Jeder muss mal Kanzlerin sein. Zumindest vor der Kamera. Nur so ist zu erklären, warum es derzeit so viele Schauspielerinnen gibt, die mal das höchste Amt bekleiden. Das jüngste Beispiel ist Iris Berben, die am 16. September im ARD-Film „Die Eisläuferin“ als oberste Regierende zu sehen ist. Obschon sie eine fiktive Figur spielt, orientiert sie sich dabei klar an Angela Merkel - erleidet aber gleich zu Beginn einen Dachschaden. Zum Gespräch ins Einstein-Café in der Kurfürstenstraße kommt die Schauspielerin in Begleitung von Paul Berben - ihrem Parson Jack Russel-Terrier, der dabei ständig ausbüxen will.

Berliner Morgenpost: Frau Berben, Katharina Thalbach, Dagmar Manzel, Katja Riemann, Veronica Ferres und jetzt Sie: Ist Kanzlerin-Spielen ein Muss für deutsche Star-Schauspielerinnen?

Iris Berben: Wenn Sie mir das so aufzählen, muss man fast glauben, ja. Dass sich so viele Kolleginnen mit dieser Figur beschäftigten, zeigt aber wohl nur, dass sie eine Menge Potenzial hergibt. Ich habe einfach reagiert auf den wunderbaren Roman von Katharina Münk, den man mir zugeschickt hat. Der gibt keinen wirklichen Einblick in das politische Berlin, aber wandelt so wunderbar zwischen Märchen und Satire.

In „Die Eisläuferin“ fällt der Kanzlerin ein Brett auf den Kopf. Sie erleidet einen Gedächtnisverlust – und weiß nicht mal mehr, dass die Mauer längst gefallen ist.

Und das ist eine wunderbare Metapher: Brett vor dem Kopf. Ich beschäftige mich auch als Privatmensch mit Politik, ich weiß, dass Menschen nicht mehr zur Wahl gehen, dass sie sich nicht mehr angesprochen fühlen, dass sie nicht mehr erreicht werden. Und darum geht es hier, auf eine humorvolle Weise: um das Vergessen. Auch das Vergessen, wie man mal war, als man angetreten ist.

Überlegt man sich das zweimal, ob man eine Merkel spielt?

Ja. Weil man vermeiden will, sie zu karikieren. Angela Merkel ist nun mal die erste und einzige Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik. Und sie regiert nun schon in der dritten Legislaturperiode. Davor kann man schon Respekt zollen.

Iris Berben / Schauspielerin ( Polaroid)
Iris Berben / Schauspielerin ( Polaroid)© Reto Klar | Reto Klar

Ihre Kanzlerin ist eine fiktive Figur. Aber Sie tragen die typischen Hosenanzüge von Frau Merkel, ihre Frisur, Sie machen auch die Raute...

… und ich versuche, das vorgeschobene Becken nachzumachen.

Wie sehr haben Sie Angela Merkel für die Rolle studiert?

Ich bin ein Nachrichtenjunkie. Und ich hatte auch das Glück, Frau Merkel schon einige Male persönlich begegnet zu sein – auch in meiner Eigenschaft als Präsidentin der Filmakademie. Da musste ich mir also nichts groß erarbeiten. Wir wollten nur kleine Andeutungen machen, es sollte ja keine Denunziation sein. Wenn man etwas über Politik erzählen will, ist es für den Zuschauer einfach dankbarer, wenn man sich an jemand Konkreten mit prägnanten Merkmalen hält, als wenn man eine ganz neue Figur erfunden hätte.

Halten Sie Angela Merkel für eine gute Politikerin?

Sie ist analytisch, besonnen, sie zaudert, hält sich lange zurück mit ihren Statements. Also sie ist mit Sicherheit niemand, die auf alles immer schnell eine Antwort hat. Aber das ist ihr Wesen, ihre eigene Lebensmelodie, sicherlich auch ihre Kraft und ihr Erfolg. Und bei den Herausforderungen, die sie seit Amtsantritt hat, vielleicht auch ein Weg damit umzugehen. Aber ich bin ja ein eingefleischter SPD-Unterstützer. Insofern wünschte ich mir natürlich, dass auch die ein bisschen mehr anzubieten hätte. In meiner Naivität würde ich mir wünschen, dass man von allen Parteien die Fähigsten nehmen und damit die bestmögliche Politik machen könnte. Denn leider unterscheiden sich ja unsere großen Volksparteien nicht mehr wirklich so sehr voneinander.

