„In Abschiebehaft lande ich auf keinen Fall“, sagt Karl Lauterbach – halb scherzend, halb besorgt. Der Ex-Gesundheitsminister der SPD wird im Herbst wieder in Harvard tätig sein, der Universität seiner eigenen Vergangenheit. Damit ist er ausgerechnet in der von Trump bedrängten akademischen Welt gelandet. Klingt erst mal spannend, doch viele neue Erkenntnisse zieht man daraus am Montagabend nicht.
Und auch insgesamt hatte man sich von dieser Konstellation mehr versprochen: Gregor Gysi (77), das rhetorische Urgestein der Linken, im direkten Schlagabtausch mit Karl Lauterbach (62), dem Dauerredner der SPD. Zwei Männer, die sich im Meinungsaustausch nicht selten selbst überbieten. Doch was vermeintlich als politisches Wortgefecht gedacht war, verheddert sich in einem thematischen Zickzackkurs von Moderatorin Sandra Maischberger.
Trump, Putin, die AfD, Harvard, Merz, Steuern, Schulden, Arbeitsrecht, Gesundheitswesen, Koalition – es scheint, als wolle die Gastgeberin einmal den kompletten Koalitionsvertrag durchdeklinieren. In der Folge fehlt der Fokus – und die Schärfe.
Mehr Politik-News
Gregor Gysi und Karl Lauterbach: Zwei überraschend zaghafte Männer
„Gespräche sind immer besser, als nicht zu sprechen“, bemüht sich Gysi die Floskelmaschine anzuwerfen. Die Ukraine müsse unterstützt werden, aber: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Kriegspartei werden.“ Lauterbach hält dagegen: „Die Ukraine verteidigt auch unsere Rechte. Sie verteidigt die Menschenrechte.“ Es ist der deutlichste Gegensatz des Abends – und doch bleibt das Duell seltsam spannungsarm.
Lauterbach argumentiert in diesem monoton-sonoren Ton, der sofort ein Corona-Flashback verursacht, aber mit Präzision. Bemüht um politische Ausgeglichenheit. Dass er nicht „der Merz-Versteher“ sei, betont er gerne, um dann doch gewisse CDU-Positionen wirtschaftspolitisch zu übernehmen: „Wir haben das geringste Wirtschaftswachstum in Europa – daher muss Wirtschaftspolitik im Vordergrund stehen.“
Auch interessant
Gysis verpatzte Rede im Bundestag: Schuld sind fünf vergessene Tabletten
Gysi stellt die Systemfrage: „Warum Körperschaftssteuern jetzt senken?“ – und lobt dann wieder, dass die SPD überhaupt noch einen linken Flügel hat. Unterhaltsamer wird es, als Gysi von seiner verpatzten Rede, mit der er den neuen Bundestag als Alterspräsident eröffnen durfte, erzählt: „Ich hatte meine fünf Tabletten vergessen. Die sind wichtig wegen meiner Herzgeschichten.“
Dem dienstältesten Abgeordneten wird zu dieser Gelegenheit nämlich unbegrenzte Redezeit zugestanden, weswegen sich Gysi besonders auf den Tag gefreut hatte. Andere sicher auch, schließlich gilt er doch bei einigen als rhetorisches Ausnahmetalent. Doch weil zu Hause „die Kinder das Frühstück gemacht hatten“, vergaß er seine Tabletten. Mit ihnen wäre er „viel lebendiger“ gewesen, so die Selbstdiagnose des Politikers.
- Maybrit Illner: Talk-Meisterin: „Sie ist, wie Gottschalk gern wäre“
- Louis Klamroth: „Hart aber fair“ – Eiskalte Machtspiele hinter den Kulissen
- Anne Will: „Über die Sonntage hinweg ist sie versteinert“
- Sandra Maischberger: TV-Rivale Lanz muss sich in Acht nehmen
- Markus Lanz: Wie der Mann in seinem Ohr ihn zum Erfolg führte
- Kritik an ARD und ZDF: Bessere Talkshows braucht das Land
Koalition zwischen Links und SPD: Warum eigentlich nicht?
Lauterbach lächelt skeptisch: „Immer sind andere schuld. Jetzt sogar die eigenen Kinder.“ Und dann wird’s noch einmal kurz grundsätzlich. Könnte die SPD mit der Linken koalieren? „Das können wir alles erleben“, meint Gysi. Lauterbach nüchtern: „Ich würde mich freuen, wenn die Linke liberaler wird.“ Die Chemie zwischen beiden stimmt, doch die Dynamik bleibt aus. Die Talkrunde ist mehr Aufzählung als Aufregung, mehr Aneinanderreihung als Analyse.
Es bleiben zwei Politiker, die reden können – aber es an diesem Abend nur selten miteinander tun. Oder wie Gysi es in einem anderen Kontext formuliert: „Die Schritte mögen kürzer sein, aber sie müssen in die richtige Richtung gehen.“ Das gilt auch für politische Talkshows. Nur: Diesmal reichte es gerade mal für den Mittelweg.



![Friedrich Merz (CDU) und Bärbel Bas (SPD) im Juni im Bundeskanzleramt. Pressekonferenz [press conference] nach der ?bergabe des Berichts der Altersicherungskommission zur Rentenreform in Berlin](https://img.sparknews.funkemedien.de/413277497/413277497_1790592399_v16_9_1200.jpeg)



