Sollte ein mexikanischer Film über eine einfache Haushälterin, noch dazu in Schwarzweiß gedreht, bei den Oscars abräumen? Ein Film obendrein, der eine Netflix-Produktion ist und in den Kinos nur gerade so ausgewertet wurde, um den Mindestvoraussetzungen zu genügen? Die Chancen stehen nicht schlecht. Bei den Oscar-Nominierungen , die die Oscar-Akademie gestern Morgen (Ortszeit) in Los Angeles bekannt gab, wurde Alfonso Cuárons „Roma“ gleich zehn Mal genannt.

Auf so viele Nominierungen kommt sonst nur noch ein anderer Film, das Historiendrama „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ von – auch das ein Novum – einem Griechen, Yorgos Lanthimos. „The Favourite“ wurde indes gleich zwei Mal für die Nebendarstellerin gelistet, kann aber höchstens einmal siegen. Während „Roma“ in zehn verschiedenen Kategorien antritt und damit eine Chance mehr hat. „Roma“ ist sogar sowohl für den Besten Film als auch für den besten nicht-englischsprachigen Film nominiert.

So breit und divers waren die Oscars noch nie aufgestellt

Es könnte nach seinem Oscar-Triumph mit „Gravity“ 2013 (sieben Trophäen) der nächste große Abend für Alfonso Cuáron werden, der allein vier Mal selbst nominiert ist (als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann). Bei Netflix dürften gestern schon mal die Korken geknallt haben. Während ein Oscar in der Hauptkategorie für einen Streamingdienst wie Netflix, der dem klassischen Kino Konkurrenz macht, für manchen eine Zäsur darstellen würde. Oder der Anfang vom Ende der großen Leinwand.

Ebenfalls zehnmal nominiert: das Historiendrama „The Favourite“ von Yorgos Lanthimos
Ebenfalls zehnmal nominiert: das Historiendrama „The Favourite“ von Yorgos Lanthimos © dpa | -

So oder so dürfte es ein spannender Abend werden, wenn am 24. Februar der wichtigste aller Filmpreise in Hollywood verliehen wird. Noch nie waren so viele Filme nominiert, die von starken Frauen handelten – hier haben sich die #MeToo- und die Time’s Up-Bewegungen in Hollywood schon positiv niedergeschlagen. Einziger Wermutstropfen: Wieder einmal ist keine einzige Regisseurin nominiert.

Dafür gehen gleich vier Filme mit dezidiert afro-amerikanischen Themen ins Rennen: die Rassistensatire „BlacKkKlansman“ (sechs Nominierungen), die Geschichte einer Freundschaft zwischen Schwarz und Weiß, „Green Book“ (fünf Nominierungen), der Actionfilm „Black Panther“ (sieben Nominierungen) – der erste Superheldenfilm überhaupt, der je für einen Besten Film nominiert wurde – und das Justizdrama „Beale Street“ (drei Nominierungen). Auch das dürfte das Ergebnis der erhitzten OscarSoWhite-Debatte vor drei Jahren sein. Auf den damaligen Vorwurf, die Oscar-Academy übergehe farbige Filmemacher, konterte diese mit einer großen Aufnahmeaktion neuer, jüngerer stimmberechtigter Mitglieder, darunter eben auch viele Afro-Amerikaner, Frauen – und mehr Ausländer.

Spike Lees Rassistensatire „BlacKkKlansman“ ist sechs Mal nominiert
Spike Lees Rassistensatire „BlacKkKlansman“ ist sechs Mal nominiert © dpa | David Lee

Resultat: So divers wie in diesem Jahr waren die Oscars wohl noch nie aufgestellt. Ein Drama wie „Cold War“ von dem polnischen Regisseur Pawel Pawlikowski ist nicht mehr nur in der klassischen Kategorie bester nicht-englisch-sprachiger Film vertreten, sondern auch für Regie und Kamera. Und auch der Deutsche Florian Henckel von Donnersmarck geht nicht nur ins Rennen um den Auslands-Oscar wie vor zwölf Jahren mit „Das Leben der anderen“, sein Künstlerdrama „Werk ohne Autor“ ist ebenfalls für die Kameraarbeit nominiert.

