Berlinale-Ehrenbär

Charlotte Rampling: „Ich muss nicht gemocht werden“

Am Donnerstag erhielt Charlotte Rampling einen Ehrenbären. Wir trafen die 73-jährige Britin wenige Stunden vorab zu einem Gespräch.

Einen Silbernen Bären hat sie schon. Am Donnerstag bekam Charlotte Rampling nun auch noch einen Goldenen Bären.

Einen Silbernen Bären hat sie schon. Am Donnerstag bekam Charlotte Rampling nun auch noch einen Goldenen Bären.

Foto: ABRIZIO BENSCH/REUTERS

Sie war schon Jurypräsidentin der Berlinale, 2006 war das. Und erst vor vier Jahren bekam sie einen Silbernen Bären für ihren Film „45 Years“. Am Donnerstag bekam Charlotte Rampling nun den Goldenen Ehrenbären. Und die 73-Jährige freute sich ganz ehrlich darüber – obwohl sie Preise fürs Lebenswerk eigentlich nicht ausstehen kann. Bei unserem Interview wenige Stunden zuvor waren wir etwas besorgt: Die Schauspielerin spielt immer so kalte und strenge Figuren. Stattdessen saß uns im Mandala Hotel eine sehr sympathische und heitere Dame gegenüber.

Berliner Morgenpost: Frau Rampling, auf der Berlinale saßen Sie schon in der Jury, bekamen einen Bären. Was bedeutet es Ihnen, wieder hier zu sein?

Charlotte Rampling: Sehr viel. Das ist ein Festival, mit dem ich mich wirklich identifiziere. Cannes oder andere Festivals, die haben alle ihre eigene Ausprägung. Aber die Berlinale ist das Festival, das mich wirklich anspricht.

Weshalb gerade Berlin?

Eins ist sicher, ich habe eine Beziehung zu Deutschland. Ich habe über die Jahre mit vielen deutschen Künstlern zusammengearbeitet. Darunter waren nicht so viele Filmregisseure, aber einige bedeutende Fotografen. Und die Berliner Filmemacherin Angelina Maccarone hat einen Dokumentarfilm über mich gedreht. Ich habe das Gefühl, hier geht etwas für mich voran. Es ist, als ob dich gewisse Orte rufen. Als ob die zu dir sprechen. Ich spreche kein Deutsch. Ich meine aber eine innere Sprache.

Und was bedeutet es Ihnen, den Goldenen Bären nun genau zu Dieter Kosslicks letzter Berlinale zu bekommen?

Eigentlich hat er mich schon für letztes Jahr eingeladen. Aber da konnte ich leider nicht, ich habe zu der Zeit gedreht. Ich musste ihm versprechen, dass ich diesmal komme. Und irgendwann verriet er mir dann, es ist sein letztes Mal. Ich finde das sehr schön, dass ich den Preis gerade jetzt bekomme, und fühle mich sehr geehrt. Denn ich habe eine starke Beziehung mit Dieter.

Was bedeuten Ihnen denn Preise? Und nun speziell ein Preis fürs Lebenswerk?

Festivals brauchen Stars, und die etwas älteren wie mich lockt man halt mit solchen Preisen. Preise fürs Lebenswerk mag ich gar nicht. Aber in dem Fall fühle mich sehr geehrt. Und mein Silberner Bär hat schon gefragt: Können wir nicht noch einen Goldenen haben? Jetzt kriegt er ihn, ich werde sie Schnauze an Schnauze stellen.

Zur Verleihung gibt es noch einmal „Der Nachtportier“ zu sehen, der 1974 ein wahrer Skandal war. Sie wurden damals persönlich dafür beschimpft. Wie haben Sie das ausgehalten?

Der Film war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Selbst für die 70er, als diese Filme zunahmen, die Tabus brachen und Türen öffneten. Ich machte ihn, weil ich mit Visconti „Die Verdammten“ gedreht hatte und dabei Dirk Bogarde kennenlernte. Und der kam mit diesem Film auf mich zu, ich konnte nicht Nein sagen. Wegen Dirk. Der Film war dann in jeder Hinsicht ein Sprungbrett für mich. Man hat ihn gehasst oder geliebt, aber alle haben ihn wahrgenommen. Ich war plötzlich die Perverse. Aber ich war ein Begriff.

Im Wettbewerb dieses Jahr ist auch François Ozon vertreten, mit dem Sie ab 2000 gedreht haben. Kann man sagen, dass er Sie fürs Kino ein zweites Mal entdeckt hat?

Ja, das sehe ich ganz genauso. Als ich mit ihm „Unter dem Sand“ drehte, war ich in meinen Fünfzigern. Und habe mich zu der Zeit gefragt, ob ich überhaupt weitermachen oder einfach Schluss machen soll. Da kam François und hat mir einen neuen Weg aufgetan. Du brauchst solche Schlüsselmomente im Leben, an die hängen sich andere Dinge dran. Das sind vielleicht nicht immer die erfolgreichsten Filme, aber sie prägen deine Karriere entscheidend. Und in gewisser Weise auch dich.

Was war denn Ihr alles entscheidender Schlüsselmoment?

Gleich der erste Film, „Georgie Girl“. Den kennen sie vielleicht nicht. Aber der war in England damals ein immenser Erfolg. Und so was beeinflusst alles. Und prägt dein Image. Ich habe da eine unerhörte Frau gespielt, die ganz unabhängig, ganz auf sich fixiert war. Alle sagten, was für eine schreckliche, grauenhafte Figur! Damals musste man nett sein im Film.

Also, nett waren Sie eigentlich nie in Ihren Rollen ...

Nein. Ich bin nicht da, um gemocht zu werden. Ich bin schon so, dass man mich mögen kann. Aber damals dachten alle, ich sei wirklich so, weil ich darin so überzeugend war. Das hat mir aber keine Angst gemacht. Sonst wär ich heute wohl nicht hier.

Würden Sie sich als mutig bezeichnen, dass Sie Ihren Weg trotzdem gegangen sind?

Mutig? Ich war einfach ehrlich. Und hatte keine Angst davor. Ich musste damit leben. Wenn die anderen nicht damit umgehen können, ist das ihre Sache. Aber so bin ich halt. Ich wollte nie von jemandem abhängig sein. Und das bin ich auch nie gewesen.

Wird das schwerer, sich so treu zu bleiben?

Im Gegenteil. Es wird immer leichter. Du wirst freier mit dem Alter. Vielleicht sind Sie noch nicht alt genug, um das zu wissen. Aber das ist eine sehr angenehme Erfahrung. Du weißt genau, was du willst. Du bist viel selbstsicherer.