Betritt man die „Anzen-Apotheke“ in Meguro, einem beschaulichen Wohnviertel im westlichen Zentrum von Tokio, schellt immer eine kleine Klingel, die an der Tür baumelt. Besonders laut ist das Geräusch nicht. Doch für dieses alte Paar Ohren, das kurz darauf um die Ecke geschlichen kommt, ist es laut genug. Mit gebeugter, aber aufmerksamer Haltung tritt die Chefin hinter den Tresen, von dem sie schon lange ihre Kundinnen berät: „Ja, bitte? Kann ich Ihnen helfen?“

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Schon dieser Moment – irgendwie völlig alltäglich – ist eigentlich eine Sensation. Denn die Dame, die sich da aus ihrem Büro hinter all den Regalen voller Medizin gegen Entzündungen, Reflux und andere Beschwerden hervorbewegt hat, ist mehr als ein Jahrhundert alt. Auch an diesem Tag, wie an fast jedem Tag über die vergangenen rund 70 Jahre, geht sie diese paar Meter, lächelt höflich, hört immer noch genau hin. Viele Fragen beantwortet sie aus dem Gedächtnis. „Ich hab‘ doch Erfahrung!“, grinst sie.

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Japanische Apotheierin hält Guinness-Rekord mit über 70 Jahren Erfahrung

Tatsächlich hat diese Frau mehr Erfahrung als jede andere ihrer Zunft – und das längst nicht nur in ihrem Heimatland Japan. Kesa Hatamoto hat seit April 2024 einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde: als älteste Apothekerin der Welt. Die Auslage ihres altmodisch designten Geschäfts schmücken Artikel japanischer Zeitungen über sie. Denn sie ist eine Story wert: Hatamoto ist schon 102 Jahre alt, doch ihrem langsamen, aber kaum leidvollen Auftreten nach zu urteilen dürfte sie ihren Rekord weiter ausbauen.

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Dass so ein Höchstwert ausgerechnet in Japan aufgestellt worden ist, dürfte kaum noch jemanden verwundern. Das ostasiatische Land, wo die Menschen wenig Salz zu sich nehmen und sich im Alter viel bewegen, hat mit mittlerweile mehr als 84 Jahren eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt. Der Bevölkerungsanteil von Menschen mit einem dreistelligen Lebensalter ist der höchste. Und in Kategorien wie „die Älteste der Welt“ sind auch in ganz anderen Bereichen regelmäßig Menschen aus Japan auf Platz 1.

„Es gibt nichts Schöneres, als seinen Job für immer zu haben“

So ist Kesa Hatamoto trotz allem kein Promi in Japan. Zur Rekordhalterin wurde sie zudem erst, als sie ihre Landsfrau Eiko Hiruma ablöste, die 1923 zur Welt kam und bis zu Hatamotos Registrierung als die Älteste galt. Auch Hiruma ist aus Tokio, hatte ab 1944 in der 21 Jahre zuvor von ihrem Vater gegründete Apotheke zu arbeiten begonnen. Selbst als Hiruma nach einer Fußverletzung im Jahr 2020 vorübergehend im Rollstuhl saß, wollte sie sich ihren Job nicht nehmen lassen, erklärte: „Ich will bis 100 weiterarbeiten!“

Asian senior woman going for shopping
Die ältere Bevölkerung Japans gilt im Vergleich zu denen anderer Länder als besonders fit.© iStock | SetsukoN

Hiruma hatte sich bei den Rekordverwalterinnen aus dem Hause Guiness erst gar nicht vorstellen wollen. Nur auf Drängen ihres Enkels hatte sie dann ihre Meinung geändert, weil sie dachte, mit so einer offiziellen Anerkennung könnte sie andere Menschen dazu bewegen, ebenfalls bis ins hohe Alter zu arbeiten. Denn Herausforderungen hielten fit. Ähnliche Worte hört man heute von der noch ein Jahr älteren Kesa Hatamoto: „Es gibt nichts Schöneres, als seinen Job für immer zu haben.“ Auch sie wolle niemals aufhören.

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Was für Viele wie ein Scherz klingen mag, ist vor dem Hintergrund der in Japan üblichen Einstellung zu Arbeit verständlich, und aus der Perspektive von Frauen aus der Generation von Kesa Hatamoto erst recht. Der Arbeitsplatz ist im ostasiatischen Land – wohl auch durch die konfuzianische Prägung, die hohen Wert auf die Einbindung des Individuums in die Gesellschaft legt – ein noch bedeutenderer Teil der Identität als in westlichen Gesellschaften. Ein Beruf wird hier häufig als Berufung interpretiert.

