Die türkische Millionenmetropole Istanbul ist von mehreren Erdbeben erschüttert worden. Um 12.49 Uhr registrierte der Katastrophendienst Afad das bislang stärkste Beben der Stärke 6,2 mit Epizentrum im vor der Stadt gelegenen Marmarameer. Und auch nach dem Beben, das 13 Sekunden lang dauerte, kommt die Millionenmetropole nicht zur Ruhe.

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Bis 16:55 MEZ habe es 127 Nachbeben gegeben, „das stärkste davon hatte eine Stärke von 5,9“, sagte Innenminister Ali Yerlikaya laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. In Istanbul werden rund 151 Verletze behandelt. Sie seien „aus Panik aus der Höhe gesprungen“, schrieb das Istanbuler Gouverneursamt auf der Plattform X. Sie schwebten aber nicht in Lebensgefahr, laut dem Innenministerium gebe es keine Toten.
Istanbul in Sorge: Weitere Beben nicht ausgeschlossen
Es könne jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass ein weiteres großes Beben folge, sagte der Geologe Okan Tüysüz dem türkischen Nachrichtensender NTV. Das Hauptbeben werde noch kommen, schreibt auch Erdbebenforscher Naci Görür auf der Plattform X. Im Marmarameer verläuft eine tektonische Plattengrenze. Die aktuellen Erschütterungen erhöhten die Spannungen dort zusätzlich, so Görür. Wann das große Beben die Megametropole trifft, ist ungewiss. Aber dass es kommt, ist laut Experten sicher.
Beim deutschen Helmholtz-Zentrum für Geoforschung (GFZ) in Potsdam beobachtet man die Vorgänge ebenfalls sehr genau. „Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es zwei Szenarien: Entweder ist die unmittelbare Region nun vorerst entspannt und die Seismizität klingt langsam ab, oder die durch das Beben erzeugten Spannungsumlagerungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für ein größeres Erdbeben in der Region“, hieß es in einer GFZ-Mitteilung.
Experten gehen davon aus, dass ein Beben rund um die Stärke 7 in Istanbul längst überfällig ist. Laut türkischem Städtebauminister Murat Kurum gelten 1,5 Millionen Wohnungen und Gewerbeeinheiten als bei einem Erdbeben gefährdet.
Nach Erdbeben: Menschen verließen ihre Häuser
Bei dem Erdbeben verließen Menschen in der Stadt mit ihren 16 Millionen Einwohnern Häuser und Wohnungen und harrten während der Nachbeben im Freien aus, unter anderem in überfüllten Parks. Berichten des Staatssenders TRT zufolge holten Menschen ihre Angehörigen aus Krankenhäusern. Teilweise waren Telefonnetz und Internet gestört. Ein Mann soll vor Angst aus dem Fenster gesprungen sein und sich verletzt haben.
Auf den Straßen bildeten sich lange Staus jener, die die Stadt verließen, um im Umland zur übernachten - zur Not im Auto. Denn das ist die große Frage: Wohin? Einfach zurück nach Hause? „Das Gebäude ist sicher, macht euch keine Sorgen“, ruft ein Teehändler in der Altstadt. Auch Touristen shoppen auf der bekannten Einkaufsstraße Istiklal, als sei es ein Tag wie jeder andere. Während manche Passanten cool bleiben, können andere sich nicht beruhigen, sie weinen und zittern.

Istanbul: Bislang keine Schäden
Laut dem Istanbuler Gouverneursamt gab es keine eingestürzten Wohnhäuser; lediglich ein leerstehendes Haus im Bezirk Fatih soll eingestürzt sein. Verkehrsminister Abdulkadir Uraloğlu schreibt auf der Plattform X, es seien bei einer ersten Bestandsaufnahme keine Schäden an Straßen, Flughäfen, Zügen und U-Bahnen festgestellt worden. Die türkische Fluggesellschaft Turkish Airlines teilte mit, die Preise für alle Inlandsflüge würden auf maximal 1750 Türkische Lira (rund 40 Euro) begrenzt. Auch könnten, wenn nötig, weitere Flüge eingesetzt werden - für jene, die die Stadt so schnell wie möglich verlassen wollen.
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Laut dem Istanbuler Gouverneursamt befinde man sich in Alarmbereitschaft. Auf X wird gewarnt, sich von beschädigten Gebäuden fernzuhalten. „Wir bitten unsere Bürgerinnen und Bürger, ruhig zu bleiben und sich nicht Gebäuden zu nähern, die möglicherweise beschädigt wurden“, teilten sie auf X mit.
