- Teufelsaustreibungen scheinen wie ein Relikt aus alten Zeiten
- Doch auch heutzutage werden sie noch durchgeführt
- Pater Francois Dermine verrät, wie er Dämonen vertreibt
Man kennt sie von Filmen oder aus dem Fernsehen: Dramatische Szenen dämonischer Besessenheit und Exorzisten, die gegen das sogenannte Böse kämpfen. Heute wirken Teufelsaustreibungen wie Anachronismen. Und doch gibt es sie noch immer: Jedes Jahr suchen allein in Italien rund eine halbe Million Menschen die Hilfe eines Exorzisten, so die Internationale Vereinigung der Exorzisten (AIE). Gerade während der Pandemie sei die Nachfrage nach Teufelsaustreibungen sprunghaft angestiegen.

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Laut dem Kirchenrecht von 1983 darf ein Exorzismus („exorkizein“ gleich „wegbeschwören“) nur nach Genehmigung eines Bischofs von einem dazu ausgebildeten Priester vorgenommen werden. Aber wie läuft das Ritual ab? Und welche Gefahren drohen dem mutmaßlich Besessenen – gerade während der Teufelsaustreibung? Das erklären der Dominikanerpater Francois Dermine, einer der weltweit größten Exorzismus-Experten, und die Religionswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Nicole Bauer.
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Exorzist erklärt, woran er „Besessene“ erkennt
In Rom kann man Teufelsaustreibung, salopp gesagt, nämlich sogar studieren: Die päpstliche Akademie „Regina Apostolorum“ bildet seit 2005 sogar wieder Theologiestudenten in Exorzismus aus. Dominikanerpater Dermine ist ausgebildeter Exorzist und gibt seit Jahren an der „Regina Apostolorum“ einen „Kurs über Exorzismus und Befreiungsgebete“. Seit 30 Jahren leitet der gebürtige Kanadier zudem die „Gruppe für soziale und religiöse Information und Forschung“ (GRIS), die sich mit Exorzismus befasst.
Einmal im Jahr treffen sich in der „Regina Apostolorum“ Hunderte Interessenten zu einer Art Weiterbildungskurs, bei dem auch die „Besessenheit“ auf dem Plan steht. Was bitte ist darunter zu verstehen? „Die Abneigung gegen alles Sakrale und Heilige gehört zu den klassischen Indizien einer Besessenheit“, erklärt Kirchenmann Dermine. Besessenheit trete auf, „wenn böse Geister auf die Person Einfluss nehmen und sie zu Handlungen zwingen, die der Mensch normalerweise sonst nie tun würde“. Was klingt, wie im Horrorfilm, berichtet auch der Pater: „Besessene“ entwickelten etwa auf einmal unglaubliche Kräfte. Oder sprechen plötzlich fremde Sprachen, so Dermine.

Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer, die an der Uni Graz lehrt und sich als Psychotherapeutin unter anderem auf religiöse und spirituelle Störungen spezialisiert hat, sagt: „Es sind oft sehr fromme Menschen, die einen Exorzisten aufsuchen, weil sie ihr Leid religiös deuten“ – auch wenn sie von Krankheiten heimgesucht würden. Sie würden dann glauben, „der Dämon“ sei in sie gefahren. 2018 hat Bauer selbst an dem Exorzismus Seminar an der „Regina Apostolorum“ teilgenommen. Die Wissenschaftlerin spricht hier von einem „relativ konservativen christlichen Kontext“: „Es sind dort ja Akademiker der ganzen Welt vertreten. Aber in erster Linie geht es darum, die Idee der Besessenheit zu stärken und zu legitimieren.“
Psychotherapeutin warnt: Exorzismen schaden der menschlichen Psyche
Ob es Studien dazu gibt, dass Exorzismus hilft? „Mir sind keine empirischen Forschungen zur Wirkung von Exorzismus bekannt“, so Bauer. „Man weiß jedoch aus der kulturanthropologischen Forschung sehr wohl, dass religiöse Rituale eine Wirkung auf den Körper und damit auch auf menschliche Emotionen haben.“ Allerdings nicht im positiven Sinne. Vielmehr gebe es zahlreiche Fälle, „in denen Menschen durch einen Exorzismus Schaden genommen haben“.
Die Wissenschaftlerin und Psychotherapeutin warnt: „Es besteht die Gefahr, dass Menschen psychisch krank sind, das aber nicht bemerkt wird.“ Sie werde oft von Betroffenen kontaktiert, berichtet Bauer. Denen sage sie immer, dass sie „unbedingt zum Arzt gehen sollten, um dort abklären zu lassen, ob sie körperlich gesund sind oder nicht“. Wenn da alles in Ordnung sei, empfehle sie den Gang zum Psychologen oder Psychiater.
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Was Grausames durch Exorzismen passieren könne, habe der Fall Michel aus den 1970er-Jahren gezeigt, so Nicole Bauer. Mit Genehmigung eines Bischofs nahmen zwei Priester an der Klingenberger Studentin Anneliese Michel ab Herbst 1975 wiederholt Teufelsaustreibungen vor. Michel starb 1976 an Unterernährung. Der Fall bot später Inspiration für den Film „Der Exorzimus von Emily Rose“ (2005). Pater Dermine sagt: „Es ist bestimmt einer der realistischsten Filme zum Thema Exorzismus, den ich kenne. Er zeigt auf realistische Weise, was bei einem Exorzismus-Ritual geschieht.“
Doch der öffentliche Aufschrei, den der Film auslöste, verhallte schnell. Nicole Bauer sagt: „Die Deutsche Bischofskonferenz hatte danach eine skeptische Haltung entwickelt, zumindest nach außen hin. Statt Exorzismus wollten sie eine Liturgie zur Befreiung des Bösen erschaffen. Doch dazu ist es nur teilweise gekommen.“