Die größte Aufmerksamkeit werden aber wohl die vielen Chancen für Netflix erlangen, zu denen neben „Roma“ auch noch drei Nominierungen für „The Ballad of Buster Scruggs“ von den Coen-Brüdern kommen. Das sei der Anfang vom Ende vom Kino, wie wir es kennen, unken die einen. Die anderen sehen darin aber eine Chance: Martin Scorsese etwa hat lange nach Geldgebern für sein Herzensprojekt „Silence“ gesucht, stieß bei den großen Studios aber auf Granit. Bis Netflix ihm jede künstlerische Freiheit zugestand. Die Konkurrenz durch die Streamingdienste könnte möglicherweise zu einem Umdenken bei den großen Filmstudios führen. Vielleicht werden die in Zukunft wieder mehr wagen und nicht mehr nur noch Comic-Spektakel finanzieren.

Gleich zwei Mal aufgestellt: Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ mit Tom Schilling
Gleich zwei Mal aufgestellt: Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ mit Tom Schilling © dpa | -

Deutschland kann sich übrigens auch noch bei zwei Koproduktionen Hoffnungen machen: „Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats“ von dem in Berlin lebenden syrischen Regisseur Talal Derki ist für den besten Dokumentarfilm nominiert, und Wes Andersons auch mit deutschen Mitteln finanzierter „Isle of Dogs – Ataris Reise“ ist in den Kategorien Animationsfilm und Filmmusik aufgestellt.

Florian Henckel von Donnersmarck dürfte sich freuen. Nachdem sich Gerhard Richter, dessen Vita als Vorlage für sein Künstlerdrama „Werk ohne Autor“ diente, gerade noch einmal scharf von dem Film distanziert hat, kommen die Nominierungen nun genau zur rechten Zeit. „Werk ohne Autor“ ist zwar kürzlich bei den Golden Globes nicht mal in die Endrunde gekommen, aber auch „Das Leben der anderen“ war seinerzeit globe-mäßig leer ausgegangen – und hat dann doch beim Oscar triumphiert. Es war der letzte Film, der einen Auslands-Oscar nach Deutschland holte.

Die Oscar-Nominierungen in den wichtigsten Sparten:

BESTER FILM: - „A Star Is Born“ - „BlacKkKlansman“- „Black Panther“- „Bohemian Rhapsody“ - „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ - „Green Book - Eine besondere Freundschaft“- „Roma“- „Vice: Der zweite Mann“

BESTE REGIE: - Alfonso Cuarón („Roma“) - Spike Lee („BlacKkKlansman“)- Adam McKay („Vice“)- Pawel Pawlikowski („Cold War“)- Yorgos Lanthimos („The Favourite – Intrigen und Irrsinn“)

BESTE HAUPTDARSTELLERIN: - Glenn Close („Die Frau des Nobelpreisträgers“)- Lady Gaga („A Star Is Born“)- Melissa McCarthy („Can You Ever Forgive Me?“)- Olivia Colman („The Favourite – Intrigen und Irrsinn“)- Yalitza Aparicio („Roma“)

BESTER HAUPTDARSTELLER: - Christian Bale („Vice: Der zweite Mann“)- Bradley Cooper („A Star Is Born“)- Willem Dafoe („At Eternity’s Gate“)- Rami Malek („Bohemian Rhapsody“)- Viggo Mortensen („Green Book - Eine besondere Freundschaft“)

BESTE NEBENDARSTELLERIN: - Amy Adams („Vice: Der zweite Mann“)- Regina King („If Beale Street Could Talk“)- Emma Stone („The Favourite – Intrigen und Irrsinn“)- Rachel Weisz („The Favourite – Intrigen und Irrsinn“)- Marina de Tavira („Roma“)

BESTER NEBENDARSTELLER - Mahershala Ali („Green Book - Eine besondere Freundschaft“)- Adam Driver („BlacKkKlansman“)- Richard E. Grant („Can You Ever Forgive Me?“)- Sam Elliott („A Star Is Born“)- Sam Rockwell („Vice: Der zweite Mann“)

BESTER FREMDSPRACHIGER FILM (sogenannter Auslands-Oscar): - „Werk ohne Autor“ (Deutschland) - „Roma“ (Mexiko) - „Cold War“ (Polen) - „Capernaum“ (Libanon“)- „Shoplifters“ (Japan)