Sein letztes Festival

Dieter Kosslick: „Die Berlinale, der schönste Job der Welt“

Dieter Kosslick gibt letzte Details für die Berlinale unter seiner Leitung bekannt. Und spricht dabei auch schon erste Abschiedsworte.

Dieter Kosslick geht in seine letzte Berlinale

Dieter Kosslick geht in seine letzte Berlinale

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin. Ganz am Ende wird er sentimental. Da dankt Dieter Kosslick schon mal für die 18 Jahre, die man ihn als Festivalleiter begleitet hat. Die 69. Berlinale (7.–17. Februar) wird seine letzte sein. Aber sie startet ja erst in acht Tagen. Am gestrigen Dienstag war erst die Pressekonferenz, der rituelle Startschuss für die Festspiele. Aber schon da fallen wehmütige Worte, als sei man bereits bei der Abschlussveranstaltung.

Das gibt wohl schon den Ton für das kommende Festival vor: Das wird kein „Business as usual“, es wird immer wieder zu rühr- oder gar tränenseligen Momenten kommen. Denn nicht nur Kosslick geht, auch die Spitzen anderer Festivalsektionen sind im Wechsel. Das wird ein echter Umbruch, wenn im nächsten Jahr die neuen Leiter Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek übernehmen.

Im Wettbewerb sind so viele Frauen wie noch nie

Eine Frage, die viele umtreibt, ist die, ob es so was wie eine Staffelübergabe geben wird. Ja, bestätigt der 7o-Jährige, er werde einmal mit seinen Nachfolgern auf dem roten Teppich stehen. „Ich komme doch aus Köln“, schmunzelt er in gewohnter Manier: „Da wird der Schlüssel übergeben an Karneval.“ Und dabei solle man sehen, dass das „in Freundschaft“ geschieht. Ein Satz, der freilich gleich wieder Spekulationen nährt: Geschieht das wirklich in Freundschaft oder soll es nur so aussehen? Aber das sind Dinge, die nicht hierher gehören. Jetzt heißt es, Kosslicks letzte Berlinale über die Bühne zu bringen.

Eigentlich ist ja alles längst bekannt: Dass Juliette Binoche Jurypräsidentin ist. Dass Charlotte Rampling den Ehrenbären kriegt. Dass Fatih Akin, der mit „Gegen die Wand“ den letzten Goldenen Bären für einen deutschen Film holte, nun mit „Der goldene Handschuh“ zurückkehrt. Dass die für acht Oscars nominierte Politsatire „Vice“ mit Christian Bale gezeigt wird. Dass Heinrich Breloer seinen „Brecht“-Zweiteiler mit Tom Schilling als jungem und Burkhart Klaußner als altem Brecht zeigt. Und dass „Die Toten Hosen“ kommen.

Eine der wenigen wirklichen Neuigkeiten ist, wer denn neben Juliette Binoche in der Jury sitzen wird: die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller, die gleich mit ihrem ersten Film „Requiem“ 2006 einen Silbernen Bären gewann und vergangenes Jahr im Wettbewerb mit „In den Gängen“ glänzte. Regisseur Sebastián Lelio, der hier mit „Gloria“ 2013 seinen Durchbruch feierte und 2017 einen Silbernen Bären für „Eine fantastische Frau“ bekam. Über die Bären entscheiden außerdem der US-Filmkritiker Justin Chang, der Filmkurator des New Yorker Moma, Rajendra Roy, und die britische Filmproduzentin Trudie Styler. Auch an Stars herrscht kein Mangel (siehe Infokasten) – zumindest wenn alle angekündigten Gäste denn auch wirklich den Weg nach Berlin finden.

Gezeigt werden dieses Jahr exakt 400 Filme (15 mehr als im Vorjahr), die aus sage und schreibe 7861 Einreichungen ausgewählt wurden. 400 Filme in zehn Tagen (am elften, dem Publikumstag, werden nur Wiederholungen gezeigt), das macht genau 40 Filme pro Tag. Das deutsche Kino macht dabei mit 109 Produktionen mehr als ein Viertel aus.

Auch das Geschlechterverhältnis kann sich sehen lassen. Von den 17 Filmen, die im Wettbewerb laufen, stammen sieben von Frauen, darunter auch der Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ von Lone Scherfig: Ein Anteil von 41 Prozent. In den Vorjahren machte der Anteil der Frauen im Wettbewerb oft ein Fünftel aus – deutlich mehr als bei den großen Konkurrenten in Cannes und Venedig. Über zwei Fünftel aber ist ein neuer Rekord. Den Kosslick aber eher herunterspielt: „Das ist eine gute Quote. Das kann sich sehen lassen. Aber es ist noch nicht genug.“ Dafür ist die Retrospektive „Selbstbestimmt. Per­spektiven von Filmemacherinnen“ gleich gänzlich Regisseurinnen aus Ost und West von 1968 bis 1999 gewidmet.

Ein Stein des Anstoßes der Berlinale ist die Tatsache, dass Kosslick mit „Elisa & Marcela“ nun doch einen Netflix-Film im Wettbewerb zeigt. Cannes hat zuletzt keine Produktion des Streamingdienstes zugelassen, Venedig dagegen gleich eine ganze Fülle, und einer, „Roma“, gewann sogar den Hauptpreis. Kosslick stellt aber fest, er verstehe ein Filmfestival als Festival „für Filme, die ins Kino kommen sollen. Dafür setzen wir uns ein.“ „Elisa & Marcela“ werde sowohl in Spanien als auch in Deutschland eine Kinoauswertung erfahren. Andernfalls hätte er den Film in einer anderen Sektion gezeigt.

„Aber das ist“, gibt er zu, „eine „Diskussion, die geführt werden muss. Die aber erst beginnt.“ Dass die Plattformen langfristig das Ende vom Kino und damit auch von Filmfestivals bedeuten könnten, glaubt er indes nicht: „Ich bin überzeugt, dass das Kino weiter existieren wird, Stream hin oder her.“ Festivals werden aus seiner Sicht eher noch bedeutender: Weil man dort Filme zeigt, die man sonst womöglich gar nicht mehr sehen kann.

Dass die Berlinale ein Publikumsfestival ist, ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Festivals, wird Kosslick nicht müde zu betonen. Auch wenn die Berliner Berlinale-Fans in diesem Jahr in eine saure Zitrone beißen müssen. Die Ticketpreise erhöhen sich von zwölf auf 13 Euro. Das ist ein Punkt, über den der Festivalchef nicht so gern spricht. Es sei ein „behutsamer Anstieg“, rechtfertigt er sich, die Tickets seien immer noch billiger als auf anderen Festivals. Und man habe sich zu der Preiserhöhung „nicht leichten Herzens“ entschlossen. „Aber es bleibt einem nicht viel übrig, wenn man weniger Geld hat als vorher.“

Es sind dies die einzigen kritischen Worte an diesem Vormittag. Ein Zeichen, dass Kosslick nicht mit allem glücklich ist, was zuletzt beschlossen wurde. Vielleicht auch nicht mit seiner Chefin, der Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU), die im Streit über den offenen Brief an ihn im Sommer 2017 nicht eben loyal hinter ihm gestanden hat. Aber von solchen Misstönen will der 70-Jährige jetzt nichts wissen. Vielleicht steht er längst über diesen Dingen, nun, da er sein letztes Festival vorgestellt hat. Die Berlinale zu leiten, so hat es Kosslick trotzig in sein Katalog-Grußwort geschrieben, sei „der schönste Job der Welt“. Auf der Pressekonferenz schränkt er ein: „bis auf kleine Höckerchen“.