Berlinale

Die Frau fürs Extreme: Charlotte Rampling erhält Ehrenbären

Sie gibt immer alles in ihren Rollen - Charlotte Rampling ist Kult. Nun erhält die Schauspielerin den Goldenen Ehrenbären.

 Eine facettenreiche Frau: Charlotte  Rampling, hier in „Unter dem Sand“ aus dem Jahr 2003, einer von gleich vier Filmen, die sie mit François Ozon gedreht hat.

Eine facettenreiche Frau: Charlotte Rampling, hier in „Unter dem Sand“ aus dem Jahr 2003, einer von gleich vier Filmen, die sie mit François Ozon gedreht hat.

Foto: Berlinale

Berlin. Es ist immer noch eine bittere Wahrheit, dass es Frauen über 40 im Film schwer haben. Das Kino scheint, der #MeToo-Bewegung zum Trotz, nach wie vor überwiegend ein Medium für Männer, die schöne Frauen sehen wollen. Aber da gibt es Charlotte Rampling. Als schillernden Gegenbeweis. Eine Schauspielerin, die anfangs durchaus als eine der vielen Schönen berühmt wurde, die aber früh einen anderen Weg einschlug.

Und später noch mal eine ganz andere Karriere hinlegte, ja überhaupt erst richtig durchzustarten schien, als sie schon in einem „gewissen Alter“ war. Dieses Jahr wird Charlotte Rampling auf der Berlinale der Goldene Ehrenbär für ihr Lebenswerk verliehen: am 14. Februar, neun Tage nach ihrem 73. Geburtstag, quasi als nachträgliches Birthday-Präsent.

Es ist dieser Blick, an dem man sie sofort erkennt. Diese strahlenden, blitzenden Augen, durch die man hindurch, direkt in ihre Seele zu blicken meint. Ein Blick, der freilich immer auch etwas Kaltes, Abweisendes hat, was den Betrachter schnell irritiert und verunsichert. Dazu diese leicht schiefen Lippen, als ob sich die Dame immer schon etwas verbeißen musste.

In den besten Rampling-Momenten sagt dieser Blick, sagt dieses Gesicht schon alles, ohne dass sie groß reden muss. Es ist ein Fest, ihr einfach nur beim Schauen zuzuschauen. Dirk Bogarde, ihr Filmpartner und Mentor, hat ihr denn auch früh einen Spitznamen gegeben, der noch heute zutrifft: „The Look“. Der Blick: das Markenzeichen dieser Ausnahmeschauspielerin.

Ein Skandal macht sie über nacht berühmt

„The Look“, so heißt auch ein Dokumentarfilm über sie, den die deutsche Filmemacherin Angelina Maccarone 2012 über sie machte und der in der Hommage-Filmreihe, die auf der Berlinale zum Ehrenbären dazu gehört, nicht fehlen darf. In dieser Doku macht sich der Star über ihren so berühmten Blick lustig. Weil sie meint, all das Geheimnisvolle, was man in diesen hinein rätsele, liege vielleicht einfach an ihren tiefen Schlupflidern. Die, wie sie süffisant anmerkt, nicht wenige Schönheitschirurgen ihr gern entfernen wollten. Was für sie nie infrage käme. Schlupflid hin oder her, die Marke muss schon geschützt werden. Die 72-Jährige steht zu ihrem Alter. Und zu ihren Falten. Auch die sind Arbeitsmaterial.

„Ich war sehr jung und völlig ahnungslos“. Auch das ist ein Satz, den sie dort sagt. „Ich hatte nie gedacht, mal Schauspielerin, Model oder irgendwas Derartiges zu werden.“ Sie habe das nicht angestrebt. „Aber sobald du es probiert hast und erfolgreich bist, ist es eine gefräßige Bestie.“ Ihr Vater, Godfrey Rampling, ein britischer Nato-Offizier, hatte sie, als er in Frankreich stationiert wurde, in Versailles auf die „Jeanne d’Arc Académie pour jeunes filles“ gesteckt. Ein erstickendes Internat, in dem die junge Tessa Charlotte Rampling, so ihr voller Name, ein Dreivierteljahr lang nicht ein einziges Wort sprach.

