Was passiert, wenn plötzlich der Magen knurrt? Dass man bei Hunger nach einer Banane oder einem Schokoriegel greift, ist bekannt. Doch neue Forschung zeigt: Schon der Gedanke an Hunger könnte ausreichen, um unser Immunsystem zu verändern – ohne dass wir tatsächlich eine Mahlzeit auslassen.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
In der Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift Science Immunology erschien, entdeckte ein Forschungsteam einen verblüffenden Mechanismus: Mäuse, denen durch gezielte Stimulation im Gehirn ein Hungergefühl vorgegaukelt wurde, zeigten messbare Veränderungen ihres Immunsystems. Ausgelöst wird das durch zwei neuronale Hauptakteure: AgRP-Neuronen, die Hunger auslösen, und POMC-Neuronen, die Sättigung signalisieren.
Lesen Sie auch
Konkret sank die Zahl der Monozyten – Immunzellen, die zur ersten Verteidigungslinie des Körpers zählen. Gleichzeitig normalisierte sich deren Anzahl wieder, sobald die Sättigungsneuronen aktiviert wurden – sogar bei nüchternen Mäusen.
Biologischer Nachrichtendienst: Leber wird in „Energiesparmodus“ versetzt
Dass der Impuls Einfluss auf das Immunsystem nehmen kann, liegt laut der Studie in einer Art biologischem Nachrichtendienst zwischen Gehirn, Leber und Knochenmark. Über das sympathische Nervensystem, jenem Teil des autonomen Nervensystems, der den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet, wird die Leber in einen „Energiesparmodus“ versetzt.
Die Folge: Die Leber reduziert ihre Ausschüttung des chemischen Signals CCL2. Dieser Botenstoff ist entscheidend dafür, dass Monozyten aus dem Knochenmark ins Blut gelangen. Weniger CCL2 – weniger Monozyten im Blut. Der Körper spart Ressourcen, obwohl es gar keinen akuten Mangel gibt. Hunger macht Stress – aber nicht wie gedacht.
Lesen Sie auch
Gleichzeitig konnten die Forschenden einen Anstieg des Stresshormons Corticosteron messen – dem tierischen Pendant zum menschlichen Cortisol. Überraschenderweise reicht dieser Anstieg allein jedoch nicht aus, um das Immunsystem zu dämpfen. Erst in Kombination mit den neuronalen Hungersignalen kommt es zu der beobachteten Immunreaktion.
Evolutionäres Frühwarnsystem: Körper spart vorsorglich Ressourcen
Warum sollte der Körper auf einen gefühlten Hunger reagieren, noch bevor ein echter Mangel eintritt? Eine mögliche Erklärung: Es ist ein evolutionäres Frühwarnsystem. Wenn das Gehirn aufgrund von Umweltreizen – etwa dem Anblick leerer Vorratskammern – einen Energiemangel wittert, bereitet es den Körper vorsorglich darauf vor, Ressourcen zu sparen.
Sollte sich bestätigen, dass das Immunsystem maßgeblich durch neuronale Prozesse beeinflusst wird, könnten gezielte Eingriffe im Gehirn künftig helfen, chronische Entzündungen oder Autoimmunerkrankungen zu lindern. Auch für Essstörungen wie Anorexie oder Adipositas könnten sich neue Therapieansätze ergeben. Denn diese gehen oft mit einer gestörten Wahrnehmung von Hunger und Sättigung einher sowie mit chronischen Entzündungsprozessen im Körper.
In weiteren Studien wollen die Wissenschaftler nun untersuchen, ob der Mechanismus auch bei Menschen funktioniert. Das könnte sich als schwierig erweisen, da es derzeit nicht möglich ist, bestimmte Neuronen im menschlichen Gehirn mit der gleichen Präzision zu aktivieren wie in experimentellen Modellen.











