„Ja, ist denn schon Berlinale?“ Die Herrschaften kommen von weit her. Aus Linz. Aber die Berliner Filmfestspiele scheinen sie zu kennen. Und auch deren Chef Dieter Kosslick. Wenn der mit rotem Schal vor dem Zoo Palast steht, kann das für Touristen nur bedeuten: Das Festival hat begonnen. So weit ist es aber noch nicht. Die 69. Berlinale beginnt am 7. Februar. Es ist die letzte, die Kosslick noch verantwortet. Damit geht, nach 18 Jahren, eine Ära zu Ende. Weshalb wir uns entschieden haben, statt des schon rituellen jährlichen Interviews zum jeweiligen Programm einen Spaziergang zu machen. Um über den langen Weg zu sprechen, den Kosslick mit dem Festival zurück gelegt hat.
Am Abend davor haben die Festivalorganisatoren gerade das Wettbewerbsprogramm abgeschlossen. Und das auch gefeiert. Was sich leider gerächt hat. Im Essen war etwas verdorben. Manch Beteiligter liegt jetzt im Bett, auch Dieter Kosslick gibt zu, beim Aufstehen sei ihm nicht wohl gewesen. Abgesagt hat er nicht. Der gebürtige Schwabe ist zäh. Bei Wind und Wetter, Schnee und Eis steht der 70-Jährige unerschütterlich vor den Kinos, um seine Gäste zu begrüßen. Heute also auch vor dem Zoo Palast, wo wir uns treffen.
Warum aber hier? Warum nicht am Potsdamer Platz, dem Zentrum des Festivals? Wo Kosslick ja auch sein Büro hat (auch wenn das für die letzten Monate noch von der Potsdamer Straße an den Potsdamer Platz verlegt werden musste)? Ist das ein Signal, dass die Berlinale sich zurück in den alten Westen sehnt? Nein, da schüttelt er energisch den Kopf: „Ein Zurück des Festivalzentrums in den Westen macht keinen Sinn.“ Der Potsdamer Platz sei strategisch ideal: „Aber man wird sehen müssen, wie es mit dem Platz weitergeht. Und zwar gleich nach dieser Berlinale.“ Der Mietvertrag laufe noch drei Jahre, die seien schnell vorbei. Damit werden sich seine Nachfolger wohl mit als Erstes beschäftigen müssen.
Seine 18. Berlinale im Februar wird seine letzte sein
Wir gehen vom Zoo Palast erst mal in die C/O Galerie, auf einen Espresso. Der sei da wirklich gut. Und Kosslick muss es wissen: Er ist hier Kuratoriumsvorsitzender. Seine Spazierroute hat er so ausgewählt, um an das einstige Kinosterben der Stadt zu erinnern. Viele Traditionshäuser sind längst weg. Das Marmorhaus, das Gloria, das alte Astor oder die Filmbühne Wien am Kurfürstendamm. Aber „ohne Kinos kein Kino!“, so sein Statement, das sich auch gegen all die Streamingdienste von heute richtet. Handydisplays können keine Leinwände ersetzen. Deshalb auch der Treff am Zoo Palast: „der Gulliver, der damals von Kleinkrämern gefesselt am Boden lag und sich dann wieder erholt hat“.
Die Route ist freilich auch ein Rückblick in die ganz frühen Jahre, als Dieter Kosslick die ersten Male in Berlin war. Beim Landschulheimaufenthalt führte auch der Weg der Pennäler aus Pforzheim, wie heute bei den Linzern, erst mal an den Ku’damm. Als Student aus München hat sich Kosslick dann 1968 das Amerikahaus angeschaut, wo heute die C/O Galerie ihren Sitz hat. Um zu sehen, was die Steinewerfer nach den Krawallen von den Glasfassaden übrig gelassen haben.

Aber vor allem soll es beim Spazieren natürlich um den ganz persönlichen Rückblick Kosslicks auf seine 18 Jahre als Festivalchef gehen. Wie fühlt sich das an, die letzte Berlinale zu organisieren? „Durchmischt“, gibt Kosslick zu und kippt seinen Espresso in einem Schluck. Es sei ja nicht nur ein Abschied von der Berlinale, sondern nach 35 Jahren vom Film, in unterschiedlichsten Funktionen. „Die Gefühle“, gesteht er, „gehen hin und her.“ Immer wenn er denkt, er hat sich an den Fakt gewöhnt, geben Leute ihr Bedauern kund, dass er aufhört. Oder, Kosslick zückt einen Zettel: Am Vortag wurde auch anderswo gefeiert, im Chez Panisse in Berkeley, seinem Lieblingsrestaurant, wo so mancher US-Film und mancher Juror für die Berlinale gewonnen wurde. Da haben sie ein Menu „in honor of Dieter Kosslick“ zubereitet, natürlich Slow Food. Und ihm die Speisekarte zugefaxt. Die zeigt er nicht ohne Stolz: Es gab etwa einen „Insalata Isabella Rossellini“, „Pesce Meryl Streep“ (gegrillter Barsch) oder Torta Tilda Swinton“ (Schokohaselnusskuchen). In solchen Momenten muss er doch schlucken.
Er gibt zu, als er am Vortag das Wettbewerbsprogramm abgeschlossen hat, sei ihm „eine Riesenlast von der Schulter gefallen“. Man stehe bei einer so großen Veranstaltung „doch mächtig unter Druck als ,Zampano’“, und dieser Druck „ist mit den Jahren immer stärker geworden.“ Jetzt geht es ihm irgendwie besser: „Meine Psyche balanciert sich langsam wieder. Und wir wissen ja, der Schmerz lässt nach.“