Was meinen Sie, wie wird sie reagieren, wenn Sie ihr das nächste Mal begegnen?

Sie ist sicher zu klug, um sich dazu zu verhalten. Ich denke, sie ist jemand, den das nicht tangiert. Sie muss täglich ganz andere Dinge einstecken. Ich weiß aber auch, dass die Kanzlerin viel Humor hat. Wir sind uns ja auch einige Male begegnet, etwa als sie für unsere Lola-Visionen von der Deutschen Filmakademie ihren Lieblingsfilm „Paul und Paula“ vorgestellt hat. Da konnte man sehen, wie frei sie sich machen kann, wie „menschlich“, wie privat sie werden kann.

Iris Berben / Schauspielerin ( Polaroid)
Iris Berben / Schauspielerin ( Polaroid)© Reto Klar | Reto Klar

Es gibt sehr private, fast intime Momente im Film. Die Kanzlerin im Bett: Gab es da Bedenken, ob man das so machen kann, ob man eventuell zu weit geht?

Da wir uns in dieser Geschichte oft ins Märchenhafte begeben, gab es keine Bedenken. Wir hatten nicht den Anspruch, dokumentarisch tätig zu sein. Oder einen sozialkritischen Film zu machen. Dadurch hatten wir mehr Freiheit und konnten sie uns auch nehmen. Es gab schon ein paar Politiker, die zugelassen haben, dass man privater wird, die haben das aber auch bitterlich bereut. Angela Merkel schirmt ihr Privatleben konsequent ab. Damit bleibt Freiraum für Spekulationen.

Es geht ja, wie es im Film einmal schön auf den Punkt gebracht wird, um die Mauer in der Seele des Politikers. Glauben Sie, dass Frau Merkel ein Beispiel dafür ist?

Ich glaube einfach, dass jeder Politiker... Nein, sprechen wir von ihr. Sie ist ja im Zeitraum ihres Amtes mit erschreckend vielen weltweiten Problemen konfrontiert worden wie vielleicht kein Kanzler vor ihr. Ihr wird, sehr viel abverlangt. Sie muss viel Kritik dafür einstecken, dass sie zu langsam reagiert. Das tut sie, glaube ich, sehr bewusst. Es ist anders als bei Helmut Kohl, der vieles ja wirklich nur ausgesessen hat, um sein Volk im Tiefschlaf der Seligen zu belassen. Vielleicht schwingt da bei ihr auch ihr Physikstudium mit hinein, sie weiß, dass es bei der Komplexität dieser Themen eben nicht nur ein einfaches Entweder-Oder gibt. Das muss genauer analysiert werden. Angela Merkel hat gelernt, wie man sich da durchsetzt. Vielleicht hat sie das auch schmerzhaft lernen müssen.

Aber führt nicht gerade das zu der allseits beschworenen Politikverdrossenheit? Sie sagen ja selbst im Film so schön, Politiker seien gar keine Menschen mehr, sondern Roboter.

Sie haben natürlich Recht. Ich habe mich mal mit einem namhaften Politiker ausgetauscht. Und ihn gefragt, ob man nicht glaubhafter wäre, wenn man bei diesen wirklich komplexen Themen auch mal sagen würde: Da müssen wir erst mal Ruhe bewahren, da wissen wir momentan auch noch keine Antwort. Würde das beim Wähler nicht viel besser ankommen? Er hat mir dann aber versichert, dass die Opposition das sofort als Schwäche auslegen würde und die Presse am nächsten Tag voll davon wäre. All diese Versatzstücke machen die Politik dem einfachen Menschen so schwer vermittelbar. Da ist der Politiker dann ganz schnell ein Gefangener von Mechanismen. Viel reden und wenig sagen, um Zeit zu gewinnen, weil man Dinge so schnell gar nicht beantworten kann.