Kritik am Katastrophenschutz
Trotz der bisher geringen Schäden gilt die Stadt als schlecht vorbereitet. Schon bald wird Kritik in sozialen Netzwerken laut: Istanbul sei total verbaut, selbst Freiflächen, die eigentlich für solche Notfälle gedacht sind, seien nicht zugänglich, manche sogar mit Zäunen abgeriegelt, heißt es in den Posts.
Die oppositionsnahe Nachrichtenagentur Anka berichtet, die Polizei habe Menschen verjagt, die im zentralen Gezi-Park Zelte aufschlagen wollten, um nicht zurück in ihre Wohnungen zu müssen.
„Es gibt einfach keine Garantie für die Sicherheit der Infrastruktur“, sagt eine junge Deutsche, die in der Metropole am Bosporus arbeitet, der dpa. „Die Stadt ist einfach nicht auf Erdbeben vorbereitet, weder hinsichtlich der Bausubstanz noch was die Sicherheitsmaßnahmen betrifft.“ Eine Warn-SMS beispielsweise hätten viele nicht erhalten, obwohl es ein solches System gibt.
Entsprechend besorgt sind die Bewohner Istanbuls. Manche eilten zu Krankenhäusern, um ihre kranken Angehörigen von dort abzuholen und in Sicherheit zu bringen - samt Krankenbett und Tropf, wie Bilder des Staatssenders TRT zeigten. Andere lassen sich kaum irritieren: Auf einem Video der Nachrichtenagentur DHA ist eine Tierärztin zu sehen, die eine Katze im Kofferraum eines Autos operiert, weil sie zuvor während des Eingriffs vom Beben überrascht worden war.
Erdogan über Istanbul: „Beobachten Situation genau“
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sicherte den Bürgern am Mittag zu, der Katastrophendienst Afad, das Gesundheitsministerium und alle weiteren staatlichen Institutionen seien in voller Alarmbereitschaft. „Ich spreche unseren Bürgern meine besten Wünsche aus“, teilte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf X mit. „Wir beobachten die Situation genau.“
İstanbul Marmara Denizi Silivri’de 6️⃣.2️⃣ büyüklüğünde bir deprem meydana gelmiştir. Çevre illerden de hissedilen depremle ilgili olarak, AFAD ve ilgili kurumlarımızın tüm ekipleri saha taramalarına başlamıştır.
— Ali Yerlikaya (@AliYerlikaya) 23. April 2025
Depremden etkilenen vatandaşlarımıza geçmiş olsun dileklerimi…
Auch der inhaftierte türkische Oppositionsführer und abgesetzte Bürgermeister Istanbuls, Ekrem Imamoglu, meldete sich auf X zu Wort. An die Istanbuler gerichtet äußerte er seine Trauer darüber, „an diesem schweren Tag nicht bei euch sein zu können“. Er appellierte an Einheit, Zusammenhalt und Solidarität im Kampf gegen die Naturkatastrophe.
Erdbeben in Istanbul auch in Teilen Griechenlands und Bulgariens zu spüren
Das Erdbeben war auch in Teilen Griechenlands deutlich zu spüren. Vor allem im Nordosten des Landes am Grenzfluss Evros zur Türkei hin wurden die Menschen in Angst versetzt, berichteten griechische Medien. Zuvor hatten sie aufgrund der ersten, schwächeren Beben bereits eine Warn-SMS des griechischen Katastrophenschutzes erhalten. Meldungen über die Erdstöße gab es außerdem von etlichen Ägäisinseln, darunter Chios und Lesbos. Schäden habe es jedoch nicht gegeben, hieß es in den Berichten übereinstimmend.
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Auch im nordwestlich angrenzenden Bulgarien wurde das Beben gespürt, am stärksten im südöstlichen Grenzgebiet und in der Region Burgas am Schwarzen Meer, wie das Geophysische Institut in Sofia mitteilte.
Im Februar 2023 hatte ein Beben der Stärke 7,8 den Südosten der Türkei und den Norden Syriens erschüttert. Es gab in beiden Ländern über 62.000 Tote und mehr als 125.000 Verletzte. Das Beben am Mittwoch sei das Schwerste in der Region seit über 25 Jahren gewesen, so der Innenminister Ali Yerlikaya.
Nach GFZ-Angaben hatte das erste Erdbeben eine Stärke (Magnitude) von 6,2 in einer Tiefe von rund zehn Kilometern, etwa 60 Kilometer westlich von Istanbul im Marmarameer. Nur 13 Minuten später habe die Erde erneut gebebt, diesmal mit einer Stärke von 5,3 südlich der türkischen Hauptstadt in etwa 40 Kilometern Entfernung. Das letzte starke Beben nahe Istanbul gab es im Jahr 1999 - damals starben mehr als 18.000 Menschen.
dpa/AFP/dw