Danach schickte sie der Vater auf eine Schule für Sekretärinnen. Aber die Tochter hatte anderes im Sinn. Von einem Casting-Agenten auf der Straße angesprochen, begann sie zu modeln, machte Reklame für die Schokoladen-Marke Cadbury, und tingelte mit ihrer Schwester Sarah als Gesangsduo durch die Clubs.Sie wurde eine Stilikone der Swinging Sixties in London. Aber im „Independent“ erinnerte sie sich später: „Wir waren nicht besonders glücklich. Es war ein Albtraum, ständig die Regeln zu brechen. Jeder schien Spaß zu haben, aber alle haben so viel Drogen genommen, dass sie das gar nicht mitbekommen haben.“

Das alles fand ein jähes Ende, als sich Sarah 1966, mit nur 23 Jahren, das Leben nahm. Charlotte war damals gerade 20. Und über Nacht erwachsen. Der Colonel und seine verbleibende Tochter schworen sich, der Mutter nie die wahren Hintergründe des Todes zu verraten. Offiziell war Sarah an einer „Hirnblutung“ gestorben. Charlotte setzte danach eine Zäsur – eine erste, wie sich zeigen wird – brach alle Kontakte ab, suchte neuen Lebenssinn, erst in Afghanistan, dann in einem buddhistischen Kloster in Schottland.

Im britischen Kino, für das sie erste Filme gedreht hatte, sah sie ohnehin keine Rollen für sich. Nur „Püppchen, Mädchen, die Ränke schmieden, oder die Freundin des Helden.“ Also folgte sie einem Ruf von Luchino Visconti. Und spielte in seiner Nazi-Götterdämmerung „Die Verdammten“ neben Dirk Bogarde. In Italien drehte sie weitere Filme. Bogarde war es dann auch, der sie überredete, mit ihm „Der Nachtportier“ zu drehen. 1974 war das der Skandal-Film schlechthin: Ein SS-Offizier, der eine KZ-Insassin zu Sadomaso-Sex zwang und dem sie auch nach dem Krieg noch hörig ist. Seit über 40 Jahren kriegt man dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf: die Rampling mit Lack und Leder, Nazi-Mütze, sonst aber nackt und, auf Deutsch, „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ singend.

Der Film löste hitzige Debatten aus, in Italien durfte er gar nicht erst starten. Und Rampling wurde auch persönlich zur Rechenschaft gezogen, nicht als Schauspielerin, sondern als Frau. Trotz oder wohl eher wegen dieses Skandals wurde sie international bekannt. Dabei war sie eben nicht die hilflos der Gewalt ausgesetzte Frau. Im Gegenteil, sie hatte den Spieß umgedreht. Das hat sich sogar im Sprachgebrauch niedergeschlagen: „to rample“ meint im Englischen, wenn eine Frau einen Mann mittels ihres frostigen Sex-Appeals willenlos macht. Nackt war Charlotte Rampling immer wieder zu sehen. Schutzlos war sie nie. Im Gegenteil: Sie gebrauchte den Sex als Mittel, als Waffe. Das unterschied sie schon früh von vielen ihrer Kolleginnen.

Wer einen Film mit Charlotte Rampling schaut, der kauft kein Popcorn. Der erwartet keine Unterhaltung. Oft spielt sie böse, kalte, herzlose Figuren, lässt sie auch in Kurzauftritten Eiseskälte aufblitzen, die keiner sonst in so kurzer Zeit auf den Gefrierpunkt treiben kann. Unterhalten, das bestätigt sie, möchte sie nicht. Als Mary Poppins möchte sie nicht in Erinnerung bleiben. Sie sucht sich stattdessen Rollen aus, in denen sie über ihre Grenzen gehen kann. Es gibt kein Tabu, dem sie sich nicht mutig und entschlossen entgegenstellt. Dabei wird ihr in ihren Filmen oft schwer zugesetzt.

In „Die Verdammten“ endet sie im KZ, in „The Verdict“ schlägt Paul Newman sie zu Boden, in „Angel Heart“ schneidet ihr Mickey Rourke das Herz aus dem Leib. Und in „Max mon amour“ verliebt sie sich in einen Schimpansen. Es ist wohl der schrägste Film, den sie je gedreht hat, aber sie wollte ihn unbedingt machen, weil sie das Drehbuch vollkommen fand. Darauf angesprochen, ob das nicht seltsam war , mit einem Affen zu spielen, antwortete sie lapidar: „Nein, es war im Grunde genauso, wie wenn ich neben Paul Newman spiele. Die Emotionen waren die gleichen. Der Schimpanse reagierte nur anders.“

Woody Allen, der mit Charlotte Rampling „Stardust Memories“drehte, meinte später, er habe sie deshalb für die Rolle haben wollen, weil man bei ihr „die Neurose“ hätte riechen können. Eine Frühdiagnose, die sich Jahre später bewahrheiten sollte. Ende der 80er-Jahre, als sie von den Eskapaden ihres zweiten Ehemanns, des Elektro-Musikers Jean-Michel Jarre, aus den Zeitungen erfahren musste, trennte sie sich von ihm. Verfiel in Depressionen. Drehte eine Zeit lang kaum noch Filme. Und machte sich rar.