Müssen Politiker, wie in Ihrem Film, einen Dachschaden haben, um bürgernäher zu sein, um einen gesunden Menschenverstand zu haben?

Wäre das nicht herrlich, wenn es so einfach wäre? Ich glaube, ein kleiner Dachschaden täte uns allen ganz gut. Weil es das ist, was uns menschlich macht. Es sind doch genau die Menschen spannend, die Ecken und Kanten haben, die nicht in der Masse funktionieren, sondern sich daraus herausheben.

Iris Berben / Schauspielerin ( Polaroid)
Iris Berben / Schauspielerin ( Polaroid)© Reto Klar | Reto Klar

Wäre das eigentlich auch für Sie vorstellbar: in die Politik zu gehen?

Nein. Ganz klares Nein. Mich hat man das schon öfter gefragt. Ich bin viel zu emotional. Und in der Politik muss man sich jede Emotionalität verbieten. Und das könnte ich gar nicht. Ich würde mit meiner Ungeduld da durchmarschieren wollen und würde sofort alle vor den Kopf stoßen. Mich kann man ja auch um den Finger wickeln mit Emotionalität. Nein, in der Politik muss man einfach zu viel von sich auf der Strecke lassen.

Aber würde das nicht gerade bei den Wahlverdrossenen viel besser ankommen, wenn Politik emotionaler wäre?

Vielleicht irgendwann. Aber noch müssen wir uns unter anderem mit den Gegebenheiten auseinandersetzen, auch der medialen Macht. Wenn eine Frau in die Politik geht, wird das noch immer bemerkt und beschrieben. Denken Sie nur daran, wie lange die Kleider und die Frisur von Frau Merkel medial begleitet wurden. Wie kann das sein? Und dieser Umgang wächst sich ja im Zuge der Neuen Medien und sozialen Netzen, die Fluch und Segen zugleich sind, immer weiter aus. Wann ist je mal über die Anzüge eines männlichen Politikers geschrieben worden? Ich hoffe es wird irgendwann selbstverständlich, dass Frauen in gehobenen Positionen sitzen, dass sie gerne Frauen sind und dass das dennoch nicht immer kommentiert werden muss. Vielleicht geht es dann nur um die Inhalte, die sie sicherlich dann auch emotionaler verständlich machen können.

Aber den muss sich nach wie vor über Quoten erzwingen.

Unglaublich, oder? Ich dachte, das haben wir in den 70er-Jahren hinter uns gelassen. Aber jetzt sind wir wieder an einem Punkt angelangt. Wir haben eine Familien-, eine Verteidigungsministerin und eine Kanzlerin. Aber selbstverständlich ist das noch lange nicht. Das ist ja auch nicht anders in meinem Metier. In der Filmbranche wurde die ProQuote-Aktion ins Leben gerufen. Weil 50:50, also gleich viele Männer und Frauen an den Filmhochschulen Regie studieren, aber im späteren Beruf sieht das Verhältnis dann 80:20 aus. Da zuckt man allerdings noch mal ganz anders zusammen, weil es da ja um Kreativität geht. Man möchte diese Mechanismen einer Quote ja gar nicht benutzen. Ich habe immer schon gesagt, dass nicht nur die Frauen, sondern wir alle uns emanzipieren müssen, die Männer auch. Wir sollten doch längst soweit sein, einen gemeinsamen Weg zu gehen.

Wäre Politik anders, wenn mehr Frauen sie gestalten würden? Oder ist Frau Merkel das beste Beispiel, dass man da genauso verkrustet?

Ich weiß auch nicht, ob Frauen das ändern können. Frauen sind in der Lage, Leben zu schenken. Es klingt naiv, aber dadurch haben sie einen ganz anderen Respekt vor dem Leben, der Gestaltung, der Bewahrung des Lebens. Auf der anderen Seite widerlegt unsere Kanzlerin ja meine Gedankengänge. Aber auch ihr sind allgemeine Politikfloskeln ja nicht fremd. Offenbar legt man sich die relativ schnell zu. Ist es Schutz? Oder Verkrustung? Ich weiß es nicht.

