Leitartikel

Warum die Linke das Einheitsdenkmal verhindern will

Die Kritik der Linken am Denkmalsprojekt offenbart ein merkwürdiges Geschichtsbild, sagt Joachim Fahrun.

Es gibt wohl kaum ein zeitgenössisches Kunstwerk, dass alle Betrachter gleichermaßen überzeugt. Vielmehr gehört es zum Wesen der Kunst, dass man darüber streiten und sich ärgern kann. Dieser Befund gilt noch viel mehr, wenn es um Denkmale für historische Ereignisse oder Personen geht. Das Holocaust-Mahnmal wird heute noch von Teilen der Bevölkerung abgelehnt. Und als die Standbilder von Königen oder aus heutiger Sicht zweifelhafter Generäle aufgestellt wurden, da wäre noch wegen Majestätsbeleidigung im Gefängnis gelandet, wer als Bürger dagegen opponiert hätte.

Wenn heute also der Entwurf für das Freiheits- und Einheitsdenkmal nicht von allen bejubelt wird, ist das zunächst folgerichtig. Solche Projekte müssen umstritten sein, denn der Erbauer manifestiert damit auch immer seinen Blick auf vergangene Zeiten. Denkmale zu bauen, ist Geschichtspolitik. Deshalb diskutieren wir bei der Einheitswaage eben nicht nur um Ästhetik oder Geschmack.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Kritik der Berliner Linken zu werten. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn jetzt die linke Bausenatorin Katrin Lompscher das Denkmal für die friedliche Revolution in der DDR verhindern möchte, indem sie historische Mosaiken ins Feld führt, die den preußischen König verherrlichen.

Aus emanzipatorischer Sicht könnte man es auch anders sehen. Auf dem Sockel, wo einst das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms stand, triumphiert nun endlich die Bürgergesellschaft, die die Freiheit und Einheit Deutschlands erkämpfte. Auch für den Ort zwischen Schloss und Bauakademie lassen sich sinnvolle Bezüge finden. 1848 wurden hier 200 Bürger von Soldaten niedergemacht, als sie Freiheitsrechte und eine Vereinigung der deutschen Länder forderten. Es gäbe also Orte, die weniger passend wären, um an den Triumph der einzigen erfolgreichen Revolution der deutschen Geschichte zu erinnern.

Es sind auch schlechtere Lösungen vorstellbar als die Waage, die sich immer dann langsam senkt und die Perspektive auf die Umgegend verändert, wenn sich die Menschen auf dem Objekt verständigen, auf welcher Seite sie stehen wollen. Nicht von ungefähr hat sich der Entwurf ja in einem langwierigen, wenn auch schon Jahre zurückliegenden Auswahlverfahren durchgesetzt, selbst wenn nicht alle Hurra rufen. Auch weitere Jahre Diskussion werden absehbar keinen Konsens herbeiführen.

Für die Linke begründet sich die Ablehnung des Denkmals auch aus einer grundlegend anderen Sicht auf die Geschichte. Für sie gehören Freiheit und Einheit in der ostdeutschen Revolution eben nicht zusammen. Für eine kurze Epoche stimmt das sogar. Natürlich haben die ersten Demons­tranten zunächst „Wir sind das Volk“ gerufen, erst später kam die Forderung „Wir sind ein Volk“ hinzu. Wer aber heute die Gemeinsamkeit von Freiheit und Einheit in Frage stellt, wie es der Kultursenator Klaus Lederer tut, der hat sich eben noch nicht ganz verabschiedet von der Utopie einer irgendwie dann doch besseren DDR.

Aber die Idee von einem besseren Sozialismus in einem bankrotten Land, das irgendwie neben der prosperierenden Bundesrepublik hätte herleben können, ohne dass die Menschen in Scharen rübergemacht hätten, wurde hinweggefegt. Zu stark war der Wunsch einer überwältigenden Mehrheit der DDR-Bürger nach einer Wiedervereinigung Deutschlands. Freiheit und Einheit waren schon im 19. Jahrhundert die Zwillingsforderungen der progressiven Kräfte in Deutschland. Es wird Zeit, dieser Bewegung ein Denkmal zu setzen und den Bau in Berlins Mitte zu beginnen.

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