Daniel Gerber ist verschwunden. Er war ein junger, begabter Pianist aus einer Künstlerfamilie. „Ein Genie“, wie seine Ex-Freundin sagt. Matthias Reichwald spielt ihn als energischen, jungen Mann. Jemand, der ein Geheimnis hat. Sein größter Wunsch war es, Rachmaninow drittes Klavierkonzert vor großem Publikum zu spielen. Es ist nichts draus geworden. Daniel lebte auf der Straße.
Marita Gerber, Daniels Mutter (Lina Wendel), ist seit 17 Jahren die Nachbarin von Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt). Eines Morgens klingelt sie bei ihm und bittet ihn, Daniel zu suchen. Der aber will nicht, Vermisste seien nicht sein Gebiet. Außerdem sei Wochenende. „Menschen interessieren sie nicht wirklich“, wird Marita Gerber ihm später vorwerfen. „Ich bin tolerant“, verteidigt sich Ballauf. „Toleranz fällt einem leicht,“, sagt sie „wenn einem alles egal ist.“
Daniels Ex-Freundin Julia Koch (Laura Sundermann) hatte sich schon länger von ihm distanziert. Seine Genialität stand gegen ihren Pragmatismus. Sie hat ihren Traum von der Solo-Karriere gegen einen Job beim Kölner Rundfunk Orchester eingetauscht. „Man muss auch davon leben“, erklärt sie den Kommissaren. „Wir hatten nicht mehr denselben Weg.“
In den Fokus der Ermittlungen gerät ein Haus, irgendwo in Köln-Mühlheim, denn dort hat ein blutüberströmter Unbekannter, der Daniel gewesen sein könnte, Hilfe gesucht. In den loftartigen Luxus-Wohnungen dieses Hauses leben eine Reihe von Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Existenzangst haben. Katja Petersen (Anna Stieblich), eine Übersetzerin und bekennende Schund-Schrifstellerin, verlässt aus Panik vor ihrem brutalen Ex-Mann kaum das Haus, die alleinerziehende Kunst-Professorin Claudia Denk ist ständig auf der Suche nach Sponsoren, um ihren Lebensstandard zu halten und Günther Baumgart (Robert Gallinowski), der in Leverkusen gerade ein neues Eishockey Team aufbauen soll, fürchtet die Schlagzeilen, die ihn mit dem Toten in Zusammenhang bringen könnten und ihn seinen Job kosten würden. Was opfere ich für meine Kunst? Und was gehen mich andere an?
Das ist die große Fragen, um die sich der Kölner Tatort an diesem Sonntag dreht. Die Regie von Andreas Kleinert und das Drehbuch von Jürgen Werner lassen sich sehr viel Zeit, bis es überhaupt zu einem Toten kommt, dessen Schicksal aufgeklärt werden kann. Ganz vorsichtig entwickeln sie ihren Spannungsbogen, der Kreis an Verdächtigen wird immer unübersichtlicher, der Tote rückt immer mehr in den Hintergrund, andere Figuren drängeln sich nach vorne, Es glückt bei weitem nicht alles, und doch ist es interessanter „Tatort“ geworden. Mehr philosophisch als kriminalistisch vielleicht. Aber mit ungeahnten Höhepunkten.
Das liegt vor allem an der andere Geschichte, die hier auch erzählt wird, und die irgendwann die Handlung übernimmt. Die, die auch namensgebend ist. Freddy tanzt. Es gibt nämlich noch eine Künstlerin in diesem Kölner Tatort. Claudia Denk, gespielt von der großartigen Ursina Lardi, eine wunderschöne, laszive Frau, extrem attraktiv und mit großem Interesse an Männern. Die Künstlerin, die gibt Dietmar Bär die Gelegenheit auszubrechen aus seiner Rolle als dicker, gemütlicher Kommissar Freddy Schenk. Er verliebt sich und wird, wer hätte das gedacht, sexy.
Einmal wirft er Claudia einen Blick zu, der aufregender ist, als eine Sex-Szene es jemals sein könnte. Als sie im roten Kleid über den roten Teppich durch einen roten Hotelgang entschwindet, geht der melancholische Schenk allein zurück in die Hotelbar. Es läuft „I love you“ von Woodkid. „Is there anything I can do just to get some attention from you.“ Und Freddy beginnt zu tanzen. Schwer, kraftvoll, sinnlich, umgeben von blauem Licht. Er wiegt sich im Rhythmus, findet sich, lächelnd. Alleine um diesen Tanz zu sehen, darf man den Tatort nicht verpassen. Hier ist ein Schauspieler, der noch viel mehr kann.
ARD, Sonntag, 20.15 Uhr



