Kino

Zwölf Jahre danach: Daniel Brühl und Wolfgang Becker

2003 haben sie „Good Bye, Lenin!“ gedreht. Ihr neuer Film führt sie erneut zusammen. Ein ehrliches Gespräch über Reifen und Keifen.

Ein Jahrdutzend nach „Good Bye, Lenin!“ haben sie wieder zusammen gedreht: Schauspieler Daniel Brühl (l.) und Regisseur Wolfgang Becker

Ein Jahrdutzend nach „Good Bye, Lenin!“ haben sie wieder zusammen gedreht: Schauspieler Daniel Brühl (l.) und Regisseur Wolfgang Becker

Foto: David Heerde

„Good Bye, Lenin!“ wurde für beide zum Triumph, aber auch zum Fluch. Jetzt haben der Regisseur und sein Star wieder zusammen gedreht: „Ich und Kaminski“ nach Daniel Kehlmann. Am Vortag unseres Treffens wäre fast der Supergau passiert. Wolfgang Becker hat mit seinem Produzenten Daniel Brühl in Kreuzberg besucht, in seiner Tapas-Bar. Und in der Zeit wurde sein Wagen ausgeraubt. Er ist jetzt noch ganz fertig: Die Tasche seines Begleiters wurde gestohlen, in die abgeschrubbelte Tasche des Regisseurs wurde dagegen nicht mal hineingesehen. Dabei lag darin sein Computer. Wenn der geklaut wäre, „das wäre eine Katastrophe gewesen“, stöhnt er noch jetzt, „ich hätte alles abgesagt, wir hätten uns heute nicht treffen können.“ Er hatte 165 Tage lang kein Back-up seines Laptops gemacht, „der ganze Film in allen Versionen ist auf dem Computer drauf.“ Ja, stöhnt der Schauspieler mit, in dessen Bar neulich auch eingebrochen wurde, „die kriegen den Görli nicht in den Griff.“

Berliner Morgenpost: Herr Becker, Herr Brühl, zwölf Jahre nach „Good Bye, Lenin!“ trifft sich das Erfolgsduo zu einem neuem Film. Wie war das für Sie?

Wolfgang Becker: Ich wusste, die Frage wird mich verfolgen.

Daniel Brühl: Da bist du doch selber schuld mit deinen barocken Produktionsphasen. Hättest du mal nicht so lange mit dem nächsten Film gewartet!

Becker: Um das kurz zu machen: Ich habe zwölf Jahre lang im Koma gelegen, bin dann aufgewacht und habe gedacht, ich muss mit Daniel wieder einen Film machen. (beide lachen)

Herr Brühl, Sie waren beim Dreh von „Lenin“ 22, gerade Shooting Star und auf dem Weg nach oben. Inzwischen arbeiten Sie international. Wie war das, erneut mit Wolfgang Becker zusammen zu arbeiten?

Brühl: Wir sind über „Lenin“ Freunde geworden. Ich bin wegen dieses Films damals nach Berlin gezogen, was meine Liebe zu der Stadt entfacht hat. Und dann ja gleich hiergeblieben. Da auch Wolfgang hier lebt, haben wir uns natürlich viel gesehen. Es ist also nicht so, dass wir uns zwölf Jahre nicht begegnet wären. Aber stimmt schon, diesmal war ich beim Set nicht mehr das Küken, das ich damals war. „Lenin“ war nicht mein erster Film, aber gefühlt schon die erste große Sache. Ich weiß noch genau, wie ich mich damals gefühlt habe, ich war noch viel ängstlicher und unbedarfter. Das war jetzt schon anders. Wir haben diesmal ja aber auch einen völlig anderen Film gedreht. „Good Bye, Lenin 2“ wäre seltsam gewesen. Aber als Wolfgang mit dem Kehlmann-Buch um die Ecke kam und meinte, ich solle mal sagen, was ich von der Figur halte, war ich gleich Feuer und Flamme.

Herr Becker, war das von Anfang an klar, wenn dieser Film, dann muss es mit Daniel Brühl sein?

