Politik

Die Griechen von Görlitz

In der sächsischen Stadt wurde ein fast vergessenes Kapitel in der Geschichte beider Länder geschrieben

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Ga­briel (SPD) reiste vergangene Woche mit einer großen Wirtschaftsdelegation nach Athen. Er wollte ein neues Kapitel der Zusammenarbeit zwischen Berlin und Athen aufschlagen. Das war höchste Zeit, man soll das Feld nicht den Populisten beiderseits überlassen, die das Klima während der Krise vergiftet haben. Es wäre schade für die Beziehungen zwischen Griechen und Deutschen, die so vielfältig sind, dass manche Facetten wenig bekannt sind.

Zum Beispiel Görlitz in Sachsen, der östlichsten Stadt Deutschlands. Ich reiste vor fünf Jahren zum ersten Mal nach Görlitz – auf den Spuren, die die Griechen vor 100 Jahren dort hinterließen. Ein ganzes Armeekorps mit 6500 Soldaten und Offizieren wurde während des Ersten Weltkriegs im September 1916 von der nordgriechischen Stadt Kavala nach Görlitz gebracht. Angesichts der Gefahr, von den heranrückenden Bulgaren – Verbündete der Deutschen – vernichtet zu werden, intervenierte der griechische König Kon­stantin I. bei seinem Schwager Kaiser Wilhelm II., und das gesamte 4. Armeekorps wurde für die Dauer des Krieges nach Görlitz evakuiert.

Die „Gast-Gefangenen“ wurden mit einem Transparent auf griechisch „XAIPETE“ (Seid begrüßt) empfangen. Viele von ihnen arbeiteten bald in Fabriken, als Geschäftsleute oder Handwerker, wie der in Berlin lebende Schriftsteller Gerassimos Alexatos bei der Erforschung dieses vergessenen Kapitels deutsch-griechischer Geschichte herausfand. Willkommenskultur mitten im Ersten Weltkrieg! Sie gaben eine Zeitung heraus. In Görlitz wurde für das „Museum der Stimmen der Völker“ zum ersten Mal ein Rembetiko-Lied mit Busuki-Begleitung im Auftrag der Preußischen Phonographischen Kommission aufgezeichnet. Dann kam die Novemberrevolution 1918/19, der überwiegende Teil unterstützte den Spartakusaufstand, seine Niederschlagung markierte das Ende dieser ersten Begegnung der Griechen mit Deutschland in Görlitz. Die meisten kehrten zurück, nur 200 von ihnen blieben.

Der Zweite Weltkrieg brachte die Griechen wieder nach Görlitz. Allerdings zum östlichen Teil der Stadt, dem inzwischen pol­nischen Zgorzelec. Griechenland hatte nicht nur mit den Folgen der deutschen Besatzung zu kämpfen, das Land durchlebte 1946/49 auch noch einen blutigen Bürgerkrieg. Die Kommunisten verloren den Krieg, und mehrere Zehntausend Partisanen fanden als politische Flüchtlinge Zuflucht in der Sowjetunion und anderen Ostblockländern. Kurz vor Kriegsende 1949 kamen 14.500 nach Zgorzelec. Als sie ankamen, fanden sie eine leere Stadt vor, erzählte mir Dimitris Makris einer der letzten in Zgorzelec lebenden Partisanen. Sie wohnten in den Häuser der Deutschen, die nach dem Krieg ihre Stadt verlassen mussten. Eine Ironie der Geschichte, denn Dimitris Makris kämpfte schon als 16-Jähriger gegen die deutschen Besatzer in Griechenland. Dimitris Makris wurde im Bürgerkrieg verletzt und vom Rückzugsgebiet der Partisanen in Albanien nach Polen verschifft. Schließlich landete er über Danzig in Zgorzelec.

Vom früheren Schicksal der Griechen in Görlitz hatten sie damals keine Ahnung. Viel später als die Grenzkontrollen zwischen Polen und der DDR in den 70er-Jahren gelockert wurden, hörten sie beim Einkauf in Görlitz auch ein paar griechische Worte und realisierten, dass sie nicht die ersten Griechen in dieser Ecke der Welt sind. Die meisten Griechen von Zgorzelec sind in den 80er-Jahren nach Griechenland zurückgekehrt. Nikos Rusketos, Sohn politischer Flüchtlinge, ist geblieben. Er sitzt heute im Stadtrat von Zgorzelec und sorgt dafür, dass die Geschichte nicht vergessen wird. Die Boulevar Grezca entlang der Neiße-Grenze, die er initiiert hat, zeugt davon sowie das Festival griechischer Musik, das am kommenden Wochenende zum 19. Mal stattfindet und in ganz Polen bekannt ist.

So wurde Görlitz zum Schauplatz griechischer Geschichte in den zwei großen Kriegen – und die Griechen zu einem verbindenden Element zwischen Görlitz und Zgorzelec, zwischen Deutschland und Polen.