Ballett

Wie ein kubanisches Ensemble gegen die Tristesse tanzt

Das Ensemble der Ballet Revolución springt in der kommenden Woche im Admiralspalast. Wir haben sie vorab in Havanna besucht.

Schon beeindruckend: Ein Tänzer ist im Proberaum in Havanna kurz vor dem Abflug

Schon beeindruckend: Ein Tänzer ist im Proberaum in Havanna kurz vor dem Abflug

Foto: Sven Creutzmann / BM

Es ist schwül in Havanna, obwohl erst Frühling, sprich Dezember. Irgendwo am Rand der Altstadt steht ein prächtiges Art-Déco-Gebäude leer. Gegenüber das Haus des staatlichen Fernsehens. Hier proben die Tänzerinnen und Tänzer vom Ballet Revolución für ihre Europatour. Das Gebäude wirkt wie eine Mischung aus später DDR und einem Pastell-Traum, den jemand in den 30er Jahren hatte. Also wie ein Großteil der Insel Kuba.

Choreograf Roclan Gonzales Chavez trainiert seine Crew mit der Coolness eines Jogginghose tragenden Popstars. Das Neonlicht kracht auf die Körper. Und Training trifft tatsächlich, was die jungen Profis hier absolvieren. Sechs volle Arbeitstage die Woche ackern sie an schnellsten Choreografien. Alles sehr körperbetont: Pirouetten, Würfe, Spagatsprünge en masse. Aus einer Mono-Box dröhnen Partyhits dazu. 30 Grad im Schatten, 85 Prozent Luftfeuchtigkeit statt Klimaanlage Fenster ohne Glas. Ein paar historische Ventilatoren. Schweiß gehört allein schon deshalb zur Show dieser Company.

„Mann, ich liebe mein Land wirklich“

„Im Tanz und in der Musik vergessen wir unsere Probleme“, sagt der 39-jährige Roclan etwas außer Atem, angesprochen auf den vollen Einsatz seiner Truppe. Es sei aber nicht alles schlecht auf Kuba. „Mann, ich liebe mein Land wirklich“, sagt er, und es klingt auf eine undogmatische Art, trotz aller nicht zu übersehenden Schwierigkeiten, stolz.

Die meisten Klischees über Kuba sind wahr: Das Meer ist makellos türkis, die Strände sehen aus wie verzuckert. Das Leben spielt sich über weite Strecken auf der Straße ab. An jeder dritten Ecke wird gesungen und nachts wird getanzt, in Bars und Clubs oder einfach draußen, und zwar nicht zu keusch. Am Malecón, der berühmten Uferpromenade in Havanna, dem „Wohnzimmer der Stadt“, sitzen abends Menschen und reden miteinander, statt in Smartphones zu starren. Der Rum ist billig. Sehr viele Menschen sind sehr schön.

Doch schon Zigarren rauchen sieht man kaum jemanden. Auch wenn die edlen Waren von Cohiba oder Montecristo auf Kuba wesentlich weniger kosten als im Rest der Welt leisten sich Einheimische so etwas höchstens zu Feiertagen. Ein Zahnarzt im Krankenhaus verdient umgerechnet etwa 60 Euro pro Monat. Und auch wenn Wohnraum und Grundnahrungsmittel subventioniert sind, das Gesundheitssystem als das beste Südamerikas gilt, reicht das nicht für allzu viel. Jedenfalls nicht dafür, jeden Tag auf der Straße herumzustehen und Zigarre zu rauchen. Es sei denn, man tut das für Touristenfotos. In diesem boomenden Business verdient man schnell das Zehnfache eines Zahnarztes.

Ein fast mystisch verklärtes Land zwischen Plattenbauten und Palmen

Denn, ja: Rum, Zigarren, Oldtimer, Musik – alles vorhanden. Kuba ist zu 50 Prozent ein Paradies, vor allem für zahlungsfähige Ausländer. Sie alle wollen Kuba sehen, wie es war, wie es heute noch ist: dieses vom Westen fast mystisch verklärte Land zwischen Plattenbauten und Palmen. Eine Verzehnfachung der Übernachtungszahl sei zu verzeichnen, meinen Produzent Mark Brady und sein Partner in Crime, Toby Gough – innerhalb eines einzigen Jahres.

Gough stammt aus England. Wie so viele Menschen mit Freude an kantigen Ländern und großer Musik hat er sich vor Jahren in Kuba verliebt. Wenn man mit ihm und den Tänzerinnen nachts um die Häuser zieht vergisst man, dass man es mit einem international arbeitenden Medienprofi zu tun hat. Wenn er immer in seinem weiten, hellen Hemd in Restaurants stürmt, Hände schüttelt, Drinks bestellt, merkt man: hier ist Toby Gough genau am richtigen Ort.

Aus dieser Liebe heraus haben Brady und er eine Produktion zusammengestellt, die voll aus dem Pool hochbegabter Tänzer des Landes schöpfen kann: Barbara Sánchez, Leydi Crespo Castillo, Wuilleys Silveira – ausgebildet wurden sie alle an zwei der weltweit angesehensten Tanzinstitutionen, der Escuela Nacional de Arte und der Escuela Nacional de Ballet. Entsprechend kombiniert die Show klassische Elemente mit Streetdance, afrokubanischen Traditionen mit Beyoncé-Style.

Eine ganz diesseitige, lebensbejahende Religion

Die Tänzerinnen und Tänzer betrachten es als Ehre, nach einem strengen Auswahlverfahren Teil der Show sein zu dürfen. Und das nicht nur, weil sie damit auf ihren Touren Einiges von der Welt erleben. Wenn die Kompanie probt, sammeln sich immer mehr andere Tänzer im Gang vor dem Studio, das keine Tür hat. Sie schauen zu, feuern an, klatschen. Die berühmte kubanische Lebensfreude auch einfach real. Wer einmal Kinder hat tanzen sehen in einem Hinterhof in Centro Habana – einem Stadtteil, nur wenige Querstraßen von der Altstadt entfernt, der aussieht, als habe hier gestern noch Bürgerkrieg gewütet – der ahnt, dass Tanz auf Kuba mehr bedeutet als Unterhaltung oder Geldverdienen. Er ist etwas Elementares, ein Elixier gegen die Tristesse, in jeden Fall eine ganz diesseitige, lebensbejahende Religion.

Termine: 15. bis 20.3.2016, immer 20:00 Uhr (Sonnabend/Sonntag auch 2. Show am Nachmittag), Admiralspalast, Friedrichstraße 101 – 102, 10117 Berlin