Sie hat es schon wieder getan. Vor zwei Jahren feierte die Schauspielerin Karoline Herfurth ihr Regiedebüt mit „SMS für Dich“ und zeigte allen Schweigers und Schweighöfers, wie man eine richtige Beziehungskomödie mit sich in der Hauptrolle drehen kann. Jetzt stand sie erneut hinter und vor der Kamera – und beackerte ein Genre, das es so eigentlich gar nicht gibt: eine Buddy-Komödie für Frauen. In „Sweethearts“ spielt sie eine neurotische Frau, die von einer taffen Hannah Herzsprung als Geisel genommen wird – woraus sich eine ganz eigene Freundschaft entwickelt. Der Film kommt am 14. Februar ins Kino, am 4. Februar ist Weltpremiere im Zoo-Palast. Beim Interview im Regent Hotel sind die Rollen allerdings verkehrt: Da ist Hannah Herzsprung eher die Leise, Schüchterne, während Karoline Herfurth ganz klar den Ton angibt. Die beiden sind übrigens auch privat beste Freundinnen. Und kommen zum Gespräch demonstrativ händchenhaltend.

Meine Damen, Ihr Film ist eine weibliche Buddy-Komödie. Ich habe lange nachgedacht, aber mir will partout keine andere einfallen.

Hannah Herzsprung: Ach, im amerikanischen Kino gibt es schon einige.

Karoline Herfurth: Ja, etwa „Miss Bodyguard“ mit Reese Witherspoon und Sofia Vergara oder „Bad Spies“ mit Mila Kunis und Kate McKinnan. Aber da ist noch deutlich Luft nach oben.

War das auch ein Anreiz, mal einen Buddy-Film für Frauen zu drehen? Was es im deutschen Kino eben noch so gar nicht gibt?

Herfurth: Der größte Impuls war ehrlich gesagt, einen geilen Film zu machen. Ich will jetzt nicht die Frau sein, die Filme für Frauen macht. Ich will Filme für alle machen. Filme, nach denen man zehn Minuten braucht, um wieder in die Realität zurückzukommen, weil man so gelacht, geheult und mitgefiebert hat. Wenn das passiert, bin ich happy. Wenn man dann noch darüber nachdenkt, dass es in der Hinsicht nicht so viele Filme gibt – umso besser. Aber das sollte nicht die Schlagzeile sein. Ich will in Filmen entführt werden...

Herzsprung: … Ach, deshalb musste ich dich entführen! (beide lachen)

Herfurth: Ich will entführt, nicht aufgeklärt werden. Natürlich muss man, wenn man sich im Film eine Welt schafft, mitbedenken, was für eine Welt man da schafft. Hintenrum tu’ ich das dann doch ein bisschen.

© Warner Bros.

Herzsprung: Ich hab schon Karolines ersten Kurzfilm bei der Premiere gesehen. Ich fand das echt cool, dass sie das einfach so macht. Karo ist nicht eine, die Jahre lang sagt, ich mach das mal. Karo ist eine, die macht es einfach. Und plötzlich ist da ein Film. Nach „SMS für dich“ haben alle Kollegen von ihr geschwärmt, wie sie Regie führt und mit dem Team umgeht.

Herfurth: Und dann warst du am Set und dachtest: Ist ja alles gelogen! (lacht)

Herzsprung: Ich habe das Drehbuch auch ganz professionell über die Agentur bekommen. Es ist ja nicht so, dass Karoline eine SMS schreibt: Hey, ich hab’ da ein Drehbuch, magst du mitspielen? Ich musste auch durch ein Casting.

Herfurth: Hast du dich eigentlich gewundert, dass ich dich nicht persönlich angeschrieben habe?

Herzsprung: Nein, da bin ich ja wie du. Wir trennen beruflich und privat total.

Herfurth: Ich will einfach niemanden in Verlegenheit bringen, mir als Freundin absagen zu müssen. Hätte ja sein können, dass sie keine Lust hatte oder das Buch doof fand. Die Kanäle hat man dann, damit sich das nicht vermischt.