Von C/O laufen wir zur Astor Film Lounge, noch ein Kino, das schön saniert wurde. „Hier kommen wir an einen Punkt in der Stadt, wo ich wirklich etwas verändert habe“, sagt Kosslick. Und lehnt sich feixend an einen Parkautomaten. Der stand früher, als die Filmlounge noch Filmpalast hieß und bei der Berlinale Austragungsort der Retrospektive war, vor dem Kino. Der rote Teppich endete direkt davor, man konnte keinen Ehrengast mit der Limousine vorfahren, die Tür wäre dagegen gestoßen. Ohnehin galt Parkverbot. Bis er sich bei einem Bezirksstadtrat beklagte. Und weil der Berlinale-Fan war, stand der Automat zwei Tage später fünf Meter weiter weg. „Das ist der Beweis“, grinst Kosslick, „dass man in dieser Stadt wirklich was bewegen kann.“ Und, nach einer sinnigen Pause: „Wenn man will.“
Wir schlendern jetzt den Ku’damm entlang. Kosslick muss uns verraten, was denn seine Highlights in den 18 Jahren waren, aber auch, was ihm seine schlimmsten Stunden bereitet hat. Da kommt er regelrecht ins Schwärmen: Meryl Streep als Jurypräsidentin. Die Rolling Stones auf der Berlinale, überhaupt all die Musiker beim Festival. Cate Blanchett im Eröffnungsfilm auf seiner allerersten Berlinale, 2002. Der restaurierte Stummfilmklassiker „Metropolis“, auch open Air am eiskalten Brandenburger Tor. Der Goldene Bär an Fatih Akins „Gegen die Wand“. Es sei „bewusste Filmpolitik“ gewesen, den deutschen Film international zu präsentieren. Aber da gab es auch diesen ganz persönlichen Moment für Kosslick: die Eröffnung des Kinderfilmfests 2005: „Mit meinem eigenen Kind auf dem Arm, der in dem Moment aufgewacht ist, als ich auf der Bühne stand. Mit einer Wollmütze mit roten Bären, die eine Fan-Oma gestrickt hat.“ In den nächsten Tagen wird Fridolin Kosslick 14 Jahre alt, auch daran kann man ermessen, wieviel Zeit vergangen ist.

Natürlich habe es auch „Desaster“ gegeben, räumt Kosslick ein. Dass immer mal wieder Stars abgesagt haben. Dass er, unvergessen, beim Eröffnungsfilm „Unterwegs nach Cold Mountain“ 2004 ganz allein auf dem Roten Teppich stand, weil alle Stars kurzfristig abgesagt hatten. „Das“, gibt er zu, „möchte man nicht erleben“. Es gab auch Film-Desaster wie „Bordertown“, für den er von der Kritik regelrecht geschlachtet wurde.
Aber ob Höhe- oder Tiefpunkte, am meisten zählt für Kosslick, dass er das Festival ausgebaut und komplett umstrukturiert hat. Dass er alle Künste mit eingebunden, das Festival auch in die Kieze gebracht und mit der Sektion „Talents“ den Nachwuchs gebunden hat, der heute auch schon Filme hier zeigt. Dass der Europäische Filmmarkt beim Umzug in den Martin Gropius Bau zu einem der drei großen Player erweitert wurde. Das alles sind Verdienste, die auch seine Kritiker Kosslick zugestehen müssen. Man müsste auch seinen Unterhaltungswert hinzuzählen, wie er Leute begeistern und das Festival als „Mr. Berlinale“ repräsentieren kann. Das wird man in den kommenden Jahren vielleicht noch schmerzlich vermissen.

