Vielleicht ist es die perfekte Voraussetzung für einen Mythos: ein schwarzer BMW an einer roten Ampel, ein weißer Cadillac, ein ausgestreckter Arm, Schüsse in der heißen Wüstennacht – und ein damals 25 Jahre alter Weltstar, der sechs Tage später stirbt. Keine Mordwaffe. Jahrzehntelang keine Anklage. Dafür Feinde in allen Himmelsrichtungen.

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Am 7. September jährt sich der Anschlag auf den legendären US-Rapper Tupac Shakur zum 30. Mal. Dass ausgerechnet jetzt in Las Vegas Duane „Keffe D“ Davis vor Gericht für schuldig befunden wurde, ist der späte Versuch der Wirklichkeit, eine Geschichte zurückzuerobern, die längst im Reich der Legenden angekommen ist. Davis, 63, ehemaliger Bandenchef, soll den Anschlag organisiert haben. Die Geschworenenjury hat ihn für schuldig erklärt, das Urteil wird in Kürze erwartet. Davis droht eine lebenslange Haft. Fraglich bleibt, ob sich damit die Diskussionen über die Frage „Who killed Tupac?“ wirklich in Rauch auflösen werden. Diese nämlich hatte sich längst verselbstständigt und in mindestens sieben Theorien gekleidet.

Gang-Rivalität: Rache als mögliches Motiv des Tupac-Mordes

Theorie 1 lautete bislang: Es waren einfach die Crips. Wenige Stunden vor den Schüssen hatte Tupac im MGM Grand Orlando „Baby Lane“ Anderson verprügelt, Mitglied der Gang „South Side Compton Crips“ und Neffe von dessen Chef Duane Davis. Shakur bewegte sich im Umfeld der eng mit dem Death-Row-Label verbundenen „Mob Piru Bloods“. „Bloods“ gegen „Crips“ also – zur Rivalität der Plattenlabels kam ein realer Gangkonflikt. Die These lautet deshalb: kein großes Musikindustrie-Komplott, sondern banale Rache.

Anderson wird seit Jahrzehnten als möglicher Schütze genannt. Er bestritt dies und wurde 1998 selbst erschossen. Schon Ermittlungen unmittelbar nach Tupacs Tod führten in dieses Milieu; die heutige Anklage gegen Davis folgte im Kern derselben Spur. Vielleicht ist gerade ihre Banalität der Grund, weshalb diese Erklärung nie alle überzeugte. Für einen Mythos wie Tupac erschien ein Mord wegen einer Prügelei fast zu klein.

Theorie 2: Biggie ließ seinen Rivalen töten. Das war die große Erzählung der 90er-Jahre: West Coast gegen East Coast, Los Angeles gegen New York, Death Row gegen Bad Boy – Tupac Shakur gegen Christopher Wallace alias Notorious B.I.G., kurz „Biggie“. Dabei waren die beiden einmal Freunde gewesen. Nach einem Überfall auf Tupac 1994 in einem New Yorker Studio zerbrach das Verhältnis.

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Tupac glaubte, Biggies Umfeld habe von dem Anschlag gewusst. Danach wurden Platten zu Waffen. „Hit ’Em Up“ (von Tupac) war musikalisch eine Kriegserklärung. 2002 behauptete ein bis heute umstrittener Bericht der „Los Angeles Times“ unter Berufung auf anonyme Gangquellen, Biggie habe den Crips eine Million Dollar zugesagt.

Seine Familie wies die Darstellung zurück und legte Alibi-Unterlagen vor. Bewiesen wurde die Behauptung nie. Sechs Monate nach Tupacs Tod wurde er selbst in Los Angeles erschossen. Auch dieser Mord blieb ungeklärt. Zwei tote Superstars, zwei Drive-by-Morde, zwei ungelöste Fälle – besser lässt sich ein amerikanischer Mythos kaum basteln.

Tupac-Mord: Puff Daddy und Suge Knight geraten ins Visier der Ermittler

Theorie 3: Hinter allem stand Diddy, damals Puff Daddy. Eine verwandte Variante verlegt den Auftrag eine Etage höher: zu Sean „Diddy“ Combs, damals Chef von Bad Boy Records. Davis behauptete in einem aufgezeichneten Ermittlergespräch, Combs habe ein Kopfgeld auf Shakur und Suge Knight ausgesetzt. Combs wies die Behauptung zurück; wegen Tupacs Ermordung wurde er nie angeklagt.