Becker: Ja, von Anfang an. Eine zwielichtige, sagen wir ruhig kotzbrockige Figur in einem Roman zu lesen, ist was ganz anderes, als sie im Film zu sehen. Es gibt genug Schauspieler, die einen Kotzbrocken spielen können. Aber da ist dann oft nichts auf der anderen Seite, was noch durchschimmert. Dann haben wir aber den Daniel, bei dem gehört das quasi zu seinem Wesen. Deshalb konnte er auch prima den Niki Lauda spielen, ein auch nicht gerade sympathischer Mensch, aber in Daniels Darstellung schimmerte immer noch etwas Verzeihliches durch. Das ist ja auch das Problem, das ich auch persönlich mit ihm habe...

Brühl: Wie, was?

Becker: … Er kann sich Dinge leisten, die könnte ich mir nie leisten. Wenn ich mir die leisten würde, wären alle sauer auf mich. Wenn er sie sich leistet, sagen alle: „Och, der Daniel.“ Ihm wird immer alles verziehen, das ist unglaublich.

Brühl: (lacht) Schalten Sie mal das Aufnahmegerät aus!

Becker: Nee nee. Das ist etwas, was wirklich zu ihm gehört. Das nehme ja nicht nur ich wahr. Meine Frau sagt auch immer: „Naja, der Daniel, das kann man ihm doch nicht übel nehmen.“ Insofern war er der einzig richtige Schauspieler für diese Rolle. Wenn Daniel die Rolle nicht hätte spielen wollen, hätte ich nicht gewusst, wen ich sonst hätte fragen sollen. Ich habe mich auch nicht im Ansatz mit der Frage beschäftigt, wer das im Notfall sein könnte. Es gab keinen Plan B.

Herr Becker, wie haben Sie Daniel Brühl beim Dreh erlebt? War das ein völlig anderer Schauspieler als damals?

Becker: Na logisch. Das wäre ja schrecklich, wenn’s nicht so wäre.

Brühl: Wieso? Du warst ganz der Alte! (lacht)

Becker: Na ja. ich war 50, als wir „Good Bye, Lenin!“ gemacht haben. Zwischen 50 und 60 entwickelt man sich nicht mehr so stark wie zwischen 20 und 30. Dani hat so viel mehr gemacht in dieser Zeit als ich, er hat die Zeit auch viel besser genutzt. Er hat so viele Rollen gespielt und in so vielen Filmumfeldern, in Spanien, Frankreich, England und den USA Erfahrungen gesammelt, wie ich sie in meinem Leben nicht gemacht habe. Darum beneide ich einen Schauspieler wie Daniel auch, dass er kurzfristiger an Projekten arbeitet, dafür aber mit viel mehr Leuten in Kontakt tritt – (ironisch) mit seiner weltmännisch-lässigen Art.

Brühl: Sag doch einfach: Freundlich!

Becker: Man merkt einfach, dass er sich über vieles viel bewusster geworden ist. Wir haben glücklicherweise einen Film gemacht, der in jeder Beziehung anders war als „Lenin“, ansonsten wären wir vielleicht auch in alte Muster verfallen.

Herr Brühl, Sie sagen, Herr Becker sei ganz der Alte. Wie ist denn der Alte?

Brühl: Das war natürlich provokant gemeint. Auch Wolfgang ist natürlich ein anderer geworden in dieser Zeit. Aber was gleich geblieben ist, das ist sein Wissensdurst. Das ist etwas, dass ich immer toll fand an ihm. Dass das nicht ein Mensch ist, der den Kontakt zu der Jugend verloren hat. Ich kenne kaum jemanden, der sich so vollkommen eingliedern kann und in Kreisen von jungen Menschen gar nicht auffällt als Älterer. Manchmal denke ich fast, wir sind gleichaltrig.

Bei „Lenin“, das weiß man spätestens aus dem Making-Of zu dem Film, sind oft die Fetzen geflogen. Wie war das diesmal?

Brühl: Absolut! Ich bin sehr aufbrausend. Das ist ein Problem, wenn ich mich in die Ecke gedrängt fühle und denke, ich bin nicht gut. Und meine Selbstzweifel werden leider mit dem Alter nicht weniger, im Gegenteil, es wird eigentlich immer schlimmer. Früher war ich schneller zufrieden mit mir, mit dem Gesamtresultat, mittlerweile kann ich mich so in Details reinfressen, das ist schrecklich. Ich komme dann in Gedankenloops, aus denen ich nicht mehr rausfinde. Und das hört am Ende eines langen Drehtages nicht auf. Ich denke immer: Wäre das nicht, hätte das nicht... Damit habe ich echt ein Problem. Weil du dann ja auch nichts mehr dran ändern kannst. Das ist eine charakterliche Macke, die mir schwer auszutreiben ist. Meine Psychologenfreundin hat das schon versucht, aber es hält sich wacker. Ich werde dann schnell aufbrausend und ungerecht zu anderen, das gebe ich offen zu. Und wenn man sich gut kennt, weiß man natürlich genau, w auf welche Tasten man drücken muss, um den anderen auf die Palme zu bringen.