Apothekerin sollte heiraten – doch sie zog die Ausbildung vor

Und für Frauen, die im Japan 1920er zur Welt kamen, war ein eigener Job auch Freiheit. „Als junge Frau sollte ich eigentlich früh verheiratet werden“, hat Kesa Hatamoto an anderer Stelle erklärt. Als sie ihrem Vater den Wunsch beichtete, finanziell selbstständig zu sein, lenkte der ein, und riet der Tochter dazu, doch Pharmazeutin zu werden. Denn in den frühen 1940er Jahren, als Japan längst einen Eroberungskrieg im Pazifik führte, der später in den Zweiten Weltkrieg mündete, war Wissen über Gesundheit Mangelware.

Nach Japans Kriegsniederlage 1945 war die junge Kesa Hatamoto – deren Pharmaziestudium sich im Krieg deutlich verkürzt hatte, wodurch sie schon als 20-jährige mit Abschluss in einem Chemielabor gearbeitet hatte – in ihre Geburtsregion Nagano evakuiert worden. Kurz darauf heiratete sie, wurde zunächst Hausfrau, wie es für Frauen auch nach im Nachkriegsjapan noch lange üblich bleiben sollte. Aber Kesa Hatamoto war schon damals keine übliche Frau.

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Mit ihrem Ehemann, der den japanischen Geschlechtervorstellungen zufolge eigentlich für das Geld im Haushalt hätte sorgen sollen, hatte sich Hatamoto eher finanzielle Probleme ins Haus geholt. Der hatte nämlich für einen verschuldeten Freund gebürgt, womit das Vermögen der Hatamotos beschlagnahmt wurde. Im Freundeskreis riet man der hochqualifizierten jungen Frau, doch ihre Apothekenlizenz zu nutzen. 1952 gründete sie die „Anzen-Apotheke.“

Fit mit 102 Jahren: Das Geheimnis von Kesa Hatamotos Langlebigkeit

Das Wort „anzen“ übersetzt sich ins Deutsche mit Sicherheit – für die Kunden war das gesundheitlich gemeint, für Kesa Hatamoto aber auch finanziell. Den kleinen Betrieb, der zum Familienunternehmen werden sollte, ließ Kesa Hatamoto nie wieder los. „Meine Kinder helfen mir jetzt dabei, den Laden zu führen“, erklärt sie hinter ihrem Tresen. Dass Hilfe mittlerweile immer mal nötig ist, lässt sich schnell erkennen.

Eine ältere Frau in einem braunen Rock läuft auf dem Gehweg
Japan zählt zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung. © iStock | Skyimages

„Als junge Frau war ich auch mal länger in Deutschland!“, sagt Kesa Hatamoto mit einem großen Lächeln, als sie hört, dass der Reporter vor ihr von dort kommt. „Es hat mir sehr gefallen. Die Menschen waren so fleißig wie wir Japaner!“ Wann genau sie da war, und wo genau, kann sie aber nicht sagen. „Das hab‘ ich leider alles schon wieder vergessen!“ Bei Fragen der Gesundheit und entsprechenden Medikamenten passiere ihr so etwas aber nicht. Auch Fortbildungen habe sie immer wieder besucht.

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Und was ist nun das Rezept für ein besonders langes und gesundes Leben? Ab und zu ein Griff ins Medizinregal? Die Alt-Apothekerin lächelt milde, winkt ab. „Meine Apotheke öffnet sechs Tage die Woche um zehn Uhr vormittags, wir schließen um sechs Uhr abends.“ Der Einkauf neuer Medikamente, der Kontakt mit den Kundinnen und Kunden, die teils selbst seit Jahrzehnten herkommen und ihren Rat brauchten, halte sie auf Trab. „Ich denke gar nicht so richtig ans Altwerden“, sagt Kesa Hatamoto.

Plötzlich bimmelt die Klingel an der Ladentür. Und die alte Dame hat keine Zeit mehr, über die eigene Gesundheit zu sprechen. Es gehe doch um die der anderen. „Ja, bitte? Wie kann ich Ihnen helfen?“