Schon wieder die Griechenlandkrise. Und schon wieder deutsche Politiker, die das bekannte Lied vom Grexit singen. Sie werden bestimmt lauter werden, je näher die heiße Phase des Wahlkampfs kommt und das Griechenlandproblem ungelöst bleibt. Sprüche wie des bayerischen Finanzministers Söder, „Griechenlandhilfe nur mit Pfand – Bargeld, Gold, Immobilien – genehmigen“, kommen bei den Griechen ganz schlecht an. Man bekommt sehr schnell Gegenreaktionen, wie die eines Freundes auf meiner Facebookseite, der schrieb: „Jawohl, Gold. Das Gold, was Deutschland während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg von Griechenlands Zentralbank entwendete und nie zurückzahlte.“ Gemeint sind die Zwangsanleihe und die Reparationsforderungen für die Gräueltaten der Nazis in Griechenland.

Die Griechen reagieren allergisch auf Sprüche, die ihre Beziehung zu Europa infrage stellen. Europas kulturelle und politische Wurzeln sind in der griechischen Antike zu suchen. Europa ohne Hellas ist für die Griechen undenkbar.

Nichtsdestotrotz läuft, parallel zu der Grexit-Debatte in Deutschland, eine „Drachme-Debatte“ in Griechenland. Im Grunde geht es bei dieser Debatte um den alten Gegensatz: Westorientierung und Modernisierung des Landes oder antiwestliche, nationale Selbstbestimmung. Für die Verfechter des nationalen Weges wäre die Rückkehr in die eigene Währung ein Akt der Selbstbestimmung gegen die Fremdherrschaft in der „Schuldenkolonie“ Griechenland. Mit Argumenten über die Zwänge der Globalisierung und die Aussichtslosigkeit des nationalen Alleingangs kommt man nicht durch.

Anti-Germanismus ersetzte den Anti-Amerikanismus

Die Debatte wird von einem Anti-Germanismus bestimmt, der den früheren Anti-Amerikanismus ersetzte. Der Anti-Amerikanismus war sehr ausgeprägt in Griechenland, nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung der Militärjunta 1967–1974 durch die USA. Kämpfte man früher gegen den amerikanischen Imperialismus, so kämpft man heute gegen die Hegemonie Deutschlands in Europa. Das griechische Referendum im Sommer 2015 wurde als Befreiung vom deutschen Joch gefeiert. Der nationale Alleingang und die Rückkehr zur Drachme wurden im letzten Moment abgewendet, weil die große Mehrheit der Griechen zwar mit „Nein“ stimmte, den Abschied vom Euro aber nicht wollte. Tsipras nutzte damals die Gelegenheit, um sich von Janis Varoufakis und seinem drachmophilen Mitstreiter Panajotis Lafasanis und Zoi Konstantopoulou zu befreien.

Diesmal wird die Rückkehr zur Drachme als notwendige Vorbereitung Griechenlands für den drohenden Zerfall der Eurozone und der EU verkauft. Dieses Szenario ist nicht mehr auszuschließen. Die EU hat mächtige Gegner in Washington und Moskau. Und Tsipras suchte immer die Nähe zu Putin und nun auch zu Trump, zu dessen Amtseinführung er gleich zwei Minister nach Washington schickte.

Die Drachme- und die Grexit-Debatten sind die falschen

Die Zustimmung der Griechen zum Euro nahm aber in den letzten zwei Jahren der Syriza-Anel-Ära stark ab, wie eine aktuelle Umfrage des Instituts Public­ Issue zeigt. Auf die Frage, wie ginge es Griechenland ohne den Euro, antwortete vor zwei Jahren eine Mehrheit von 70 Prozent mit „schlechter“, jetzt sind es 55 Prozent. Waren 2015 nur 18 Prozent der Meinung, dass es Ihnen ohne den Euro besser ginge, sind es heute 25 Prozent.

Dennoch bleibt der Schaden. Denn beides, die Drachme-Diskussion in Griechenland und die Grexit-Diskussion in Deutschland sind die falschen Debatten. Den Griechen ginge es mit der Drachme definitiv nicht besser. Die Reformen müssen sie so oder so machen, mit eigener Währung wären sie nur ärmer. Und die EU hätte mit einem Austritt Griechenlands aus dem Euro ein zusätzliches Problem. Die Grexit-Debatte ist eine Altlast. Die Debatte um die Zukunft der EU sollte davon befreit werden.

Korrespondent Georgios Pappas
Korrespondent Georgios Pappas© Glanze | Sergej Glanze

Lesen Sie mehr von Georgios Pappas