Starke Erschütterung, Panik unter der Bevölkerung und Schäden: Die rund halbe Million Einwohner im Gebiet des Supervulkans im Areal von Neapel haben eine Schreckensangst erlebt. Um 1.25 Uhr am Donnerstagmorgen bebte die Erde mehrere Sekunden lang und riss die Bevölkerung aus dem Schlaf. Das italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) gab die Stärke mit 4,4 an und verortete das Epizentrum in den Phlegräischen Feldern, dem stark erdbebengefährdeten Gebiet des Supervulkans. Es folgten fünf lange, stärkere Nachbeben.

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Die Erschütterungen wurden von der Bevölkerung in einem breiten Gebiet Italiens registriert, das unter anderem die Hafenstadt Pozzuoli, die Gemeinde Bacoli, sowie die Bezirke Neapels Fuorigrotta und Bagnoli umfasst. Das Epizentrum wurde im Meer vor Pozzuoli auf zwei Kilometer Tiefe registriert. Die stärksten Schäden meldete die Stadt Bagnoli. Vor allem in der Nähe des Epizentrums des Erdbebens wurden einige Häuser regelrecht durchgeschüttelt. Trümmer stürzten von den Häusern und fielen auf die Straße und auf geparkte Autos. Risse in Häusern und herabfallende Fassadenteile wurden gemeldet.

Nach dem Einsturz eines Dachbodens wurde eine Frau lebend aus den Trümmern ihrer Wohnung in Bagnoli gerettet. Ihr Zustand sei aber kritisch, berichteten Medien. Viele Personen kletterten in Pozzuoli aus den Fenstern, nachdem sich die Türen ihrer Wohnungen wegen der Erschütterungen nicht mehr öffnen ließen.

Trotz starkem Regen und Wind liefen viele Menschen verängstigt auf die Straßen. „Es war wie eine Apokalypse: Schutt und Trümmerteile sind auf mein Bett gestürzt. Ich habe meine Kinder und meinen Hund gepackt und bin ins Freie gerannt. Wir haben die Nacht im Auto verbracht“, berichtete eine verängstigte Mutter im Fernsehinterview. „Ich habe einen Knall gehört, als würde eine Bombe einbrechen. Das war das stärkste Erdbeben, das ich hier jemals gespürt habe. Niemand beschützt uns, wir sind den Erschütterungen ausgeliefert, die inzwischen immer häufiger vorkommen“, berichtete ein Rentner.

Beben in der Nähe des Supervulkans: So groß ist die Gefahr an den Phlegräischen Feldern

Die Schulen wurden im betroffenen Gebiet vorsichtshalber gesperrt. Die Bahnverbindungen lagen vorübergehend lahm, wurden dann am Donnerstagfrüh wieder aktiviert. Bei dem Glockenturm von Bagnoli gab es Schäden. Der Zivilschutz öffnete in Neapel, Pozzuoli und Bacoli einige Hallen zur Aufnahme von Personen, die aus Angst vor weiteren Erschütterungen die Nacht nicht in ihrer Wohnung verbringen wollten. Das Rote Kreuz leistete der Bevölkerung Hilfe. Ein ehemaliger Nato-Stützpunkt in Bagnoli, der in Aufnahmezentrum des Zivilschutzes umfunktioniert wurde, öffnete seine Tore und nahm hunderte verängstigte Einwohner auf, vor allem ältere Menschen.

Erdbeben in Neapel
Die Anwohner wurden durch das Beben aus dem Schlaf gerissen: Feuerwehr und Polizei waren im Dauereinsatz.© DPA Images | Antonio Balasco

Die Menschen waren einfach nur geschockt: „Das Erdbeben war lang und stark. Ich bin von Anrufen meiner Mitbürger überflutet worden. Wir sind jetzt dabei, die Schäden zu prüfen. Ich begreife die Sorgen der Menschen, ich rufe die Gemeinschaft jedoch auf, die Ruhe zu bewahren. Ich bin an der Seite meiner Mitbürger“, sagte der Bürgermeister von Bacoli, Josi Della Ragione, gegenüber unserer Redaktion.

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Die Phlegräischen Felder, ein Gebiet mit hoher vulkanischer Aktivität, werden seit geraumer Zeit von vielen kleinen Erdbeben heimgesucht. Meistens sind es kaum spürbare Erschütterungen, die die Erdkruste in dem Areal schwächen. Seit elf Jahren gilt für das Gebiet die Alarmstufe Gelb, die zur Vorsicht aufruft. In den vergangenen Monaten kam es jedoch auch zu stärkeren Erdstößen. Zuletzt gab es vergangenen im vergangenen Mai ein Erdbeben der Stärke 4,4, das stärkste Erdbeben seit 40 Jahren. 49 Familien mussten im Raum der Hafenstadt Pozzuoli ihre Wohnungen verlassen, weil die Häuser nach dem Erdbeben Stabilitätsprobleme aufwiesen.

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„Dieses neue Erdbeben hängt mit der schnelleren Hebung des Bodens im Bereich der Phlegräischen Felder zusammen. In letzter Zeit hat sich diese Hebung des Bodens verdreifacht und ist von einem auf drei Zentimeter pro Monat gestiegen“, erklärte Francesca Bianco, Leiterin der Abteilung Vulkane am Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie gegenüber Medien. Dieses letzte Erdbeben kam laut Bianco daher nicht unerwartet. „Aber leider ist es nicht möglich festzustellen, wann sich ein Erdbeben genau ereignet und welche Stärke es haben wird. Fest steht, dass sich das Phänomen des Bradyseismus, der Bodenerhebung im Bereich der Phlegräischen Felder, seit 2023 klar verstärkt hat“, sagte Bianco.

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Im Bereich der Phlegräischen Felder kommt es laut Experten verstärkt zu Hebungen des Bodens.© imago/Leemage | imago stock&people

Erdbeben in Italien: Regierung stellt 184 Millionen Euro bereit

Die italienische Regierung stellte im Februar 184 Millionen Euro für das Gebiet um den Supervulkan bei Neapel bereit. So sollen 50 Projekte im Areal der Phlegräischen Feldern finanziert werden, um die Auswirkungen der ständigen Erdbeben auf Gebäude und Infrastruktur in der Gegend zu verringern. Nach dem schweren Erdbeben am 20. Mai befürchten die Behörden weitere Erschütterungen und haben im Oktober Übungen für eine Massenevakuierung der Bevölkerung organisiert.

In der Nähe des Supervulkans liegt übrigens gleich der nächste Vulkan: Der Vesuv brach zuletzt vor über 80 Jahren aus. Trotz der Evakuierung von mehr als 10.000 Menschen gab es damals 26 Tote. Im Jahr 79 nach Christus hatten nach mehreren Ausbrüchen des Vesuvs Asche, Schlamm und Lava die antike Stadt Pompeji unter sich begraben. Die Anlage gehört heute zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Italiens.