„Ich wünsche mir, dass meine letzten Lebensjahre nicht so werden wie meine ersten“, sagt Franz Müntefering (85) bei „Markus Lanz“ am Dienstagabend. Der ehemalige SPD-Chef und Vizekanzler erzählt persönlich, offen, fast verletzlich von seiner Kindheit im Krieg. Es ist eine von vielen nachdenklichen Passagen einer Sendung, die tief in die politischen und emotionalen Erinnerungen ihrer Gäste eintaucht. 

Neben Müntefering sitzen der Linken-Politiker Gregor Gysi (77) und die Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele, Vizepräsidentin der Berliner Hertie School. Moderator Lanz führt das Trio durch eine Diskussion, in der Vergangenheit und Gegenwart, Ängste und Hoffnungen immer wieder aufeinandertreffen. 

Müntefering bei „Markus Lanz“: Wir dürfen uns nicht auf Amerika und Russland verlassen

„Deutschland hat wieder Angst vor dem Krieg“, stellt Lanz fest. Gysi widerspricht auf seine Weise: „Ich werde immer häufiger gefragt, ob es zu einem Dritten Weltkrieg kommt. Ich versuche dann, die Leute zu beruhigen. Putin ist ja nicht irrational.“ 

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Gysi argumentiert, dass Putin klarmache, „dass der Osten seine Zuständigkeit ist“. Ein Angriff auf Nato-Staaten sei unwahrscheinlich. Dennoch zeichnet Gysi ein düsteres Bild Europas: „Europa ist im Augenblick kein wesentlicher Machtfaktor. Wir sind zu zersplittert.“ Müntefering pflichtet ihm bei: „Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass die Amerikaner ihre alte Position voll durchziehen. Von Russland ganz zu schweigen.“ Der Westen habe an Überzeugungskraft verloren, seit die sozialistischen Staaten zusammengebrochen sind, so Gysi.

Politikwissenschaftlerin über junge Generation: Pragmatismus statt Kriegsangst

Gysi lenkt den Blick auf die tieferen Ursachen internationaler Krisen: „Die Eliten, die hinter Trump stehen, machen sich Sorgen, dass sie hinter China fallen.“ Autoritäre Systeme wie China seien vermeintlich effizienter. „Wir müssen als Europa zusammenhalten. Ökonomisch wären wir sehr stark“, fordert auch Müntefering.

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Andrea Römmele nimmt bei jüngeren Menschen keine unmittelbare Kriegsangst wahr: „Sie kennen ja fast nichts anderes als Krise.“ Ihre Studierenden diskutierten jedoch verstärkt über Wehrpflicht und Aufrüstung – ein Hinweis auf ein wachsendes Bewusstsein für die geopolitischen Spannungen.

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Die Aussetzung der Wehrpflicht habe er schon 2011 für einen Fehler gehalten, erklärt Müntefering. Gysi sieht das anders und schlägt als Alternative ein soziales Pflichtjahr vor: „Jeder junge Mensch kann sich überlegen: Ich gehe entweder zur Bundeswehr oder mache ein Sozialjahr.“ 

Erinnerungen an die Nachkriegszeit: „Am nächsten Tag gab es kein Brot“

„Wie haben Sie ihre Kindheit in den letzten Jahren des Krieges erlebt?“, will Markus Lanz wissen. Müntefering berichtet, dass er als Kind Fenster abdichten musste, damit keine Bomber das Licht sahen. Noch heute beschämt ihn eine Situation von damals: Er habe gehört, wie seine Mutter drinnen etwas schnitt. „Ich wusste, dass nur noch eine Schnitte Brot da war. Ich kam rein und meine Mutter sagte: Glaubst du, ich habe die Schnitte gegessen?“ Diese Angst vor Hunger präge ihn bis heute – er ertrage es nicht, wenn jemand ein Stück Brot wegschmeiße.

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Münteferings Erzählungen kontrastieren mit Gysis Kindheitserfahrungen im Ostdeutschland der Nachkriegszeit. Als 13-Jähriger erlebte er den Bau der Berliner Mauer: „Am nächsten Tag gab es kein Brot und die Züge fuhren nicht mehr. Ich hoffte, ich müsse nicht mehr in die Schule.“ Seine damalige Erwartung, die Mauer bleibe höchstens zwei Jahre, erwies sich als Irrtum – ebenso wie später der Glaube, sie bleibe für immer. In Ostdeutschland habe er keine Kriegsangst erlebt. „Eher, dass wir eingemauert würden“, so Gysi.

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Was würde Willy Brandt sagen? Streit um SPD-Erbe

Zeitsprung ins Jetzt: Was würde wohl Willy Brandt zum Zustand der SPD sagen, will Lanz wissen. Müntefering vermutet, Brandt hätte gelassen reagiert: „Willy neigte nicht zur Panik.“ Gysi glaubt dagegen, Brandt hätte kritisch über Schröders Politik gesprochen, insbesondere über den Kosovo-Krieg und die Agenda 2010. Müntefering verteidigt die Agenda und wirft Oskar Lafontaine vor, die SPD nach 1998 aus Eitelkeit „systematisch zerstört“ zu haben. 

Müntefering hebt Brandts Rolle als „Apostel des Friedens“ hervor, während Gysi ergänzt: „Freiheit und Demokratie ist nichts ohne Frieden.“ Das müsse man auch noch einmal Bundeskanzler Friedrich Merz verdeutlichen, der Frieden als nebensächlich dargestellt habe, mit seiner Aussage: Frieden gäbe es nur auf dem Friedhof.

Parteien überaltert: Junge Menschen brauchen Angebote 

Andrea Römmele ergänzt: Parteien seien überaltert, junge Menschen würden trotz Interesse für Politik von verstaubten Strukturen abgeschreckt. Auch Gysi sieht die aktuelle Stärke der Linken nicht in ihren Positionen, sondern in ihrer Haltung: „Wie man das auf Dauer stabilisiert, ist eine andere Frage.“

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Die Sendung zeigt eindrücklich, wie persönliche Erfahrungen politische Perspektiven prägen. Auffällig ist jedoch der sehr geringe Sprechanteil von Andrea Römmele. Die Diskussion wird überwiegend von Müntefering und Gysi geprägt. Dadurch entsteht ein klares Bild ihrer historischen Perspektiven und politischen Einschätzungen – während die Stimme der einzigen Expertin am Tisch deutlich zu wenig Raum erhält.