Exorzismus in Rom: Mit diesen Mitteln soll der Teufel ausgetrieben werden
„Eine der Hauptschwierigkeiten eines Exorzisten ist es, zu erkennen, ob eine Person wirklich bösen Geistern ausgeliefert ist, oder ob er es mit Personen zu tun hat, die unter Halluzinationen oder Ähnlichem leiden“, sagt auch Kirchenmann Dermine. „Die Fälle von Teufelsbesessenheit sind eigentlich selten. Der Exorzist kann sich auch an Ärzte und Psychiater wenden. Als ich Exorzist in meiner Diözese war, gab es in meinem Team drei Priester und zwei Psychiater, die ich in Zweifelsfällen konsultierte.“
Dass es die Besessenheit gibt, ist für Pater Dermine indes keine Frage. Und die Antwort darauf ist das Exorzismus-Ritual, das „20 Minuten, aber auch Stunden“ dauern könne. Es komme eben ganz auf die Besessenheit an. „Alles hängt von der Reaktion der Person ab“, sagt der Pater. Und die fallen mitunter heftig aus: „Oft wird jemand während eines Exorzismus ohnmächtig, andere Male entwickelt er riesige Kräfte. Daher muss der Exorzist immer eine Person an der Seite haben, er kann bei einem Ritual nicht allein mit der betroffenen Person sein.“
Das Ritual folgt einem Regelwerk, das der Kirche zur Verfügung steht. In der Literatur werden zum Beispiel diese Elemente genannt:
- Gebrauch von Weihwasser
- Kreuzzeichen und Litanei der Heiligen
- Lesung von Psalmen und Evangelien
Es würden auch Befehle gerufen, zum Beispiel an den Dämon. Gebete zur Demütigung des Teufels, Anrufung Christi, Marias und der Engel – auch das gehöre dazu. Und auch Symbole, Öl, Kruzifix und Kreuzzeichen spielen eine Rolle. Bei starker Manifestation sei auch das Festhalten der betroffenen Person üblich.
Nur ein temporärer Effekt? Betroffene berichten nach Exorzismus von „Besserung“
Dämonen, so der Pater, trieben ihr Unwesen quer durch die Altersgruppen, auch Jüngere zählten zur Klientel. „Zu mir ist eine junge Frau gebracht worden, die von ihrem Freund zu satanischen Ritualen getrieben worden war. Das geschieht öfters, weil sich heute zahlreiche Personen, darunter viele junge Menschen, zu Okkultisten, Kartenlegern oder Magiern hingezogen fühlen. Zum Glück hat sich in diesem Fall mit einem Befreiungsgebet alles zum Guten gewendet.“
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Er habe aber auch schon Kinder behandelt, „die Stimmen hörten und dämonische Präsenzen wahrnahmen“. In den meisten Fällen sei der Exorzismus erfolgreich, so der Pater: „Es gibt eine Besserung. Vieles hängt aber von der Bereitschaft der Person ab, sein Leben zum Guten zu wenden, sich dem Gebet zu widmen und ein Leben im Einklang mit Gott zu führen.“
Bauer, die im Rahmen des Seminars auch mit Betroffenen sprach, berichtet: „Viele sagten, dass sie sich danach besser gefühlt haben“. Sie hätten eine gewisse Erleichterung verspürt. Doch die Psychotherapeutin betont: „Es war aber wohl eher ein Effekt, der nicht lange anhält, wenn eine psychologische Problematik dahintersteckt.“