Ist er eigentlich noch sauer über den Offenen Brief, der im Sommer 2017 an die Kulturstaatssekretärin Monika Grütters geschickt wurde und in dem Filmschaffende sich um die Zukunft der Berlinale sorgten, was viele als Frontalangriff auf Kosslick verstehen wollten? „Nein“, sagt er knapp. Man mag ihm das kaum glauben, es hat ihn doch schwer getroffen. „Ich bereue eigentlich nur, dass ich mich so aufgeregt habe“, bügelt er ab. „Heute sage ich: Was sind 50 Unterschriften von zum Teil filmfremden Menschen gegen 350.000 Menschen, die sich Tickets für die Berlinale kaufen?“
Wird er dem Festival künftig noch zur Verfügung stehen, etwa als Berater? Nein, das lehnt er kategorisch ab. „Das ist jetzt ein ,glatter Schnitt’, wie man so sagt.“ Das solle nicht heißen, dass er nicht mehr in Sachen Film unterwegs sein wolle. „Aber ich denke nicht, dass ich noch eine Funktion bei der Berlinale ausüben werde.“ Am 30. Mai feiert er seinen 71. Geburtstag, am 31. Mai räumt er sein Büro. An diesem Tag läuft sein Vertrag aus. „Das war’s dann.“
Dann übernehmen seine Nachfolger, Carlo Chatrian als Programmleiter und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin. Auch in vielen Nebensektionen gibt es personelle Veränderungen. Das ist eine echte Zäsur. Und dann steht 2020 gleich ein großes Jubiläum an: die 70. Berlinale. Wenn man so ein Festival übernimmt, holt man sich da eigentlich Rat vom Vorgänger? Wenn man ihn fragen würde, würde er schon antworten, sagt Kosslick. Spezifische Tipps seien aber bislang nicht erfragt worden. „Als ich damals antrat, war das mit spezifischen Tipps aber auch nicht so weit her.“ Eine klare Spitze gegen seinen Vorgänger Moritz de Hadeln, der 2001 nach 23 Jahren geschasst wurde.
Was er in Zukunft machen will, lässt Kosslick noch offen
Kosslick war damals Geschäftsführer der Filmstiftung Nordrehin-Westfalen, dem größten deutschen Filmfördertopf. Die Berlinale kannte er schon gut, 1983 hat er sie erstmals besucht, 1985 dort seinen ersten geförderten Film vorgestellt, Detlev Bucks „Erst die Arbeit und dann?“ Aber das Festival übernehmen? Er hatte einen Spitzenjob, mit dem er prima hätte alt werden können. Man hat den damals 53-Jährigen dennoch überredet. Und wo er schon nicht de Hadeln um Rat fragen konnte, hat er zumindest Beki Probst gefragt, die langjährige, sturmerprobte Chefin vom Filmmarkt: „Beki, kann ich das überhaupt? Berlinale-Direktor?“ Die sagte: „Eigentlich kann das jeder.“ Kosslick fand den Satz schön, weil er ihm die Schwellenangst nahm. Nach 18 Jahren würde er das aber nicht mehr so sagen: „Es kann vielleicht jeder, aber es sollte nicht jeder.“

Wir haben eine gehörige Strecke zurückgelegt, vorbei am Autohaus Audi, wo der neue E-Tron im Schaufenster steht, mit dem auf der Berlinale auch die Stars vorfahren werden, erstmals ohne Benzinabgase. Wir sind bis zum Adenauerplatz gelaufen, wo mancher Passant den Mann mit Hut und rotem Schal erkannt und neugierig geguckt hat. Wo er auch immer wieder von Bekannten angesprochen wird, die zufällig vorbeilaufen, Bernd Schultz etwa, dem Chef der Villa Grisebach. Kosslick kommt nicht weit in der Stadt, ohne Hände zu schütteln.
Eine Frage haben wir noch, passend zu seinem ersten Film auf der Berlinale: Erst die Arbeit und dann? Was wird Kosslick in Zukunft machen? Da gibt er sich bedeckt: „Man sollte erst mal ein Päuschen machen.“ Er würde gern seinen Wasserfarbenkasten reaktivieren oder seinen kleinen Garten auf Vordermann bringen. Er könnte sich auch vorstellen, noch mal zu studieren, Kulturwissenschaften oder Anthropologie. „Alles das, was ich auf der Berlinale schon audiovisuell gemacht habe.“ Im Vorjahr hat er zudem eine Autobiographie angekündigt. Und angedeutet, es gebe noch andere Festivals, die Rat suchen könnten. Aber konkrete Pläne gibt es nicht. Kosslick will jetzt erst mal seine letzte Berlinale bestreiten. Und allen noch mal zeigen, was in ihm steckt.
Plötzlich steht Kosslicks Frau, die Fernsehproduzentin Wilma Harzenetter, vor uns. „Seid ihr schon fertig?“, fragt sie. Sie wollen nämlich noch bummeln gehen. Auch das ist etwas, wofür man nach der Berlinale wohl mehr Zeit haben wird. Man muss sich um Dieter Kosslick also keine Sorgen machen: „Für die Zukunft wird mir, um mit Kanzlerin Merkel zu sprechen, schon noch was einfallen.“