Becker: Na, das weißt du deutlich besser als ich!

Brühl: Aber das Fundament der Freundschaft ist glücklicherweise doch so stark, dass wir das abkönnen. Sicher herrscht nach wie vor Gesprächsbedarf ab und zu, gewisse Türchen sollte man vielleicht besser nicht mehr öffnen. Aber da ist einfach eine so starke Bindung, die die Reibereien vergessen lässt.

Becker: Vielleicht sind wir, was das Making-of betrifft, aber auch sonst, einfach ein bisschen ehrlicher als die anderen. Man kennt ja diese amerikanischen Making-ofs mit all diesen endlosen Lobhudeleien. Da wird das Lob praktisch im Kreis weitergereicht. Aber da sind sicher auch die Fetzen geflogen. Gerade wird ja „Homeland“ in Berlin gedreht, da kann man ja mal die Leute fragen. So schlechte Gagen kriegen die Schauspieler sonst nie, und so viele Stunden haben sie noch nie gearbeitet.

Herr Becker, noch so eine Frage, die Sie verfolgen wird: Warum hat es so lange gedauert, warum zwölf Jahre bis zu Ihrem nächsten Spielfilm?

Becker: Gott, schon wieder diese Frage! Also, hätten Sie sich angestrengt, Herr Zander, und ein gutes Drehbuch geschrieben, dann hätte ich sofort nach „Good Bye, Lenin!“ einen neuen Film gedreht. Aber Sie haben mir keins angeboten, und die meisten anderen auch nicht. Ich allein bin kein guter Autor. Ich kann eine Vision haben, aber ich muss sie mit einem anderen Autoren entwickeln. Es ist aber gar nicht so leicht, jemanden zu finden. Es ist wie beim Heiraten. Lachen Sie nicht: Mit dem Drehbuchautor verbringt man als Regisseur die nächsten zwei Jahre, mehr Zeit als mit der eigenen Frau. Da willst du nicht jemandem, den du nicht wirklich gern fast täglich triffst. Und ich, so impulsiv wie ich bin, schon gleich gar nicht. Bei „Kaminski“ habe ich mich völlig verschätzt, wie schwierig es ist, diesen Roman für den Film zu adaptieren. Die Idee hatte ich schon Anfang 2009, jetzt haben wir 2015, da sehen Sie mal, was das für eine Spanne ist. Dazwischen war ich aber auch nicht tatenlos.

Was haben Sie getan?

Becker: Wir hatten bei X Filme gewaltige Probleme, als die damalige Senator in die Insolvenz ging. Da war unsere Firma wirklich bedroht von dem, was man Heuschrecken nennt. Ich habe in der Zeit einen Crashkurs in Insolvenzrecht gemacht, mich zwei Jahre lang damit rumgeschlagen. Das ist keine Lebensleistung, das kommt auch in keiner Kritik vor. Aber ich will mich gar nicht rechtfertigen. Warum müssen sich Regisseure überhaupt immer rechtfertigen, wie lange sie für ihr nächstes Werk brauchen. Es gibt eine ganz einfache Regel: Genie muss, Talent kann... Der Dani, der muss – ich kann!

Aber Hand aufs Herz: Hat der Erfolg von „Good Bye, Lenin!“ Sie womöglich unter Druck gesetzt, vielleicht sogar gelähmt?

