer wieder werden neue gelegt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Seit die Ukraine vor gut drei Jahren erneut von Russland angegriffen worden ist, bergen Landminen mit die größten Gefahren im osteuropäischen Land – rund 40 Prozent des ukrainischen Territoriums sind mit Landminen kontaminiert. Der 44-jährige Igor Ovcharuk und die 200 Leute unter seinem Kommando arbeiten an der Entlastung und Sicherung des heimischen Bodens.
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Sollten US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin tatsächlich demnächst einen Waffenstillstand verhandeln, könnte endlich mal ungestört aufgeräumt werden. So wäre ein Waffenstillstand für die Minenbeseitigung ein Durchbruch. Wobei der Ukrainer Ovcharuk auch zugibt: „Das Training, das uns die Kambodschaner gegeben haben, hilft uns bei allem sehr.“ Dort kenne man nämlich alle möglichen Minentypen, ob sowjetisch, chinesisch oder amerikanisch. Und weiß, was zu tun ist.
Landminen: Zahlreiche Länder haben bereits vom kambodschanischen Know-how profitiert
Im vergangenen Sommer reiste Ovcharuk mit Vertretern der Ministerien für Wirtschaft und Verteidigung nach Asien, um sich im Umgang mit Landminen schulen zu lassen. Hilfe also, die nicht aus den USA, Deutschland oder Frankreich kommt, sondern aus Kambodscha. Wohl bemerkt: Mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von rund 5000 US-Dollar ist die Ukraine rund doppelt so wohlhabend wie Kambodscha, das nach UN-Definitionen in die Kategorie der am wenigsten entwickelten Länder der Welt fällt.

Dass man wohlhabenderen Nationen dennoch einiges beibringen kann, ist man im südostasiatischen Land gewohnt. „Der Ukraine haben wir jetzt drei Runden vom Training gegeben“, sagt Tima Bong Rath vom Cambodian Mine Action Centre (CMAC) hastig, aber stolz über das Telefon. Für ein ausführliches Interview hat der Mann keine Zeit, denn Trainings wie diese gibt er öfter, auch längst nicht nur für die Ukraine. Kolumbien, Laos, Irak, Angola haben ebenfalls schon vom kambodschanischen Know-how profitiert.
Es ist Entwicklungsarbeit der untypischen Art. Während die Empfängerstaaten beim Austausch von Expertise meist ärmere Länder sind, kommen die Geberstaaten bisher eher aus Europa, Nordamerika und Nordasien. Dort befinden sich auch wegen der Kolonialismus- und Institutionengeschichte die meisten ökonomisch und demokratisch entwickelten Staaten. Inhaltlich reicht Entwicklungshilfe oft von der Stärkung einer freien Presse über Infrastrukturinvestitionen bis zu Technologien in der Landwirtschaft.
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Kambodscha: Von sechs Millionen auf heute noch eine Million Landminen
Doch auch ein Staat wie Kambodscha kann anderen Ländern Überlebenswichtiges beibringen – zum Beispiel beim Finden, Entschärfen und Beseitigen von Landminen. Aus schmerzlicher Erfahrung. Kaum irgendwo auf der Welt wurden einst so viele Landminen platziert wie im 17-Millionen-Land zwischen Thailand, Laos und Vietnam. Als der Zweite Weltkrieg endlich beendet war und Kambodscha 1953 formal seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich erhielt, gingen hier die schlimmsten Konflikte erst los.

Der Vietnamkrieg, in dem Frankreich und die USA auf besonders brutale Weise gegen kommunistische Kräfte vorgingen, weitete sich Mitte der 1960er-Jahre auf Kambodscha aus. Es folgte ein Bürgerkrieg. Ab 1975 setzten sich die Roten Khmer an die Macht, eine sich kommunistisch nennende Terrorgruppe, die Gleichheit schaffen wollte, indem sie Menschen aus den Städten jagte, Bücher verbrannte und Gegner tötete. In all diesen Konflikten wurden Landminen gelegt, in der Erde versteckte explosive Gegenstände.
Seit 1970 sind in Kambodscha mehr als 60.000 Menschen im Land durch Landminen ums Leben gekommen. Und noch heute sterben laut der 1992 gegründeten staatlichen Agentur CMAC um die 50 Personen pro Jahr durch Landminen, was aber zumindest nur noch halb so viel ist wie vor einem Jahrzehnt. Die Aufräumarbeiten schreiten also mit hohem Tempo voran. Von einst sechs Millionen Minen ist die Zahl in Kambodscha schon auf rund eine Million gesunken. Längst gilt das Land hierbei als internationales Vorbild.
Kambodscha: Ökonomie boomt, aber kaum Softpower
„Wenn es gut läuft, werden in 15 Jahren alle Stellen im Land gesichert sein“, sagt Akihito Hayashi in einem dunklen Büro, ein Hinterzimmer des Hauptgebäudes von CMAC in Phnom Penh, der kambodschanischen Hauptstadt. Hayashi ist Angestellter der japanischen Entwicklungsagentur JICA, die seit den 1990er-Jahren mit Kambodscha bei der Minenbeseitigung zusammenarbeitet. „Viele der Maschinen, die wir hier verwenden, sind in Japan entwickelt worden“, so Hayashi. JICA wiederum hilft bei der Anwendung.

Dazu gehören Handdetektoren, die über den Boden gehalten werden und Metall erkennen, aber auch Fahrzeuge des Unternehmens Nikken, die über eine gefundene Landmine ihren schweren Greifarm setzen und diese dann kontrolliert explodieren lassen. „In Kambodscha setzen wir aber auch Spürhunde und Ratten ein, die für die Minen ein Näschen haben“, sagt der CMAC-Mitarbeiter Tima Bong Rath. „Wir tun alles, was wir können, damit irgendwann die ganze Welt frei von Landminen ist.“

Für Kambodscha, das international bis heute für die Schreckensherrschaft der Roten Khmer bekannt ist und auch heute de facto in einem Einparteiensystem regiert wird, ist so eine internationale Zusammenarbeit nicht zuletzt gute Werbung. Denn über Softpower, also einen positiven Wiedererkennungswert der Nation, verfügt das ökonomisch boomende, aber noch weitgehend arme Land bis jetzt kaum.
Neuestes Projekt: Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz, die Landminen findet
„Das Land ist zu Recht stolz auf seine Expertise im Umgang mit Landminen“, betont der Japaner Akihito Hayashi. Denn nicht nur habe die kambodschanische Behörde traditionelles mit neuem technologischem Wissen verbunden, um in jeder Gegend des Landes die Entminungsarbeiten voranzutreiben. „Es besteht auch ein sehr effizientes System der Erkennung und Kartierung.“ Dies wiederum nutzt auch JICA mit japanischen Partnerbetrieben, um eine Künstliche Intelligenz zu entwickeln, die Landminen findet.
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In Kambodscha wird sie erstmals angewendet. Wovon man sich auch in der Ukraine Hoffnungen macht. „Es gibt hier Minentypen, die aus viel Plastik und weniger Metall sind und durch bestehende Systeme nicht immer erkannt werden“, berichtet Igor Ovcharuk in Charkiw. Mit den Erfahrungen vor Ort in Kambodscha wird die KI weiterentwickelt. Bis die Ukraine minenfrei ist, dürfte nach Ende von Kriegshandlungen ein Jahrzehnt vergehen. Mit Know-how aus Kambodscha wird der Prozess irgendwann vielleicht schneller.







