ARD-Krimi

Ein "Tatort" zwischen Romantik, Schwips und Sinnlichkeit

Ein alter Rotwein gibt den Konstanzer Kommissaren Klara Blum und Kai Perlmann Rätsel auf. Mit Zeitsprüngen ins 19. Jahrhundert wagt der ARD-Krimi zugleich ein ungewöhnliches Experiment.

Foto: SWR/Martin Furch (S2) / SWR/Martin Furch

Moment mal. Sollte jetzt nicht der "Tatort" laufen? Ist das hier vielleicht das falsche Programm? "Konstanz, 1848" wird gleich am Anfang nach der Titelmusik eingeblendet und es sieht alles ziemlich nach Historienschinken aus: Soldaten mit Bajonett und rotem Rock marschieren durch das Bild, langhaarige Burschen mit Pistolen stürmen mit kriegslustigem Gebrüll auf sie zu: "Es lebe die freie Republik Baden!" Doch tatsächlich, es ist der "Tatort". Nach einer Minute voller rasanter Schnitte, Kanonenschüsse und Rauch kommt die Handlung in der Jetztzeit an – nach so viel Wirrwarr: zum Glück.

Es ist schon ein merkwürdig-obskurer Fall, den die Kommissare Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) in "Château Mort" an diesem Sonntag zu lösen haben: Ein junger Mann wird tot im Rhein gefunden, im Rucksack der Wasserleiche findet sich nicht nur ein zappelnder Aal, sondern auch eine Flasche Wein. Ein sehr alter Wein, um genau zu sein. Er soll, so erzählt es das Drehbuch von Autor Stefan Dähnert, der deutschen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff gehört haben, die ihn bei ihrer Hochzeit nach der Badener Revolution im Jahr 1848 servieren wollte. Der Wein ist also ein Sammlerstück, für das Liebhaber einen sechsstelligen Betrag zu zahlen bereit sind. "Es sind Leute schon für weniger umgebracht worden", stellt Blum fest und "Tatort"-Gucker wissen: Da hat sie recht.

Perlmann gibt sich der Lyrik hin

Die Konstanzer Kommissare begeben sich auf die Spur dieses Weines. Dabei wird es für einen "Tatort" ungewöhnlich sinnlich. Blum sucht nämlich nicht nur nach dem Mörder, sondern auch nach Zuneigung, was sie ihrem Schweizer Kollegen Major Matteo Lüthi (Roland Koch) nah und näher bringt. Perlmann wiederum gibt sich bei seinen Ermittlungen ganz der Liebeslyrik hin, vergräbt sich in Gedichtbänden ohne zu schlafen – und bemerkt dabei nicht, als ihm plötzlich eine Frau im Hier und Jetzt schöne Augen macht.

Und dann ist da eben der Droste-Wein, der dem Sammler und Experten Hans Lichius (Felix von Manteuffel) wegen seines opulenten Geschmacks die Tränen in die Augen treibt. Schwer romantisch – und schon fast absurd – wird es bei einer gemeinsamen Verkostung mit Blum und Lüthi, die bei gedämpftem Licht, Kerzen und Gitarrenmusik den Wein gemeinsam riechen, schwenken, schmecken – und dabei immer wieder genussvoll die Augen schließen. Vielleicht ist das der Moment, in dem sich Klara ein bisschen in den charismatischen Matteo verliebt. Wer wollte es ihr verübeln bei so vielen Klischees. Fast vergisst man, dass das hier ja eigentlich ein Krimi ist.

Dieser "Tatort" fällt aus dem Rahmen – und das ziemlich unterhaltsam. Das liegt auch an den Rückblenden ins Jahr 1848, die zwar nur bedingt historisch plausibel sind, aber dafür eine zweite Zeitebene eröffnen, in der ebenfalls ermittelt wird. Ein interessanter Schwenk im Tatort-Repertoire.

"Die alte Hülshoff, das Luder"

Die Spannungskurve ist stellenweise flach, die Ereignisdichte – die turbulenten Anfangsminuten ausgenommen – mehr Legato als Stakkato, was dem Ganzen aber keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Regisseur Marc Rensing bringt Form und Inhalt in Einklang und nimmt sich Zeit, das sinnliche Erleben der drei Kommissare vor der Kulisse eines Mordes zu inszenieren. Leicht konsumierbar ist der Film dabei in jedem Fall – nicht zuletzt durch ironische Sidekicks und Perlmanns charmant-naive Art, sich auf romantische Lyrik einzulassen ("Die alte Hülshoff, das Luder").

Eigentlich ist dieser "Tatort" damit so, wie der vermeintliche Hochzeitswein selbst. Oder zumindest so, wie er vom Weinexperten Lichius wortreich beschrieben wird: Fruchtig, unaufdringliche Süße, vollkommene Balance. In Spuren Salzgeschmack und krautige Bitterstoffe. Im Abgang ein Hauch von Verwesung.

Das passende Schlusswort aber liefert Matteo Lüthi, der nicht nur tatsächlich, sondern auch emotional hin und her pendelt zwischen Deutschland und der Schweiz: "Lass uns nicht über Wein reden, trinken wir ihn einfach."

Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.