Becker: Ach, wenn man seine Kraft auch noch an solche Gedanken verschwenden würde... Es ist doch so: Wenn du in diesem Land einen Erfolg gehabt hast, dann wirst du ganz schnell runtergemacht. Jetzt ist so viel Zeit vergangen, dass viele „Good Bye, Lenin!“ vielleicht gar nicht mehr kennen und ganz unvoreingenommen auf „Ich und Kaminski“ reagieren. „Good Bye, Lenin!“ ist damals auf der Berlinale von der deutschen Filmkritik ja fast einhellig verrissen worden, der Erfolg und die Preise kamen erst später. Aber wenn man sich darüber Gedanken macht, würde man sich verrückt machen. Du hast ja eh keinen Einfluss darauf. Alles was du machen kannst ist, den Film zu drehen, den du drehen willst. Und aufpassen, dass dir am Ende nach dem Geld nicht auch noch die Puste ausgeht. Von zehn Klimmzügen brauchen die letzten zwei genau so viel Kraft wie die acht zuvor. Die machen dann viele nicht mehr. Ich mag da pedantisch sein.

Herr Brühl, für Sie war „Lenin“ der internationale Durchbruch. Aber war die Rolle nicht nur Segen, sondern auch Fluch? Weil man Sie im deutschen Film nur noch auf den Lieblingsschwiegersohn reduziert hat?

Brühl: Es hat immer etwas von beidem. Natürlich bin ich froh und auch stolz, diesen Film gemacht zu haben. Ich will Filme drehen, die die Zeit überdauern. Wenn die dann auch noch Erfolg haben, wenn die sich festbrennen in den Köpfen der Leute, dann ist das ein Phänomen. So viele wirst du im Leben nicht machen, aber „Lenin“ ist sicherlich einer davon. Es ist natürlich schon bizarr, wenn du zwölf Jahre später beim Wandern in Chile nicht Deutsche, sondern Einheimische triffst, die sagen: „Good Bye, Lenin?“ Oder in Atlanta von einem Redneck angesprochen wirst: „Are you the guy from ‘Stalin is dead’?“ Das ist spannend, dass du da heute noch wiedererkannt wirst, auch mit Bart. Das freut einen natürlich, irritiert aber auch zugleich.

Weil einmal Lenin, immer Lenin.

Brühl: Franka Potente wird wahrscheinlich auch auf alte Zeiten auf „Lola rennt“ angesprochen. „Lenin“ hat mir natürlich einen Stempel aufgedrückt. Plötzlich war ich der netteste Mensch der Nation, der alten Menschen über die Straßen hilft und Gurkengläser signiert. Ich hab das damals schon nicht verstanden, ich habe ja auch noch ein paar andere Sachen gemacht. Aber das hat sich wacker durchgesetzt. Deshalb war aber der Wunsch sehr groß, damit auch im deutschen Kino mal komplett zu brechen. Vor allem auch mit dem Typ, der mir das eingebrockt hat! Das war der Bruch schlechthin. Das hat ja nun nichts mit dem Alexander Kerner aus „Lenin“ zu tun.

War das auch ein Befreiungsschlag, so komplett gegen das Image anzuspielen?

Brühl: Um ganz ehrlich zu sein: Das mit dem Image hat mich eine Zeit lang beschäftigt. Aber dann auch irgendwann nicht mehr. Das hat sich jetzt ein bisschen erledigt im Alter...

Becker: Im Alter! Hört, hört!

Brühl: Da bin ich jedenfalls viel lockerer geworden. Man macht sich mit so was nur fertig. Es wird so viel Schund geschrieben. Ich lese kaum noch Kritiken. Ich habe echt genug verschiedene Sachen gemacht, wenn das nicht wahrgenommen wird, dann kann ich auch nicht helfen.

Wie bei Romy Schneider: Alle wollen nur die Sissi sehen und nicht das Schauspieltalent erkennen?

Brühl: Es ist vielleicht schon bezeichnend, dass ausgerechnet der Regisseur, der mich am besten kennt und mir dieses Image eingebracht hat, mir diese Rolle gegeben hat, um damit zu brechen. Ich glaube schon, dass andere deutsche Regisseure mir die Rolle nie angeboten hätten. Da bin ich dem Wolfgang dankbar, dass er das in mir gesehen hat.

Die ewig gleichen Rollenangebote waren ja mit ein Grund, dass Sie ins Ausland gegangen sind, weil Sie da eben nicht so auf das brave Image festgelegt waren. Dürfen wir hoffen, dass Sie jetzt auch wieder öfter in deutschen Filmen mitwirken werden?

Brühl:Wenn Wolfgang immer so lange braucht, von irgendwas muss ich ja leben....!

Becker: Pass mal auf, der nächste Film kommt viel schneller!

