Aufatmen in der Griechenlandkrise: Der Streit um die „Weihnachtsgeschenke“ von Premierminister Alexis Tsipras an die griechischen Rentner ist beigelegt. Finanzminister Tsakalotos versicherte den Gläubigern schriftlich, dass die griechische Regierung das vereinbarte Programm voll und ganz umsetzen werde. Die Rentnerunterstützung sei eine Einmalzahlung, das passiere nicht wieder. Das beruhigte die Gläubiger, allen voran den deutschen Finanzminister, der sofort nach der Ankündigung von Tsipras die Handbremse gezogen hatte. Die schon beschlossenen Maßnahmen für die Schuldenerleichterung Griechenlands können nun mit einiger Verspätung umgesetzt werden. Ein paar Tage früher oder später spielt eigentlich keine so große Rolle, Verspätungen sind im Fall Griechenlands eher die Regel als die Ausnahme.
Ende gut, alles gut? Der Schein trügt. Es ist nur eine vorübergehende Deeskalation einer fortwährenden Krise. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble wird im Wahljahr 2017 den Internationalen Währungsfonds IWF an Bord des dritten griechischen Programms holen müssen. Das bedeutet neue Kürzungen für die krisengebeutelten Griechen, was wiederum Widerstand von Tsipras und seiner Links-rechts-Koalition Syriza-Anel auf den Plan ruft. „Diejenigen, die nicht gesund in ihrer Seele sind, können weder die Probleme ihres Landes noch Europas lösen“, sagte Tsipras vor Kurzem in Athen. Er meine damit nicht den deutschen Finanzminister, erklärte der Premier später. Dennoch wussten alle, dass er auf Schäuble zielte. Tsipras eröffnete damit eine neue Runde der Auseinandersetzung mit Schäuble. Seine unsägliche Exkursion in die Psychologie ist nur eine kleine Kostprobe dessen, was zu erwarten ist, wenn die Schuldenkrise Griechenlands wieder hochkommt oder Tsipras, angesichts der großen Schwierigkeiten bei der Umsetzung der versprochenen Reformen, sich für Neuwahlen entscheidet. „Mit dem griechischen Volk oder mit Schäuble?“ war die Schlagzeile der Zyriza-Zeitung „Avgi“. Der deutsche Finanzminister bleibt in Griechenland ein Feindbild.
Maria Ch. hält wenig von Feindbildern zwischen Griechen und Deutschen. Die 24 Jahre alte Uniabsolventin hatte keine Chance auf eine Anstellung als Lehrerin in Griechenland, wo jeder zweite junge Mensch arbeitslos ist. Deutschland hingegen sucht händeringend Fachkräfte. Maria nahm vor anderthalb Jahren an einem Ausbildungsprogramm teil, lernte intensiv Deutsch, wurde zuerst in Leipzig ein Jahr lang zur Krankenschwester ausgebildet, im September begann sie in München eine Ausbildung zur Kinderpflegerin. Ihr Traum ist es, irgendwann einmal ihren erlernten Beruf als Lehrerin auszuüben. Dazu muss sie in Deutschland weiterstudieren. Mit ihrem Fleiß und ihrem Willen wird Maria das auch noch schaffen.
Die Warnungen ihres älteren Bruders und ihrer Freunde vor einer Migration ausgerechnet nach Deutschland hat Maria ignoriert. „Ich bekam eine Gelegenheit, zu arbeiten und zu leben“, erzählte sie mir auf dem Flug nach Thessaloniki vor einer Woche. Sie habe nur positive, keine diskriminierenden oder gar rassistischen Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil. Sie wurde immer für ihre Leistungen gelobt. Klar gäbe es kulturelle Unterschiede zwischen den ordnungsfixierten Deutschen und den eher flexiblen Griechen. Und die Familienbindung sei zu Hause viel stärker als hier, meinte Maria. Das war schon immer so. Erst recht in Zeiten der Krise bleibt die Familie eine große Stütze für die perspektivlosen jungen Menschen.
Die Deutschen seien nicht so warmherzig wie die Griechen, sagte Maria weiter, aber vielleicht sei das auch nur ein Klischee. Eine deutsche Freundin nahm sie vergangenes Jahr mit zu ihrer Familie, so musste sie nicht allein ihr erstes Weihnachten in Deutschland feiern.
2017 verbringt Maria die Feiertage wieder in der Geborgenheit ihrer Familie in Thessaloniki. Dann will sie unbedingt zurück nach Deutschland. Trotz der beharrlichen Versuche ihrer Mutter, sie zu überreden, in Griechenland zu bleiben, und trotz der verschlechterten politischen Großwetterlage.