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Am Tag der Ermordung des Musikers saß Produzent Suge Knight neben ihm im Auto. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Frank Wiese

Theorie 4: Marion „Suge“ Knight, der gefürchtete Chef von Death Row Records, opferte seinen eigenen Star. Danach habe Knight Tupac beseitigen lassen – wegen Geld, Verträgen oder weil sein Superstar das Label verlassen wollte. Das auffälligste Problem dieser Theorie saß allerdings am Abend des 7. September 1996 am Steuer: Knight selbst. Wer einen Mordanschlag bestellt, wählt normalerweise nicht den Sitzplatz direkt neben der Zielperson.

Knight wurde bei der Schießerei ebenfalls verletzt. Trotzdem hielt sich die Theorie. Death Row war in den 90ern ein Biotop aus Millionenumsätzen, Gewalt, Gangkontakten und Einschüchterung. Wo das Milieu ohnehin wie ein Gangsterfilm aussah, schien irgendwann beinahe jedes Drehbuch glaubhaft. Knight hat eine Beteiligung an den Morden wiederholt bestritten.

Theorie 5: Der Staat wollte Tupac loswerden. Hier führt die Spur weit zurück. Tupacs Mutter Afeni Shakur gehörte den Black Panthers an. Sein Stiefvater Mutulu Shakur war ein radikaler Aktivist und lange im Gefängnis. Tupac selbst rappte über Rassismus, Polizeigewalt, Armut und den Staat. 

Daraus entstand die Theorie, FBI oder andere Sicherheitsbehörden hätten den politisch einflussreichen schwarzen Künstler beseitigen lassen – quasi die Fortsetzung der realen Überwachung schwarzer Bürgerrechts- und Protestbewegungen in den 60ern. Allein, Belege für eine staatlich organisierte Ermordung Tupacs gibt es nicht.

Korruption und Verschwörungstheorien ranken sich um Tupacs Tod

Theorie 6: Tupac wurde Opfer korrupter Polizisten. Eine weitere Erzählung verschränkt seinen Tod mit dem Mord an Biggie. Daraus entstand rückblickend ein gigantisches Geflecht: Cops, Gangs, Plattenfirmen, Auftragskiller – zwei Morde als Teile derselben Operation. Das FBI untersuchte den Verdacht einer Beteiligung korrupter Beamter der Polizei in Los Angeles. 2005 wurde die Bundesermittlung ohne Anklage geschlossen; ein zentraler Informant hatte zuvor wesentliche Angaben relativiert.

Theorie 7: Tupac lebt. Er inszenierte seinen Tod. Die Gläubigen sammelten Indizien wie Reliquien. Tupac ließ sich auf seinem posthum veröffentlichten Album „The Don Killuminati: The 7 Day Theory“ als Gekreuzigter darstellen und nannte sich Makaveli – nach Niccolò Machiavelli, dem Philosophen von Macht, List und Tücke. Es gab keine öffentliche Beerdigung, Shakur wurde eingeäschert. Danach erschienen so viele unveröffentlichte Songs, dass Fans scherzten: Kein Toter könne so produktiv sein.

Dann kamen die angeblichen Sichtungen. Tupac auf Kuba. Tupac in Afrika. Tupac im amerikanischen Südwesten. Besonders Kuba wurde populär, weil seine Patentante Assata Shakur, die nach ihrer Flucht aus einem US-Gefängnis dort Asyl erhalten hatte und 2025 auf der Insel starb, jahrzehntelang auf der Karibikinsel lebte.

Nur: Für all das existiert kein belastbarer Beweis. Shakur starb am 13. September 1996 im University Medical Center in Las Vegas. Vielleicht erzählt die hartnäckigste Verschwörungstheorie deshalb weniger über Tupacs Tod als über seine Wirkung. „Viele Menschen wollen nicht glauben, dass ihre Helden fort sind“, sagte einst der Musikautor Michael Gonzales.

Fast drei Jahrzehnte lang bot die Polizei dieser Fantasie reichlich Platz. Nun hat ein Gericht in Las Vegas diesen Raum mit Beweisen gefüllt. Und die Wahrheit lautet am Ende wohl nicht Biggie, Diddy, Suge Knight, FBI oder Kuba. Es war tatsächlich jene brutale Aneinanderreihung, die Ermittler heute beschreiben: der Streit um eine angeblich gestohlene Kette, eine Prügelei im Casino, gekränkte Gang-Ehre, eine Pistole und ein weißer Cadillac. Hinter einem der größten Mordmythen der Popgeschichte steckt nun gar kein gigantisches Komplott. Sondern nur ein paar Minuten Rache.