Auch wenn Sie es nicht gern hören: Aber wie schwierig ist es denn wirklich für Frauen, gute Rollen im Film zu kriegen?

Herfurth: Vermutlich sind wir in der Hinsicht ein bisschen verwöhnt. Wir zwei sind gut ausgelastet, kriegen auch komplexe Rollen angeboten. Trotzdem sind die Angebote nicht üppig gesät...

Herzsprung: … vor allem für die vielen tollen Schauspielerinnen, die es gibt.

Zusammen sind wir stark: Die „Sweethearts“ müssen lernen, sich zu wehren
Zusammen sind wir stark: Die „Sweethearts“ müssen lernen, sich zu wehren © Hellinger / Doll Filmproduktion/Warner Bros. | Reiner Bajo

Herfurth: In Deutschland ist noch das Problem, das du kein internationales Publikum hast, die Auswertungsmöglichkeiten sind also begrenzter, die Budgets damit auch. Die Konkurrenz ist sehr groß, da geht man nicht gern auf Risiko. Aber ich kann mich wirklich nicht beschweren. Ich habe einen Verleih hinter mir, der mich bei diesem Film alles machen ließ. Wir beide fallen also wohl eher aus dieser Statistik raus.

Herzsprung: Aber die Statistik ist nun mal so, wie sie ist.

Herfurth: Dabei sind die Filme, die mich geprägt haben, alle von Frauen: von Doris Dörrie, Katja von Garnier, Caroline Link, Sherry Horman.

Glauben Sie, da ändert sich gerade was?

Herfurth: Ich bin eine große Anhängerin der Gleichberechtigung und diesbezüglich extrem politisch. Ich empfinde es als große Ungerechtigkeit, wenn da eine Ungleichheit besteht. Das ist aber ein absolut strukturelles und gesamtgesellschaftliches Problem. Das ist in jeder Branche so. Dass sich das gerade in der Filmwelt abbildet, liegt einfach daran, dass Film die Gesellschaft beschreibt, wie sie gerade ist. Deshalb zeichnet sich da auch gerade ein Wandel ab, weil sich die Gesellschaft wandelt. Und ja, es muss darum gehen, Gleichberechtigung herzustellen. Aber es muss auch darum gehen, tolle Filme für alle zu machen.

Frau Herfurth, ist Regie für Sie auch so ein zweites Standbein für die Zeit, wenn mal nicht mehr so viele Angebote kommen?

Karoline Herfurths Regiedebüt: „>SMS für dich“ mit Friedrich Mücke
Karoline Herfurths Regiedebüt: „>SMS für dich“ mit Friedrich Mücke © dpa | Warner Bros. Ent.

Herfurth: Das war nicht geplant. Ich bin da so reingerutscht. Ich mache das gern auch wieder. Ich mache mir aber nicht so Gedanken, wie lange das funktionieren wird. Ich gebe aber zu, ich freue mich auch auf den nächsten Film, bei dem ich „nur“ Schauspielerin bin. Mal am Set zu sein, ohne dauernd Entscheidungen treffen zu müssen.

Frau Herzsprung, wäre Regie auch für Sie mal eine Möglichkeit? Haben Sie da jetzt Blut geleckt?

Herzsprung: Ich habe Karoline bei diesem Dreh sehr neugierig beobachtet. Aber für mich könnte ich mir das nicht vorstellen. Das traue ich mir wirklich nicht zu. Es gibt so wundervolle Talente da draußen, da muss ich das nicht auch noch versuchen.

Der Film handelt von Freundschaft. Sind Sie denn auch privat Buddies? Sie haben zuvor erst einen Film zusammen gedreht, „Traumfrauen“.

Herfurth: Uns verbindet eine besondere Freundschaft. Es war aber nicht so, dass wir uns gesehen haben und es hat sofort „gefunkt“. Das ist eher zart gewachsen. Wir haben das lange beide nicht so gemerkt, aber es ist immer stärker geworden. Das war wie im Film, nebenbei gesagt.

