Kino

Studenten-Oscar für Berliner Ilker Çatak und Dustin Loose

Es gibt nur drei Auszeichnungen und alle drei gehen an deutsche Regisseure. Zwei davon leben in Berlin. Und kennen sich auch noch gut.

Zwei, die sich mögen: die Berliner Regisseure Dustin Loose (l.) und Ilker Çatak

Zwei, die sich mögen: die Berliner Regisseure Dustin Loose (l.) und Ilker Çatak

Foto: Reto Klar

Sie sind schon da. Lange vor der verabredeten Zeit sitzen die Filmregisseure Ilker Çatak und Dustin Loose bereits im Café beim vertrauten Gespräch. Das hat so gar nichts von Konkurrenz.

Dabei werden die beiden am 17. September im Beverly Hills Hotel stehen und um den Studenten-Oscar buhlen. Nun, buhlen wohl nicht: Es gibt drei Preise. Und drei Kandidaten. Gewinner sind sie also jetzt schon. Es geht nur noch um Gold, Silber oder Bronze.

Es ist schon verrückt: 1.686 Filme sind dieses Jahr von 281 amerikanischen und internationalen Filmhochschulen eingereicht worden. Der Studenten-Oscar wird in fünf Kategorien verliehen, dabei gibt es nur eine für den besten ausländischen Film.

Und von den sieben Nominierten, die es dort in die finale Runde gebracht haben, wurden nur Deutsche ausgewählt: Ilker Çatak, Dustin Loose und Patrick Vollrath. Noch verrückter: Die ersten beiden sind auch noch Berliner. Und werden von derselben Agentur vertreten.

Frotzeln im Plüschsessel

Sie selber haben sich erst in diesem Januar auf dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken kennengelernt. Jetzt sitzen sie, an einem Mittwoch im September, in dem Café mit dem blumigen Namen „An einem Sonntag im August“ in der Kastanienallee. Und frotzeln, was sie wohl anziehen sollen.
„Wenn du magst, kann ich dir die Farbcodes von meinen Sachen geben“, grinst Dustin Loose. „Du lässt dich doch von Boss sponsoren“, kontert Çatak. Çatak sitzt dabei ganz relaxt im Schneidersitz in einem der tiefen Plüschsessel. Loose muss sich in seinen reinquetschen, wegen der Beine. Er ist 1,95 Meter groß.

Vier Tage durften sie ihr Glück mit niemandem teilen

Als der Anruf kam, war Loose gerade im Urlaub in den Alpen. Der Empfang war sehr schlecht. Und was der Programmkoordinator des Studenten-Oscars da alles erzählte, hat Loose kaum verstanden. Aber danach hat er erst mal „schallend in die Berge gelacht“. Ilker Çatak ist nebenbei auch Musiker, spielte an diesem Abend und ging deshalb nicht ans Telefon.

Er hat dann später eine Mail bekommen - und musste sofort eine Lage spendieren. Das Schlimmste daran war, dass sie vier Tage lang niemandem etwas von ihrem Triumph erzählen durften. Wann der Preis verkündet wird, das behält sich die Film Academy in Los Angeles selber vor.

Ein langer Weg zum Studenten-Oscar. Ilker Çatak, 1984 in Berlin geboren, zog im Alter von 12 Jahren nach Istanbul, kehrte nach dem Abitur nach Deutschland zurück und studierte Regie in Berlin – nachdem ein Sachbearbeiter beim Arbeitsamt ihn nach seinen Hobbys gefragt und ihm dazu geraten hatte. Dann wechselte er zur Media School nach Hamburg, wo er seine Kurzfilme „Wo wir sind“ und „Sadakat“ drehte, die beide 2014 und 2015 mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurden.

„Wo wir sind“ wurde auch für den Studenten-Oscar nominiert. Als er leer ausging, hat Çatak nicht daran geglaubt, jemals wieder auch nur in die Nähe des Preises zu kommen. Mit „Sadakat“ bekommt er ihn nun doch. Und wird nun von allen gefeiert und vereinnahmt: von den Hamburgern als Hamburger, von den Berlinern als Berliner - und von den Türken als Türke.

Film über Courage und Haltung

Dustin Loose, 1986 in Bonn geboren, hat an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert und mit seinem Kurzfilm „Erledigung einer Sache“ auch schon eine Riesenfestivaltour hinter sich. Ähnlich wird auch er jetzt als Bonner, Stuttgarter und Berliner gefeiert.

Unterschiedlicher könnten die Filme kaum sein: Çataks „Sadakat“ handelt von den Gezi-Demonstrationen 2013 in Istanbul, von einer couragierten Ärztin, die einem Demonstranten hilft und von der Polizei unter Druck gesetzt wird, was sie aushält, nicht aber ihr Mann.

