Trentino ist bekannt für seine Weinberge, die sich an die Hänge der Berge schmiegen und dabei beachtliche Höhenlagen erreichen. Dort reifen die Trauben unter besonderen klimatischen Bedingungen. Weine aus höheren Lagen zeichnen sich durch eine ausgeprägtere Säure und ein komplexeres Aromaprofil aus – mit blumigen und fruchtigen Noten.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die Bergregion in Italien erlebt inzwischen einen tiefgreifenden Wandel: Durch den internationalen Erfolg seiner Weine breitet sich der Weinanbau rasant aus und verlagert sich zunehmend in höhere Lagen – in manchen Fällen bis auf 1200 Meter Höhe. Dieser Trend wird sowohl durch den Klimawandel als auch durch Förderungen der EU begünstigt. So will man Gemeinden, die bisher von der Entvölkerung bedroht waren, wirtschaftlich fördern.

Lesen Sie auch: Ungezieferplage in Rom – „Schließt unbedingt die Fenster!“

Der Trend hat sich zu einem wahren Boom ausgeweitet: Inzwischen zeigt sich ein wachsendes Interesse von Unternehmen – auch solchen von außerhalb der Region –, die beginnen, große Flächen für den Weinanbau zu erwerben. Qualitätsweine wie z. B. Trento DOC, Müller-Thurgau und Pinot Grigio gelten als äußerst beliebt. Doch diese steigende Nachfrage weckt zunehmend Bedenken.

Weinanbau in Italiens Bergen: Experten befürchten langfristige Folgen

Experten befürchten jetzt eine Abdrift in Richtung Monokultur, andere fordern mehr Landschaftsschutz. Wieder andere stellen Fragen zur Zukunft von Wiesen, Wäldern und Wasserquellen. Das Thema ist sensibel und sorgt für Diskussionen. Fachleute befürchten, dass die zunehmende Konzentration auf den Weinbau zu einem ökologischen und landschaftlichen Ungleichgewicht führen könnte. Sie befürchten einen Verlust der Biodiversität durch die intensive Nutzung des Bodens und die langfristigen Folgen für den Tourismus, der von einem vielfältigen Landschaftsbild profitiert.

Die neue Gemeindeverwaltung in der 4.000-Seelen-Kommune Brentonico, das auf einem Hochplateau mit Höhenlagen zwischen etwa 250 Meter und 2.075 Meter über dem Meeresspiegel liegt, zeigt Verständnis für diese Bedenken. Geprüft wird eine Anpassung des Flächennutzungsplans, um verbindliche Grenzen und Kriterien für neue Rebflächen festzulegen.

4000-Seelen-Gemeinde in Italien will besondere Rolle spielen

Dabei geht es nicht um ein Verbot, sondern um qualitätsorientierte Steuerung statt mengengetriebener Expansion, meint der neue Bürgermeister Mauro Tonolli gegenüber lokale Medien. „Wir sind nicht gegen den Weinbau an sich. Vielmehr möchten wir ein Modell entwickeln, das Umweltschutz, lokale Identität, Produktqualität und soziales Wohl miteinander verbindet. Das Ziel ist ein ausgewogenes Miteinander verschiedener Nutzungsformen, das dem Gebiet wirtschaftliches Wachstum ermöglicht, ohne dessen natürliche Grundlagen zu gefährden“, betont der Bürgermeister.

Wine production concept.
Die Qualitätsweine aus dem Trentino sind äußerst beliebt. Nun suchen Winzer neue Wege für den Anbau. © iStock | Yuliya Taba

Brentonico steht für viele Alpen- und Voralpenregionen, in denen sich landwirtschaftlicher Strukturwandel und ökologische Verantwortung gegenüberstehen. Die Gemeinde sucht den Weg des Dialogs und der Planung – um den Spagat zwischen Weinproduktion und Landschaftsschutz zu meistern. „Es gibt Menschen, die Fragen zur Zukunft der Wasserquellen stellen. Denn Weinproduktion ist anspruchsvoll. Das Thema ist sensibel und erfordert Aufmerksamkeit, Zuhören und Weitsicht“, meint der Bürgermeister. 

Die neue Gemeindeverwaltung hat daher die Einrichtung einer Arbeitsgruppe eingeleitet, um die wichtigsten Interessensvertreter zusammenzubringen: Weinkellereien, Tourismusbetriebe, Umweltverbände, Agrar-Ingenieure, Jäger, Gemeinderäte und Bürger. Es wird auch eine Änderung des kommunalen Flächennutzungsplans geprüft, um Grenzen und Kriterien einzuführen, die die Ausweitung der Weinberge steuern und dabei den Wert der Produktion über die Menge stellen.

Auch Italien-Sommelier schlägt Alarm

„Unsere Verwaltung ist nicht gegen den Weinbau an sich, aber wir glauben an die Notwendigkeit eines Gleichgewichts. Unser Gebiet ist das wertvollste Gut, das wir besitzen: Es muss mit Sorgfalt geschützt, aber auch durch erstklassige Projekte aufgewertet werden, die Arbeitsplätze schaffen und unsere Produkte über die regionalen Grenzen hinaus bekannt machen“, meint der Landwirtschaftsbeauftragte von Brentonico, Alessio Bertolli. Andere Gemeinden wollen sich jetzt an Brentonico ein Beispiel nehmen und haben ähnliche Diskussionen in die Wege geleitet.

Auch der Sommelier und Weinexperte Andreas Sicher schlägt Alarm. „Jetzt braucht es große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, um Schaumwein zu erzeugen. Wegen des Klimawandels wird man gezwungen sein, immer mehr höhere Lagen zu erklimmen, um die besten Bedingungen für Schaumwein zu suchen. Und die findet man eben in höheren Lagen, auf sorgfältig ausgewählten Böden. Wir müssen diejenigen sein, die eine gesunde Landwirtschaft, eine gesunde Umwelt – und damit ein gesundes Produkt – garantieren. Das ist soziale Entwicklung“, meint er.