Herzsprung: Wir haben uns erst oft bei Castings getroffen...

Und sollten Sie da miteinander spielen? Oder haben Sie für dieselbe Rolle vorgesprochen, quasi als Konkurrentinnen?

Herfurth: Wir waren oft Konkurrenz. Offensichtlich haben andere auch schon immer Ähnliches in uns gesehen.

Herzsprung: Sehr oft. Und immer hast du die Rolle dann gekriegt! (lacht)

Herfurth: Das stimmt nicht. Das war eine gute Mischung. Ich habe einen Film gemacht, den du wahnsinnig gern gemacht hättest. Und umgekehrt.

Ist man da dem anderen dann nicht böse? Oder trägt es ihm nach?

Ihr erster gemeinsamer Film: Herfurth (l.) und Herzsprung (r.) in „Traumfrauen“ mit Palina Rojinski und Iris Berben
Ihr erster gemeinsamer Film: Herfurth (l.) und Herzsprung (r.) in „Traumfrauen“ mit Palina Rojinski und Iris Berben © dpa | Warner Bros

Herzsprung: Als ich den einen Film so unfassbar gern gemacht hätte, da kannten wir uns noch nicht. Ich war da wirklich traurig, dass ich den nicht gekriegt habe. Aber als ich den Film gesehen habe, habe ich verstanden, warum man sich für Karo entschieden hat.

Herfurth: Das ist meistens so. Wenn Hannah die Rollen gekriegt hat, die ich spielen wollte, habe ich immer gemerkt, die Rolle braucht etwas, was ich nicht mitbringe. Deswegen funktionieren wir zusammen so gut. Weil wir komplett unterschiedlich sind. Aber da war sofort eine Energie da. Die kannst du nicht herstellen. Die ist einfach da. Oder sie kommt nicht. Das ist was Besonderes.

Da Sie sich so gut kennen, war das komisch, wenn die eine plötzlich die andere dirigiert?

Herzsprung: Ich konnte mir das nicht vorstellen. Regie, das ist ja eigentlich die Person, die dich von außen beobachtet, die nicht mit dir spielt. Ich dachte, da kommt man aus dem Konzept. Aber das hat gut geklappt. Ich weiß ehrlich gesagt bis jetzt nicht, wie Karo das gemacht hat. Diese sehr spezielle Rolle, die ja genau das Gegenteil dessen ist, was eine Regisseurin am Set sein sollte, um dir ein gutes Gefühl zu geben. Aber Karo konnte in ihrer Rolle wunderbar hysterisch ausflippen, jammern, winseln und sprang dann kurz raus, um ganz sachlich eine Regieanweisung zu geben.

Ihre taffste Rolle: Herzsrpung 2006 in „Vier MInuten“
Ihre taffste Rolle: Herzsrpung 2006 in „Vier MInuten“ © Peter Zander | Wolfe Releasing/courtesy Everett Collection

Herfurth: Das muss man auch aushalten können. Ich hätte an deiner Stelle öfter gefragt, ob wir kurz abbrechen können. Aber Hannah hörte sich das an und dann haben wir noch mal gedreht. Du brauchst in so einer Situation einen Partner, auf den du dich verlassen kannst. Das wusste ich noch nicht. Bei „SMS für dich“ wurde ich gefragt, wie schwierig das war, zwischen Regie und Schauspiel zu switchen. Da war das gar nicht so schwierig. Umso mehr bei dieser Rolle. Als Franny war ich total hochgespult, als Regisseurin musste ich aber ganz bodenständig sein. Und Hannah blieb bei allem so ruhig. Die hatte die stärksten Schultern bei diesem Dreh. Ohne sie hätte ich das gar nicht geschafft.

Herzsprung: Aber das war ja auch nur, weil ich dir vertraute. Würden wir beide in einem Film nur spielen, bekäme ich nie Feedback von ihr, das wäre ja auch absurd. Aber diesmal kam das ständig, und wenn das von einer Regisseurin kommt, die auch selbst Schauspielerin ist, ist das ungeheuer lehrreich.