Dann aber meldete sie sich im neuen Jahrtausend zurück. Mit dem damals noch kaum bekannten Regisseur François Ozon drehte die Schauspielerin im Jahr 2000 „Unter dem Sand“. Das Drama einer Frau, deren Mann beim Baden ertrinkt – und die danach so tut, als sei nichts passiert. Ihre Figur verliert sich in diesem Film, für Charlotte Rampling aber bedeutete das das Ende ihrer schweren Zeit. Sie häutete sich ein zweites Mal. Nun schon im gereiften Alter. Sie nahm ein Lieder-Album („comme une femme“) auf, startete eine Theaterkarriere.

Mit Ozon drehte sie 2003gleich noch einen Film, „Swimming Pool“, wo sie, eine ältere Frau, einem jungen Mädchen begegnet, das vielleicht gar nicht wirklich existiert, in dem sie sich aber selbst wiedererkennt. Das ist vielleicht auch ein bisschen die Geschichte der Rampling selbst. Wie persönlich sie den Stoff nahm, zeigte sich auch daran, dass sie ihre Figurenrolle umbenannte in Sarah – dem Namen ihrer verstorbenen Schwester. So lange hatte sie sie nicht mehr bei sich geduldet, nun wollte sie sie in ihr Leben zurück holen.

Hier, in ihren Altersrollen, ist die Rampling, die in Paris und Chelsea wohnt, vielleicht am stärksten, am prägendsten. Sie ist die Frau für Extreme, für Ausnahmezustände. Wo ein einzelner Riss ein Leben umwandelt. Wie „45 Years“, wo sie sich nach genauso vielen Ehejahren von ihrem Gatten entfremdet. Ein Film, für den sie vor vier Jahren einen Silbernen Bären gewann. Oder „Hannah“, für den sie vor zwei Jahren in Venedig die Coppa Volpi bekam.

In der Berlinale-Hommage kann sich der Fan noch mal durch ihre wichtigsten Filme schauen, die hier alle schon genannt wurden. Den schönsten Einblick in das Phänomen Rampling gewinnt man freilich in „The Look“. Kein üblicher Dokumentarfilm, in dem die Vita eines Stars chronologisch abgerissen wird. Rampling wird vielmehr mit Bekannten wie Paul Auster oder Juergen Teller konfrontiert, mit denen sie über ein spezielles Thema spricht, über das Altern etwa oder Tabus.

Die spannendste Begegnung ist die mit Peter Lindbergh, dem Fotografen, der sie einmal ohne jede Schminke fotografierte, was großes Aufsehen erregte. Im Film fordert er sie noch mal zu einem Shooting auf, bei dem sie freilich den Spieß herumdreht und nun selbst den Fotografen ablichtet, der auf dieser Seite der Kamera ziemlich verloren agiert.

Das Schauspielen muss einfach passieren

Dabei philosophiert Charlotte Rampling übers Posieren und das Schauspiel und gibt ganz viel von sich und ihrer Arbeit preis. „Das Schauspielen muss etwas sein, das einfach so passiert, wie von Zauberhand, ganz von selbst“, sagt sie da. „Das versuche ich immer zu erreichen vor der Kamera, dass es einfach geschieht.“ Es ist eine klare Absage an all die Method-Actors, die ganz hinter ihrer Rolle verschwimmen wollen.

Hinter der Figur gebe es immer nur einen selbst. Es gilt, die eigene Person mit dieser Rolle zu verschmelzen. „Es passiert einfach so“: Grandioser kann man seine Kunst nicht herunterspielen. Denn zugleich posiert sie ja für Lindbergh, gibt auf Knopfdruck mühelos die verschiedensten Gesichtsausdrücke. Eine Frau voller Facetten.

Auf der Berlinale ist Charlotte Rampling eine gute Bekannte. Hier war sie mehrfach mit Filmen vertreten. Hier war sie 2006 Jurypräsidentin. Und wenn sie nun der diesjährigen Jurypräsidentin Juliette Binoche begegnet, stehen die beiden einzigen Schauspielerinnen nebeneinander, die für ihr Spiel zweimal einen Europäischen Filmpreis gewonnen haben. In diesem Jahr nun holt sie Gold für ihr Lebenswerk. Das aber ist längst noch nicht beendet.

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