Film

Saoirse Ronan: „Als hätte ich in der Lotterie gewonnen“

Schauspielerin Saoirse Ronan über ihren Film „Maria Stuart“, falsche Geschichtsbilder – und was wir heute aus der Historie lernen können.

Fünf Jahre musste sie warten, bis sie Maria Stuart spielen durfte. Jahre, in denen sie sich gut auf die Rolle vorbereiten konnte und quasi in sie hineingewachsen ist.

Fünf Jahre musste sie warten, bis sie Maria Stuart spielen durfte. Jahre, in denen sie sich gut auf die Rolle vorbereiten konnte und quasi in sie hineingewachsen ist.

Foto: Victoria Will / picture alliance/AP Images

Den Namen kennen noch nicht alle. Er ist ja auch schwer auszusprechen. Saoirse Ronan spricht sich „Sirscho“. Dabei steht sie vor der Kamera, seit sie neun ist. Und wurde international bekannt, als sie für „Abbitte“ ihre erste Oscar-Nominierung erhielt – mit 13. Spätestens seit dem großen Erfolg von „Ladybird“, für den sie im Vorjahr schon zum dritten Mal im Oscar-Rennen stand, hat sich auch das Gesicht der Erwachsenen eingeprägt. Nun spielt die Irin die Titelfigur in „Maria Stuart, Königin von Schottland“, der am Donnerstag ins Kino kommt: ein Biopic, das die umstrittene Tudor-Königin in ganz neuem Licht zeigt. Um für den Film zu werben, kam Saoirse Ronan mal wieder nach Berlin, wo sie 2011 den Action-Film „Wer ist Hannah?“ mit Cate Blanchett gedreht hat. Wir trafen sie im Soho House.

Willkommen zurück in Berlin. Ich hoffe, Sie haben gute Erinnerungen an die Stadt?

Saoirse Ronan: Danke schön. Das letzte Mal, dass ich in Deutschland war, war ich nur in Dresden und Görlitz. Aber ich erinnere mich noch gut an „Hanna“. Da haben wir eigentlich in ganz Berlin gedreht. Ich erinnere mich besonders an einen Nachtdreh bis morgens um sieben, mit Cate. Ich erinnere mich so gut, weil wir auf Deutsch drehen mussten. Das war nicht so leicht. Am Ende wurde die Szene aber leider rausgeschnitten.

Stimmt es, dass Sie schon lange als Maria Stuart vorgesehen waren – und eigentlich für einen ganz anderen Film?

Ja. Das geht so, seit ich 18 bin. Aber dadurch hatte ich viel Zeit, mich auf die Rolle vorzubereiten. Als ich noch ein Mädchen war, haben viele Kolleginnen gesagt, wenn du erst mal 18 bist, gibt es keine Rollen mehr für dich. Das schien sich zu bewahrheiten. Ich wurde 18, und abgesehen von „Grand Budapest Hotel“ gab es nicht viele Sachen, bei denen ich angebissen hätte. Als dann aber das Angebot zu „Maria Stuart“ kam, dachte ich, ich habe in der Lotterie gewonnen. Es gibt nicht viele Filme mit einer Frau in der Hauptrolle, schon gar nicht, wo man ein ganzes Leben spielen kann.

Was macht sie so ideal für Maria Stuart?

Puh, keine Ahnung. Da müssen Sie meine Regisseurin fragen. Ich bin ja nicht mal schottisch. Aber ich bin Irin, unsere Länder haben eine ähnliche Geschichte, gerade im Hinblick auf das komplizierte Verhältnis mit den Briten.

Ist das auch eine Art Jungmädchentraum, der sich da erfüllt – einmal Prinzessin sein?

Prinzessin? Königin! (lacht) Nein, davon habe ich nie geträumt. Auch nicht, als ich mit dem Schauspiel begann. Aber, naja, ich war schon sehr glücklich, dass ich mal so wunderbare Kostüme tragen durfte. Sehen Sie, ich habe einige Jahre damit verbracht, wie in „Hanna“ mit blutverschmiertem Gesicht vor der Kamera zu stehen. Da war es schon schön, auf diese Art erwachsen zu werden.

Wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor?

Kurz vor Drehstart begann ich zu reiten, musste Französisch und einen schottischen Akzent lernen. Ich verbrachte täglich zwei Stunden in der Maske, und eine weitere, bis ich in den Kostümen drinsteckte. Manchmal vier Röcke übereinander! Dadurch bekommt man aber ein ganz anderes Gefühl für solch eine Rolle. Aber am meisten hat John Guys’ neue Biographie über Maria Stuart geholfen, auf der der Film ja basiert. Darin steht alles, was du über Maria und ihre Zeit wissen musst. Die Historiker sind ja nicht sehr nett mit ihr umgegangen, Guy gibt da eine ganz neue Sicht.

Er zeigt Maria Stuart als auch Elizabeth I. nicht, wie üblich, als machtbesessene Königinnen, sondern als unterdrückte Frauen und Opfer des Patriarchats. Hat Sie diese feministische Sicht gereizt?

Wahrscheinlich. Als wir damit anfingen, lief es noch nicht darauf hinaus. Aber es hat sich dahin entwickelt. Und das ist irgendwie immer so, wenn ich bei etwas einsteige. Als Mensch mit Selbstachtung, als den ich mich sehe, möchte ich auch, dass man das über die Figuren, die ich spiele, sagen kann. Das halte ich schon mal für einen feministischen Ansatz. Und mit Josie Rourke, die hier erstmals in einem Film Regie führte, die ich aber von meiner Theaterarbeit kenne, war klar, dass genau das der Ansatz sein muss, um der Geschichte einen neuen Dreh zu geben.