Frau Herfurth, die Figur, die Sie sich ins Drehbuch geschrieben haben, kriegt ständig eins auf die Nase, wird ständig schlimmen Situationen ausgesetzt. Leben Sie da irgendeinen verborgenen Masochismus aus?

Von Frauen geprägt: Herfurth mit Josef Bierbichler in Caroline Links „Im Winter ein Jahr“
Von Frauen geprägt: Herfurth mit Josef Bierbichler in Caroline Links „Im Winter ein Jahr“ © picture alliance / Everett Collection | ©IFC Films/Courtesy Everett Collection

Herfurth: Nee, das dient einfach der Komödie. Die besten Lacher sind immer die, die auf die eigenen Kosten gehen. Das sollte halt nicht Heititei sind, die sollten rabiat miteinander umgehen. Wir haben extreme Pole aufgebaut. Mel ist die taffste Person, die man sich vorstellen kann, die denkt, sie müsste alles allein schaffen. Franny ist die kindliche, überforderte Panik-Ummel, die glaubt, sie schafft nichts allein. Aber am Ende schaffen sie beides zusammen. Und je verrückter und schriller die eine wird, desto ruhiger wird die andere. Die wichtigsten Begegnungen kommen manchmal einfach überraschend.

Herzsprung: Wie bei uns privat ja auch.

Herfurth: Aber natürlich nicht so extrem. Man kann Freundschaften nicht planen, die überraschen einen. Man trifft sich zufällig, daraus kann was Besonderes wachsen. Das Leben ist manchmal klüger als man selbst.

Und wie war das für Sie, Frau Herzsprung, Ihrer Freundin ständig eins auf die Nase zu geben?

Ihre Freundschaft, sagen die beiden, ist langsam gewachsen.
Ihre Freundschaft, sagen die beiden, ist langsam gewachsen. © Reto Klar

Herzsprung: Da sprechen Sie jetzt leider einen ganz schlimmen Punkt an. Die rabiaten Momente gehen, wenn man sie richtig probt, gut. Gefährlich sind diese unkontrollierten Bewegungen. Am vorletzten Drehtag haben wir eine Szene, in der ich mit der Waffe herumfuchtele, zum x-ten Mal gedreht – Karo liebt viele Takes! – und immer ging es gut. Aber plötzlich, Karo gab noch Regieanweisungen, hat sie ganz stark geblutet. Ich habe ihr mit der Pistole am Kopf einen richtigen Schlag versetzt! Die Narbe, die man mir als Mel jeden Tag geschminkt hat, habe ich ihr eins zu eins an dieser Stelle über dem Auge zugefügt.

Herfurth: Ist das nicht abgefahren?

Herzsprung: Ich war völlig fertig. Ich dachte, ich habe dieser wunderschönen Frau für alle Zeiten eine Narbe versetzt.

Herfurth: Hast du ja auch! Hier, da oben. Und ich liebe sie! Sie ist aber nur ganz klein. Ich hatte den besten Unfallchirurgen. Ich hab da total geblutet und dachte nur, wir müssen doch weiterdrehen! Der Arzt hätte es erst mal tapen können, aber das hätte man nicht überschminken können. Also hat er es geklebt, meinte aber, dann wird die Narbe halt nicht so schön. Ich hatte also die Wahl, lasse ich jetzt das Team eine Woche hängen. Oder habe ich eine Narbe.

Herzsprung: Wenn du das jetzt so erzählst, könnte ich gleich wieder heulen. Wir mussten ja genau diese Szene noch mal drehen. Und ich habe so geheult, man musste mich dauernd schminken.

Und Sie haben diese Narbe jetzt bis zum Ende Ihres Lebens?

Herfurth: Ja, das ist meine „Sweethearts“-Narbe. Wie gesagt, ich liebe sie heiß und innig. Ich will überhaupt nur welche von Hannah. Sie ist ja wirklich die sanfteste Person, die es gibt.

Herzsprung: Auch das ist etwas, was uns unterscheidet. (beide lachen)