Auch wenn Sie nicht in die Politik gehen wollen, lassen Sie uns dieses naive Gedankenspiel durchspielen: Was würden Sie ändern, wenn Sie doch Kanzlerin wären?

Letztlich das, was ich gerade angeprangert habe: Es sollte ein Zeitverbot geben, auf alles sofort eine Antwort haben zu müssen. Es müsste verboten und unter Strafe gestellt werden, dass man das als Schwäche sieht, sondern die Medien müssten mit dabei helfen, der Bevölkerung zu vermitteln, dass sich unsere Zeit verändert, dass wir darauf reagieren müssen, dass wir umdenken müssen, dass wir neue Wege suchen und finden müssen, dass es ein Prozess ist, der auch Zeit braucht, dass jeder einzelne gefordert ist, unsere Gesellschaft zu gestalten. Dass es wichtig ist, eine Gemeinschaft zu sein, ohne seine Individualität zu verleugnen. Also mit Engagement Demokratie leben zu wollen. Aber Sie sehen, ich bin genauso in einem Märchen gefangen wie das, was wir da gerade gedreht haben. Unsere Schnelllebigkeit, die Möglichkeit, Nachrichten oft so ungeprüft zu vermitteln, sind Fluch und Segen zugleich. Sie lassen uns hecheln, sie geben uns nicht mehr die Zeit, Dinge erschöpfend zu begreifen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und dann zu reagieren.

Wie man gerade gesehen hat, in Bayreuth bricht ein Stuhl unter Frau Merkel zusammen und alle schreiben gleich von einem Zusammenbruch?

Schrecklich, nicht? Ein gutes Beispiel. Gar nicht erst nachfragen, was da passiert ist, sondern gleich als erster raus mit der Nachricht. Auch wenn man sie nachher dementieren muss.

Iris Berben / Schauspielerin ( Polaroid)
Iris Berben / Schauspielerin ( Polaroid)© Reto Klar | Reto Klar

Auch wenn Sie kein politisches Amt anstreben, Sie engagieren sich auf zahlreiche Art gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus. Ist das nicht auch eine Möglichkeit, Politik zu betreiben?

Ich mache Lesungen, ich spreche auf Foren, führe Diskussionen mit Schülern, nehme Hörbücher auf, um Themen zu setzen. Das ist etwas, was mich umtreibt. Als Privatperson, die ja in diesem Land lebt. Ich kann meine Popularität nutzen, kann einer Sache meine Stimme leihen. Natürlich weiß ich um den Vorwurf, es kommen sowieso nur die Menschen zu meinen Lesungen, die gleicher Meinung sind. Das mag sein. Aber es ist auch eine Form, Haltung zu zeigen. Demokratie ist ein Geschenk, aber auch Arbeit.

Was sagen Sie zur derzeitigen Flüchtlingsproblematik? Und zu der Tatsache, dass künftige Asylheime abgefackelt werden?

Da mischt sich Wut und Scham. Ich weiß, dass wir die finanziellen Herausforderungen ohne weiteres erfüllen können. Das Land ist reich genug und von all denen, die heute aufjaulen, wird keiner dadurch schlechter leben. Die Gefahr ist, dass die Rechte kein Randproblem mehr ist, sondern längst in der Mitte angekommen ist. Die Aufgabe, die zu bewältigen ist, wird sein, die wieder in unser Boot zu holen. Und das ist eine langwierige und große Aufgabe.

Ich weiß, es ist unhöflich, über das Alter zu sprechen. Aber Sie sind gerade 65 geworden. Was bedeutet Ihnen die Zahl? Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?

Darf ich den Glückwunsch des „SZ“-Magazins zitieren? „Wir gratulieren herzlich und wünschen ihr alles Gute – zum Beispiel, dass sie nie wieder diese immer gleiche unverschämte Frage beantworten muss.“