Es gibt so viele große Maria Stuarts im Kino, von Katharine Hepburn bis Vanessa Redgrave. Haben Sie die studiert, oder darf man das nicht tun, wenn man selber spielt?

Nein, das habe ich weit von mir gewiesen. Du musst deinen eigenen Zugang finden. Jetzt wäre ich so weit, jetzt würde ich sie gern sehen, vor allem den Film von Vanessa. (Redgrave spielte in „Abbitte“ Ronans Rolle als alte Frau - die Red.)

Der Höhepunkt eines jeden Maria-Stuart-Stoffes, sei es im Film oder auf der Bühne, ist das Aufeinandertreffen mit Elizabeth I. Auch wenn die sich in Wahrheit nie begegnet sind. Sehen wir da quasi zwei verschiedene Konzepte von Weiblichkeit?

Das ist tatsächlich ein Reiz diess Films. Da sind zwei verschiedene Frauentypen, die in einer männerdominierten Welt an die Macht kommen und denen das sehr schwer gemacht wird. Die beiden waren in einer ganz ähnlichen Situation und hätten sich eigentlich ganz gut verstehen müssen, waren aber direkte Rivalinnen. Elizabeth hat alles aufgegeben und sich auf ihre Macht konzentriert. Mary wollte alles, auch Liebe und Kinder. Die eine wurde zur Fassade, um zu überleben, die andere zog in den Krieg.

Haben Sie sich mit Margot Robbie, die die Elizabeth spielte, darüber ausgetauscht?

Dafür war gar keine Zeit. Die ersten Wochen wurden alle ihre Szenen gedreht, dann meine. Unsere gemeinsame Szene war ihre letzte – und meine erste. Wir haben uns davor nicht gesehen, ich wusste nicht, wie sie aussehen, wie sie spielen würde, und umgekehrt. Das war für beide eine absolute Überraschung. Genau das soll die Szene auch zeigen.

War das dann auch darstellerisch eine Konfrontation? Oder gar ein Ringen?

Ein Ringen auf gar keinen Fall. Eher ein Tanz. Die beiden haben sich nie gesehen, aber alle Sinne sind geweckt. Wie sie den ersten Fuß setzt, wie die Stimme klingt: Sie gurren neugierig umeinander, das ist wirklich schön gelöst im Film.

Trotz unserer westlichen Demokratien fühlen wir uns von Monarchien angezogen, in Klatschblättern oder in Serien um reale Königshäuser wie „The Crown“ oder erfundene wie in „Game of Thrones“. Woher, was glauben Sie, kommt das?

Ich glaube, für die meisten Menschen ist das einfach eine Fantasie. Selbst bei der realen Monarchie geht es mehr um eine Idee als um die Menschen, die sie wirklich bekleiden. Das kann man in eine so wilde Fantasy wie in „Game of Thrones“ übertragen. Oder auf die junge Lissy, die plötzlich Queen wird. Wir sehen immer nur einen ganz kleinen Ausschnitt dieser Frau, wollen aber wissen, wer sie ist. Das ist eine Form von Eskapismus. Eine ewige Faszination.

Ist „Maria Stuart“ bloß Geschichte, oder hat das historische Kapitel eine Relevanz, von der wir heute noch was lernen können?

Politiker werden heute anders zur Rechenschaft gezogen. Aber die Leute treiben immer noch dieselben Dinge um. Es bleibt nach wie vor die Frage, ob die Macht in die richtigen oder die falschen Hände kommt. Manche können verantwortungsvoll mit Macht umgehen, andere nicht. Ich fürchte, das wird sich nie ändern. Ob das ein Mann oder eine Frau ist, spielt da übrigens keine Rolle.

Schon mit 13 wurden Sie erstmals für einen Oscar nominiert. Letztes Jahr hatten Sie Ihre dritte Nominierung für „Lady Bird“. War das ein alter Hut – oder hat der enorme Erfolg des Films Ihr Leben verändert?

„Lady Bird“ ist wirklich ein besonderer Teil meines Lebens. Wir haben gerade „Maria Stuart“ gedreht, als er herauskam. Wir waren im schottischen Hochland, und aus Amerika kamen immer so Anrufe, dass das ein ziemlicher Erfolg werden könnte. Es war doch eine so kleine Produktion, ich hätte nie erwartet, dass das solche Kreise ziehen würde. Aber dass ich in dieser Zeit Maria Stuart gespielt habe, hat mich irgendwie dafür gerüstet, um da durchzukommen. Ich habe gerade wieder mit Greta Gerwig gedreht, „Little Woman“, wir haben das erst an Weihnachten abgeschlossen. Ich glaube, wir sind ganz gut zusammen.

Ganz ehrlich: Hat es Sie gewurmt, dass Sie für „Lady Bird“ den Oscar nicht bekommen haben?

Gar nicht! Ich habe ihn nicht bekommen, weil Fran ihn bekam. (gemeint ist Frances McDormand, die Red.). Und Fran ist eine Legende. Alles, was sie macht, ist so schlüssig und rund. Auch wenn sie Preise kriegt. Als sie den Oscar bekam, hat sie den mit allen gefeiert und uns alle miteinbezogen. Das war großartig. Also, ich bin glücklich, dass ich gegen sie verloren habe. Ich brauche sie!

Hoffen Sie, es könnte nun im vierten Anlauf mit „Maria Stuart“ für den Oscar klappen?

O je, keine Ahnung. Das ist eine dieser Sachen, die man nicht vorhersehen kann. Darüber sollte man sich nicht den Kopf zerbrechen.