Tatort

„Tatort“ aus Leipzig – Wut, Gewalt und ein absurdes Lächeln

Andreas Keppler und Eva Saalfeld lösen ihren vorletzten Fall. Es geht um eine zerrüttete Familie – und die merkwürdige Inszenierung der Hauptdarstellerin Simone Thomalla.

Von Nina Paulsen

Foto: ARD / MDR/Steffen Junghans

Harald Kosen ist ein ziemlich gemeiner Mann. Ein Choleriker vor dem Herrn, laut, aggressiv, ungerecht – und er hat keine Scheu vor körperlicher und verbaler Gewalt. Auch nicht gegen seine Familie. Es gibt also jede Menge Menschen, die ein Motiv haben, als Kosen (Bernhard Schütz) in seinem Schlafzimmer aufgefunden wird, nicht nur ermordet, sondern „übertötet“, wie es Kommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke) nennt. Das Blut ist überall. Auf dem Bett, auf dem Boden, an den Wänden.

Es geht um Wut in diesem „Tatort“ aus Leipzig, und um Hass. Um abgrundtiefen Hass, der sich in die Psyche einer Familie hineingefressen hat, so dass sich deren Mitglieder in apathischer Feindschaft gegenüberstehen. Die Sorge um den Hund ist größer als die Sorge umeinander. Und die Gewalt des toten Patriarchen lebt zwischen den Geschwistern fort.

Eigentlich also eine spannende Ausgangslage für das Ermittlerduo aus Leipzig, das in „Blutschuld“ seinen 20. und damit vorletzten Fall zu lösen hat. Anfang 2014 kündigte der MDR an, Keppler und Eva Saalfeld (Simone Thomalla) in den Ruhestand zu schicken. Eine Episode kommt in diesem Jahr noch – und dann ist Schluss. Auch wenn es schon schwächere Folgen aus Leipzig gab, muss man nach diesem Sonntag sagen: zu recht.

Der „Tatort“ feiert Simone Thomalla

Das liegt nicht an den teils drastischen Gewaltszenen, sondern am dicht gestrickten Plot. Erzählt werden die Geschichten von Sohn Patrick Kosen (Tino Hillebrand), Tochter Sofie (Natalia Rudziewicz), deren Mann Frank Bachmann (Alexander Khoun) und von Harald Kosens früherem Geschäftspartner Christian Scheidt (Uwe Bohm), dessen Tochter das tote Familienoberhaupt wegen seiner rabiaten Fahrweise offenbar auf dem Gewissen hat.

Jede der Figuren hat einen schweren Rucksack an Schmerz, Enttäuschung und Verletzung zu tragen. Ausgeschöpft wird das psychologische und dramaturgische Potenzial dabei jedoch nicht, der „Tatort“ kratzt nur an der Oberfläche der Charaktere herum. Außer dem Zyniker Scheidt bekommt keine Figur ausreichend Zeit, sich wirklich zu entwickeln. Das macht es zum Teil schwer, Handlung und Motive nachzuvollziehen.

Das alles wäre aber noch verschmerzbar, wäre da nicht Simone Thomalla, die sich in diesem „Tatort“ geradezu feiern lässt. Oder von Drehbuchautor und Regisseur Stephan Kornatz gefeiert wird. Da ist zum Beispiel diese Szene, in der Sofie Kosen der Ermittlerin Saalfeld ganz unvermittelt während einer Befragung ein Kompliment macht: „Sie sind toll.“ Thomalla legt den Kopf schief und lächelt – und sitzt plötzlich da wie in einem Setting für ein Fotoshooting für eine Frauenzeitschrift: Die dunkelbraunen Haare und ihr in Erdfarben gehaltenes Make-up passen perfekt zu der lila Wand im Hintergrund, ihre Bluse hat den gleichen Ockerton wie die Kekse auf dem Tisch. Und dann eben dieser Satz: „Sie sind toll.“

Zu wenig Martin Wuttke

Eine absurde und schon fast verstörende Szene. Thomallas Spiel im „Tatort“ wurde nicht selten als hölzern kritisiert, ebenso ihr Hang zu Selbstverliebtheit und Selbstdarstellung. „Von Ihrer Selbstsicherheit hätte ich auch gern was. Wie wird man so?“, fragt Sofie Kosen dann aber auch noch – und lobt Saalfelds Spürsinn und ihre Umgangsformen. Und man fragt sich, was zur Hölle das eigentlich soll. Mit dem Fall hat das nämlich rein gar nichts zu tun. Die Thomalla-Lobhudelei ist ziemlich peinlich.

Theatermann Wuttke, der schauspielerisch eine Menge drauf hat, kann das leider auch nicht kompensieren. Man kann nur hoffen, dass er im letzten Fall aus Leipzig, der im April gesendet werden soll, wieder etwas mehr Raum bekommt – er hätte es verdient.

Der „Tatort“-Zuschauer übrigens auch.

ARD Tatort, Sonntag 20.15 Uhr