Ein Film über Courage und Haltung, der unter schwierigen Umständen in Istanbul gedreht wurde. „Ich hatte einfach das Bedürfnis“, so der 31-Jährige, „einen Film zu machen, der die politische Situation in der Türkei aufgreift.“

Das Filmen in die Wiege gelegt

Looses „Erledigung einer Sache“ ist dagegen ein starbesetztes Kammerspiel um einen jungen Mann (Ludwig Trepte), der seinen totgeglaubten Vater (Robert Hunger-Bühler) in einer geschlossenen Abteilung besucht und eine Katastrophe auslöst.
Für seine Hakan-Nesser-Adaption war es gar nicht so schwer, die gestandenen Schauspieler zu gewinnen. „Am Ende“, sagt der 28-Jährige, „überzeugt immer das Drehbuch.“ Das mit dem Filmen ist ihm wohl in die Wiege gelegt worden: Seinen Vornamen bekam er wegen Dustin Hoffman.

Beste Ausbildungsstruktur in Deutschland

Dass der deutsche Film derart beim Studenten-Oscar reüssiert, überrascht die beiden auch. Und doch wieder nicht. „Es ist schon auffallend, dass Deutschland in den letzten Jahren immer gut vertreten ist“, meint Çatak. Das, sekundiert Loose, liege daran, dass wir hier „so viele gute Schulen haben und die Ausbildungsstruktur selten so gut ist.“

Als Konkurrenz empfinden sich die beiden nicht. Eher als Weggefährten. Sie schätzen die Filme des anderen und würden sich auch gegenseitig den Preis gönnen. „Am Ende sind wir alle Mitstreiter in der Sache“, sagt Loose. „Wir haben das Privileg, dass wir uns kennen und uns verbunden fühlen.“ „Die Arschkarte“, lacht Çatak, „hat der Patrick“.

Der Niedersachse Patrick Vollrath geht für die Filmhochschule Wien ins Rennen. Mit seinem mittellangen Film „Alles wird gut“, in dem ein geschiedener Vater seine achtjährige Tochter für ein Wochenende in Empfang nimmt, das Mädchen aber ahnt, dass diesmal etwas nicht stimmt.

Eine Woche Los Angeles

Wer am Ende was gewinnt, ist ihnen allen nicht so wichtig. Das sagen nicht nur die beiden im Café, das hat auch Vollrath so schon bekundet. Das Schöne ist ja, dass es, anders als beim „großen“, beim „echten“ Oscar nicht einen, sondern drei Gewinner gibt. Sie können am 17. September also nicht verlieren. Und sollten schon mal eine Dankesrede vorbereiten.

Die müssen sie auf jeden Fall halten. Sie werden dafür nach Los Angeles eingeflogen, eine Woche zu diversen Branchentreffen eingeladen und bekommen eine immense Aufmerksamkeit. Da ist es eigentlich ziemlich egal, wer Gold und wer nur Bronze bekommt. Das macht nur einen marginalen Unterschied im Preisgeld aus.

Das nächste Ziel ist also nicht das Gold beim Studenten-Oscar. Sondern – der richtige Oscar. Mit der Auszeichnung am 15. September kommt man ja automatisch in die Vorauswahl für den Life Action Short Award.

Da geht es dann um die berühmte Trophäe – während der Studenten-Oscar „nur“ eine Plakette ist. Der Oscar für den besten Kurzfilm aber ist das Höchste, was man im Kurzfilmbereich erreichen kann. Darauf hoffen die Nachwuchsregisseure.

Preise sind keine Selbstläufer

Denn es ist ja leider so: Zwar waren beide Berliner schon sehr erfolgreich mit ihren Filmen und haben zahlreiche Preise eingeheimst. Aber das scheint die Fördergremien, wenn es um die Finanzierung des nächsten Projektes geht, nicht unbedingt zu beeindrucken. Beide arbeiten jetzt natürlich an ihrem Langfilmdebüt. Aber Preise sind dabei kein Selbstläufer.

„Der Studenten-Oscar ist noch zu frisch“, meint Çatak. „Aber es ist egal, ob du zwei Mal den Max-Ophüls-Preis gewonnen hast. Im Sommer habe ich drei fette Förderabsagen bekommen, das wirft einen enorm zurück.“ Er hofft, dass der Studenten-Oscar da gewisse Türen öffnet.

Kritik an den Entscheidungsstrukturen

Auch Loose ist nicht sehr optimistisch. „Ich war mit meinen Filmen drei Mal bei Max Ophüls und auf diversen Festivals. Man bekommt eine gewisse Aufmerksamkeit, aber die Entscheidungsstruktur derjenigen, die meinen, in Deutschland entscheiden zu können, welche Filme gemacht werden, ist ein bisschen undurchsichtig.

Ich habe sie jedenfalls noch nicht so richtig durchschaut“, beklagt sich der 28-Jährige. Es gebe einige Projekte, die er gerne machen würde, auch ein ganz konkretes. „Aber es fehlen die letzten Meter. Ich hoffe, dass sich da jetzt bei uns allen dreien etwas tun wird.“

Meditieren gegen die Nervosität

Vielleicht macht einer von ihnen ja den Gallenberger. Auch Florian Gallenberger hat mit „Quiero ser“ erst den Studenten- und dann den Kurzfilm-Oscar gewonnen. Aber bis dahin ist es noch ein Stück. Jetzt heißt es erst mal, die nächste Stufe nehmen.

Wie überbrückt man die Nervosität? „Jeden Tag zehn Stunden meditieren“, flaxt Çatak. „Die vergangenen 88 Oscar-Verleihungen studieren“, meint Loose,“ und überlegen, was man nicht machen sollte.“

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