Erst zwei Tage nach dem Blutbad in München kam ich dazu meine Mailbox abzuhören. Darauf waren etliche Anrufe von besorgten Verwandten, Freunden und Kollegen aus Griechenland, und alle stellten mir die gleiche Frage: „Geht es Euch gut?“ Mit „Euch“ meinten sie meine Familie, die sehr nah am Münchner OEZ wohnt.
Meine Frau war noch zwei Stunden vor dem Angriff dort, ich selbst wäre vermutlich am Tatort gewesen, wenn ich nicht vom Anruf meines Sohnes aufgehalten worden wäre, bis die erste Eilmeldung über die Schießerei kam. Dann musste ich neun Stunden lang ununterbrochen berichten, mein Sender unterbrach das Programm und schaltete auf eine Marathon-Live-Sendung bis zum Ende der ersten Pressekonferenz der Münchner Polizeidirektion um 3 Uhr morgens.
Das Münchner Blutbad verfolgt mich auch im Urlaub. „Was war denn das? Was habt ihr da erlebt?“, diese Fragen wurden mir unzählige Male gestellt, seit ich Mitte letzter Woche nach Griechenland kam. Es ist keine Neugier, sondern echte Sorge und Anteilnahme.
Der Amoklauf eines verstörten Breivik-Bewunderers in München hat absolut keine große Sympathiewelle („Wir sind München“) ausgelöst, wie die Anschläge in anderen europäischen Städten. Die Griechen haben ihn dennoch als Angriff gegen sich selbst empfunden.
Die erste Einstufung der Tat als „akute Terrorgefahr“ rief bei allen Erinnerungen an Paris, Brüssel und Nizza wach. Beim Angriff in „Athen an der Isar“ kam für die Griechen ein überaus persönlicher Bezug dazu. In der bayrischen Hauptstadt leben nämlich fast 30.000 Griechen, viele machten sich Sorgen um ihre Verwandten und Bekannten. Die Sorge war berechtigt. Unter der neun Opfern des Amoklaufs war auch ein 17-jähriger Grieche aus West-Thrakien.
Dieser persönliche Bezug zu München und der mediale Ausnahmezustand versetzten die Menschen in ein Klima der akuten, kollektiven Bedrohung. Sie bekamen Analysen und Verschwörungstheorien über den Täter und seine Beweggründe zu hören, waren bestens informiert über die Messerattacke in Würzburg oder den Anschlag in Ansbach.
Die Angst vor dem Terror bekamen auch diejenigen Griechen zu spüren, die 2000 Kilometer vom Tatort entfernt waren. Das ist eine neue Dimension, die den heutigen Terror von Formen der Vergangenheit unterscheidet: die globalisierte Bedrohung als akute persönliche Gefahr. Das verunsichert jede Gesellschaft.
Was hilft es dagegen, wenn man schon weiß und von den politischen Verantwortlichen gebetsmühlenartig jeden Tag gesagt bekommt, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt? Entscheidend ist die Reaktion des Staates und seiner Institutionen.
Im Fall von München waren Polizei, Sanitäter, Feuerwehr sehr schnell vor Ort. Das vermittelte das Gefühl, dass man dem Terror nicht ausgeliefert ist, dass es Institutionen gibt, die den Bürger schützen. Wenigstens, dass sie alles dafür tun. Vielleicht mehr als notwendig, wie es sich im Fall von München mit der Mobilisierung von 2300 Polizeibeamten gegen einen 18-jährigen Einzeltäter herausstellte.
Das Thema wird auch politisch ausgeschlachtet. Die aktuelle Terrorgefahr ist ein willkommener Anlass für Fremdenhasser und Träumer der totalen Überwachung.
Und trotzdem, mir persönlich hat es schon sehr geholfen, dass der Staat so schnell und massiv reagiert hat. Das Zentrum von München wurde abgeriegelt, mein Sohn musste an der Uni übernachten, wo er sich zum Zeitpunkt des Angriffs mit 20 anderen Studenten befand. Es ist ein kleines Übel, das man in Kauf nimmt.
Aber ich will weder in einem Polizeistaat leben, noch meinen Lebensstil über Bord werfen. Beides wäre ein Sieg des Terrorismus.

