Am Mittwoch wurden die 16 Millionen Bewohner Istanbuls daran erinnert, dass sie auf einem Pulverfass sitzen. Um 12.49 Uhr Ortszeit erschütterte ein Erdbeben die bevölkerungsreichste Stadt der Türkei. Im Epizentrum, dem vor Istanbul gelegenen Marmarameer, registrierte der Katastrophendienst Afad ein Beben in der Stärke 6,2. Es dauerte nur 13 Sekunden, lang genug, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

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„Es war, als würde der Boden unter uns wegbrechen“, sagte Aya Mawed, eine Callcenter-Mitarbeiterin aus dem Stadtteil Başakşehir, dieser Redaktion. „Die Kinder haben angefangen zu schreien und zu weinen.“ Menschen flohen aus ihren Wohnungen auf die Straßen der Stadt, weg von Gebäuden, aus Furcht, dass ein noch größeres Beben folgen würde. Und tatsächlich: Am Donnerstagmorgen meldete Afad rund 300 Nachbeben, viele davon in den Stärken 4 bis 5. „Nachbeben in dieser Menge sind vollkommen normal. Je stärker das Hauptbeben, desto stärker und auch länger anhaltend sind die Nachbeben“, sagt Erdbeben-Experte Marco Pilz vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung dieser Redaktion. Dennoch schüren die anhaltenden Beben die Angst vor einer seit langem prophezeiten Katastrophe.
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Erbeben in Istanbul: Mehr als 200 Menschen wurden verletzt
Es gäbe keine Berichte über eingestürzte Häuser, berichtet die Deutsche Presseagentur (DPA) unter Berufung auf das Istanbuler Gouverneursamt. „Bei unseren ersten Untersuchungen wurden keine Schäden oder Beeinträchtigungen auf unseren Autobahnen, Flughäfen, Zügen und U-Bahnen festgestellt“, schrieb der türkische Verkehrsminister Abdulkadir Uraloğlu auf der Plattform X.

Dennoch wurden laut Gesundheitsminister Kemal Memişoğl mehr als 200 Menschen verletzt, teils weil sie sich mit Sprüngen aus den Gebäuden in Sicherheit bringen wollten. Die DPA berichtet, dass viele Bewohner die Nacht im Freien verbrachten. Sie schliefen in Zelten in Parks und Grünflächen oder in ihren Autos, etliche hätten auch die Stadt verlassen. Flugtickets ab Istanbul in andere Städte der Türkei seien nicht mehr zu erhalten. Zwölf Gebäude wurden laut Murat Kurum, Minister für Stadtplanung, vorsorglich evakuiert.
Experten warnen seit Jahren vor verheerendem Erdbeben in der Türkei
„Südlich von Istanbul gibt es ein blockiertes Segment der nordanatolischen Verwerfungen. Wenn sich dort die tektonischen Platten verschieben und sich dadurch die Spannungen lösen, erwarten wir ein Erdbeben mit einer Stärke von bis zu 7,4“, sagt Erdbeben-Experte Pilz. Wann genau es zu der möglichen Katastrophe kommt, ist allerdings unklar. Pilz rechnet damit, dass es innerhalb der nächsten 30 Jahre so weit sein könnte.
Dass die Region ein Erdbeben dieser Größenordnung erlebte, ist lange her. 1766 gab es ein Beben der Stärke 7,1, das für große Zerstörung sorgte. Damals folgte auch noch ein Tsunami, diese Bedrohung sieht Pilz allerdings eher nicht: „Die Tsunami-Gefahr für Istanbul bei einem solchen Beben ist relativ gering“, erklärt der Experte. Denn: Tsunamis entstehen in der Regel bei einer vertikalen Bewegung tektonischer Platten, bei Istanbul findet aber eine stärkere seitliche Bewegung statt.
Die Gefahr durch die jüngste Erdbebenserie ist noch nicht gebannt
Doch noch ist auch die Gefahr durch das aktuelle Beben nicht gebannt. Pilz sieht zwei mögliche Szenarien: „Entweder das aktuelle Beben hat Spannungen abgebaut und die Lage entspannt sich, oder aber es wurde noch mehr Spannung aufgebaut, dann könnte in naher Zukunft ein noch stärkeres Erdbeben folgen.“ Sollte der zweite Fall eintreten, oder das erwartete Mega-Beben kommen, könnte es für die Millionenmetropole extrem gefährlich werden.
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Rund 70 Prozent der Gebäude in Istanbul seien nicht erdbebensicher, berichtet Pilz. Zwar gibt es laut dem Experten inzwischen Baunormen, die für erdbebensichere Neubauten sorgen sollen, die meisten Häuser seien allerdings älter als diese Vorschriften. Grundsätzlich könnten Gebäude auch nachträglich noch erdbebensicher gemacht werden, das sei aber sehr teuer.
Die Türkei ist stark erdbebengefährdet. „Am gesamten Nordrand des Landes befinden sich die nordanatolischen Verwerfungen. Dort reiben zwei tektonische Platten aneinander und wir sehen immer wieder starke Beben“, erklärt Erdbeben-Experte Pilz. 1999 gab es das jüngste dieser Beben, rund 80 Kilometer östlich von Istanbul wurden beim Erdbeben von Gölcük etwa 18.000 Menschen getötet.
Geologe rät Istanbul zu verlassen, Erdoğan will Bürger beruhigen
Ist nun die Metropole am Bosporus dran? In den letzten knapp 100 Jahren hätten die Beben sich immer weiter nach Westen verschoben, erklärt Pilz. „Jetzt haben sich die Spannungen in der Erdkruste so umverteilt, dass das nächste starke Beben dieser Serie wohl um Istanbul herum stattfinden wird“, prognostiziert der Experte.

Das aktuelle Beben weckt Erinnerungen an den Februar 2023. Damals waren es zwei Erdbeben, die im Südosten der Türkei und im Norden Syriens Tod und Zerstörung verursachten. Mehr als 60.000 Menschen starben. Im Vorfeld waren Warnungen von Geologen ungehört verhallt. Laut DPA prognostizieren Experten auch bei einem Großbeben in Istanbul (Stärke 7 oder höher) zehntausende Tote.
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Langfristig gesehen sei nun „der Zeitpunkt erreicht, Istanbul zu verlassen“, sagte der Geologe Ali Mehmet Celâl Şengör von der Technischen Universität Istanbul in einem Interview. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan versuchte am Mittwochabend die Wogen zu glätten. Er erklärte: „Unsere Bürger können beruhigt sein. Als Staat werden wir weiterhin rund um die Uhr mit allen unseren Einheiten in Alarmbereitschaft bleiben und für unsere Nation arbeiten, die Situation unter Kontrolle zu haben.“