Brühl: Es ist schon so, in der letzten Zeit ist mir hier nicht so viel Interessantes angeboten worden. Viele Drehbücher haben mir einfach nicht zugesagt. Da kamen aus England und den USA einfach interessantere Sachen. Weil die Regisseure vielleicht auch einen anderen Blick auf mich hatten.

Werden Sie denn jetzt den Christoph Waltz machen – und nach Amerika gehen?

Brühl: Ich respektiere das, wenn für einige europäische Schauspieler Hollywood und L.A. das Ein und Alles ist. Da ist natürlich schönes Wetter, da gibt es auch nette Leute. Ich bin gern unterwegs in anderen Filmlandschaften und genieße es, mit all diesen Künstlern arbeiten zu dürfen. Ich fühl mich da auch sehr privilegiert, dass da die eine oder andere Tür sich geöffnet hat. Aber ich bin auch immer wieder sehr froh, mir geht das Herz auf, wenn ich zurück darf. Ich fühle mich sehr verankert in Europa. Aber eben nicht nur in Deutschland.

Becker: Ich fürchte, Danis Ausflug wird hier manchmal auch mit einer Mischung aus Skepsis und Neid, vielleicht sogar Ressentiment verfolgt. Ich glaube, man unterstellt ihm da so ein wenig, dass er sich entfernen wollte, mit dem deutschen Film nichts mehr zu tun haben wollte, dass er jetzt was Besseres geworden ist.

Brühl:Das kann einem ja nur egal sein. Es gibt jetzt bestimmt auch genug Leute, die da hocken und denken: Der Becker hat einen neuen Film gedreht, hoffentlich wird der scheiße. Das ist vielleicht einer der wenigen Vorteile bei den Amerikanern: Die sind wirklich ein bisschen neidfreier.

Herr Becker, wenn der nächste Film viel schneller kommt, wird Daniel Brühl automatisch wieder mitspielen?

Brühl: Nee, andersrum. Ich führe Regie. Und du spielst!

Becker: Ich bin dabei. Ich habe einmal bei Dani Levy in „Mein Führer“ eine kleine Rolle gespielt, einen KZ-Kommandanten. Da saß ich die meiste Zeit im Wohnmobil und junge Frauen fragten mich ständig, ob ich was bräuchte, ob ich Kaffee will. Ich wusste schon, dass Schauspieler gepämpert werden, aber dass das so weit geht, war mir nicht klar. Das war für mich Schlaraffenland. Als Regisseur fragt dich keiner, ob du was brauchst. Also, Daniel, zieh dich warm an. Ich spiel das mit links.

„Good Bye, Lenin!“ war der beste Film zum Thema Wiedervereinigung. Die jährt sich bald zum 25. Mal. Was meinen Sie, ist sie schon gelungen, ist sie vollzogen, sind wir ein Volk?

Becker: Man hat sich doch sehr verschätzt, wie lange es dauert, die beiden getrennten Teile Deutschlands wieder zusammenzubringen. Ich glaube, das wird am Ende länger dauern als die Teilung selbst. Nehmen wir nur mal so was wie Pegida oder wie im Osten auf Asylanten reagiert wird: Natürlich kann kein Land das leisten, alle Flüchtlinge mit offenen Armen zu empfangen, da braucht es sicher eine viel klarere Politik. Aber dass gerade da, wo die wenigsten Asylanten hinkommen, am lautesten geschrien wird, darüber bin ich immer wieder entsetzt. Ich denke oft, jetzt wäre die Zeit, „Good Bye, Lenin! 2“ zu drehen. Ich wollte das nie, wie bei „Fack ju, Göhte“ gleich einen zweiten Teil an den Erfolg dranhängen. Aber jetzt, nach all der Zeit, die Figuren noch mal aufgreifen und mit ihnen die Gegenwart zu erzählen, das könnte sehr spannend sein. Aber das wäre nur inhaltlich interessant, nicht um die „Good Bye, Lenin!“-Marke zu bedienen.

Brühl: Wenn Ausländer etwa aus Spanien kommen, denken die immer, das sei ja alles schon so verschmolzen, was sie in Berlin sehen. Ich sage dann aber immer: Lasst uns mal nach Brandenburg fahren, da werdet ihr ganz schnell sehen, dass das noch lange nicht vorbei ist.