Es sieht so aus, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Die Wände strahlen im selben verlebten Bernsteinton wie früher, das Sofa vor dem Fenster ist auch noch da, genauso wie die erotischen Schwarz-Weiß-Fotografien. Man hat den Eindruck, das „King Size“ an der Friedrichstraße 112b könnte sofort wieder aufmachen. Als ob das eine Jahr Schließung spurlos an dem Club vorübergegangen wäre.

Gut, der Tresen ist noch mit Folie abgedeckt, ein Akkuschrauber steht auf der Bar und das DJ-Pult fehlt. „Das haben wir beim Abbau zerstört“, erklärt Frank Künster. Vor knapp einem Jahr, am 23. April 2015, habe ja niemand geahnt, dass der Club jemals wieder eröffnen würde. Doch Frank Künster, der als Türsteher des „King Size“ Berliner Szene-Bekanntheit erlangt hat, macht das Wunder nun wahr. Er wird als Geschäftsführer den legendären Mitte-Club wieder zum Leben erwecken.

Was bisher geschah

Zur Erinnerung: Am 23. April 2010 eröffnete das „King Size“. Boris Radczun und Stephan Landwehr vom „Grill Royal“ hatten in Kooperation mit Partyveranstalter Conny Opper („Scala“, „Konzulát“, Berlin Festival) den Miniclub, kaum größer als ein Wohnzimmer, ins Leben gerufen. Frank Künster bewachte vom ersten Tag an die Tür. „Ich habe nur Frauen reingelassen“, erklärt er seine Strategie. „Und Freunde.“ Trotzdem schien der Club, in dem offiziell nur 110 Menschen Platz haben, immer aus allen Nähten zu platzen. Innerhalb kürzester Zeit erreichte das „King Size“ Kultstatus, sogar die Münchner „Süddeutsche Zeitung“ berichtete über das Phänomen.

„Es war ein Ort von Freiheit, Liebe und Exzess“, erklärt Künster das Erfolgsrezept. Ein Club so voll, dass man beim Einatmen zwangsläufig die Haare des Nachbarn inhalierte, in dem der Schweiß in der Luft stand und Wodka von halb nackten Frauen auf dem Tresen direkt in die Münder der Gäste gegossen wurde. „Die Bar hat den Exzess gefördert“, sagt Künster. Es war laut, eng und wild. Regeln wie: Man darf niemandem einen Drink übers Jackett schütten, waren egal. „Es war halt ausufernd und maßlos“, erklärt Künster, der selbst keinen Tropfen Alkohol trinkt.

„Hier konnten alle ausrasten“

Sängerin Vicky Leandros lehnte oft an der Bar, Schauspieler David Kross feierte häufig ausgelassen auf der Tanzfläche, die kaum größer als ein Handtuch war, und George Clooney stand zwei Mal vor der Tür. „Er hat sich nicht reingetraut“, so Künster. Nicht nur diesem Hollywoodschauspieler war es zu eng und zu voll, „auch Woody Harrelson wollte nicht rein“, sagt Künster. Sängerin Björk sei hingegen von ihren Freunden hineingezerrt worden.

„Wobei sie keiner erkannt hat“. Und auch Rennfahrer Lewis Hamilton mischte sich einmal unter die Gäste. „Hier konnten alle ausrasten und nichts gelangte an die Öffentlichkeit“, erklärt Künster, der Kameraverbote wie im „Berghain“ „affig“ findet, die Beliebtheit bei Prominenten.

Frank Künster liebte den Club aber auch noch aus einem anderen Grund. „Hier waren immer intelligente Leute“, sagt er. Erwachsene Gäste mit Stil, Haltung und Eigensinn – so wie er. Künster, stets mit Military Jacke und im Sommer mit Adiletten, arbeitete nicht nur seit 1992 als Türsteher für die Clubs „90 Grad“, „Cookies“ und „WMF“, der 49-Jährige produziert auch Filme. Die Dokumentation „Let it Rock“ über Mitte in den 90er-Jahren wurde 2003 auf der Berlinale gezeigt. Gerade hat er mit dem Autor Michel Ruge („Bordsteinkönig“) den Film „Die staatlich aberkannte Kommune“ fertig gestellt.

Heimweh nach dem „King Size“

Irgendwann wurden die viel beschäftigten Macher des „King Size“ betriebsmüde und schlossen den Club auf den Tag genau fünf Jahre nach der Eröffnung. „Man darf nicht vergessen, wir wollten eigentlich nur ein Jahr öffnen. Es wurden dann aber fünf“, so Frank Künster. Radczun und Landwehr widmeten sich neuen Restaurants wie dem „Pauly Saal“, Künster suchte erfolglos nach einer neuen Location. Doch das Heimweh nach dem „King Size“ wuchs. „Ich habe Wochen lang geheult. Ich wollte nicht woanders arbeiten“, sagt der Türsteher. Er habe dann Stephan Landwehr angerufen und ihm mitgeteilt, dass er das „King Size“ wieder anmieten müsse.

Gesagt, getan. Landwehr und Radczun halfen, damit Künster den Mietvertrag bekam und überließen ihm den Namen. „Toll, wenn der Name und das Movement weiterlebt“, sagt Boris Radczun. „Wir freuen uns, wenn der Club blüht und gedeiht.“ Doch wann geht es nun los? „Ich brenne darauf, zu öffnen“, sagt Künster. Doch er habe auch Angst vor den ersten beiden Tagen. Schließlich warteten bei der letzten Party 200 Gäste vor der Tür, chancenlos, noch hineinzukommen. Künster denkt derzeit an Ende März. Aber vielleicht wird es auch erst der 23. April – dem Tag der Eröffnung und Schließung. „Das würde den Kreis schließen und für gutes Karma sorgen.“