Film

Frau Peters, wie halten Sie’s mit der Religion?

Caroline Peters über Multikulti, die Mutlosigkeit des deutschen Kinos und über Komödien als beste Form für schwierige Themen.

Wenn Komödie nicht nur für Leichtes steht, dann ist sie gern dabei: Caroline Peters in Berlin

Wenn Komödie nicht nur für Leichtes steht, dann ist sie gern dabei: Caroline Peters in Berlin

Foto: Reto Klar

Gerade erst hat man sie im Kino in „Der Vorname“ erleben dürfen, einer Komödie, die um die Frage kreiste, ob man seinem Kind den Namen Adolf geben kann. Am Donnerstag startet gleich der nächste Film mit Caroline Peters: In der österreichischen Komödie „Womit haben wir das verdient?“ spielt sie wieder eine gestresste Mutter, die diesmal mit dem Fakt umgehen muss, dass ihre Tochter zum Islam konvertiert und Kopftuch und Burkini tragen will. Vor der Berlin-Premiere am Mittwoch haben wir die Schauspielerin („Mord mit Aussicht“), die lange in Berlin gewohnt hat, jetzt aber in Wien lebt, im Hotel de Rome.

Erst „Der Vorname“, jetzt „Womit habe ich das verdient?“ – schon wieder eine Komödie, die ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema behandelt. Ist das bloß Zufall, oder sind Sie jetzt die Frau für die komplizierten Themen?

Caroline Peters: Dass die so nahe beieinander liegen würden, ist reiner Zufall. Und ich kann das natürlich nicht selbst bestimmen. Vielleicht ist das aber auch einfach ein Zeichen der Zeit, vielleicht ändert sich ja gerade was an deutschsprachigen Filmkomödien.

Sie meinen, dass es da mal nicht nur um Beziehungskomödien oder dysfunktionale Familien geht?

Ganz genau. So wie im französischen Kino, wo man wichtige Themen lieber als Komödie behandelt statt als Drama. Das würde ich begrüßen. Da wäre ich gern dabei.

Die Frage, die sich dann viele stellen: Ist die Komödie das richtige Format, um solche Reizthemen zu behandeln?

Absolut. Entschiedenes Ja. Die Komödie ist das beste Genre, um Themen zu behandeln. Gerade wenn es um Religion geht oder die Frage, wo wir mit unserem Selbstverständnis stehen, wie wir es mit unserer Nazi-Vergangenheit halten. Das sind erzschwere Themen, die besonders erschwert werden durch die ungeheuren Emotionen, die sie auslösen. Würde man ein Thema wie in unserem Film als Drama erzählen, dann gäbe es einen Schuldigen, auf den man mit dem Finger zeigen würde. Bei einer Komödie musst du nie Partei ergreifen und kannst immerzu den Standpunkt wechseln. Komödien funktionieren über Überraschungen, und überraschend ist immer, wenn eine Figur völlig anders handelt, als man sie eingeführt hat. In guten Komödien machen alle Figuren das die ganze Zeit. Und es gibt nie einen Schuldigen. Weil keiner eine klare Position hat. Insofern ist das ein geniales Medium für komplizierte Themen.

In dem Film wird an vielen Tabus gekratzt. Fragt man sich da manchmal trotzdem: Kann ich das, darf ich das so sagen?

Nein. Einfach weil ich finde, wir kratzen an gar keinen Tabus. Wir kratzen eigentlich nur an unserem kollektiven westlichen Unwissen. Was wissen wir schon über den Islam? Und wie oft passiert das momentan, dass Leute den Islam mit Intoleranz gleichsetzen? Das sind verrückte Verkürzungen. In unserem Film geht es darum, Themen, über die alle permanent reden, etwa ob ein Kopftuch den westlichen Feminismus erschlägt, auch mal ernsthaft durchzuspielen. Wie sieht es unterm Kopftuch aus, wie kompliziert ist es, damit zu essen? Einfach die alltägliche Seite von diesen Dingen betrachten und daraus komödiantisches Kapital schlagen. Und damit auch irgendwie aufklären.

Die Regisseurin Eva Spreitzhofer hat diesen Film gemacht, weil sie es absurd fand, dass wir wieder dieses Religionsthema auf der Tagesordnung haben, das wir längst für erledigt hielten. Sehen Sie das auch so?

Ich dachte auch: Religion ist durch. Zumindest strenge Religion als Massenphänomen. Ich dachte, wir leben in einer aufgeklärten, säkularen Welt. Wo man Religion als Teil seiner kulturellen Herkunftsgeschichte begreift. Natürlich kommen wir aus der christlich-abendländischen Kultur, feiern Weihnachten und Ostern. Aber dass man sich an Glaubensfragen misst, ich hätte nie gedacht, dass mir das noch mal begegnen würde. Soweit sind wir zwar noch nicht, aber man hat schon das Gefühl, dahin spitzt es sich zu.

Ich muss Ihnen jetzt die Gretchenfrage stellen: Wie halten Sie’s denn mit der Religion?

Gar nicht. Ich bin nicht aus der Kirche ausgetreten, zahle also brav meine Kirchensteuer. Aber ich habe damit nichts am Hut, ich gehe auch an Weihnachten nicht in die Kirche. Ich bin evangelisch. Und wenn ich mit meinen Eltern im Urlaub war, sind wir auch in alle Kirchen gerannt. Wir haben das immer als Teil unserer Kultur verstanden. Aber ich halte es so wenig mit der Religion, dass ich noch nicht mal sagen würde, ich bin Atheistin. Ich kann mir nicht vorstellen, an ein höheres Wesen zu glauben, das mir durch Moses’ Handschrift durchgegeben hat, die ich zu befolgen hätte.

Sie haben keine Kinder. Trotzdem die Frage: Was würden Sie tun, wenn junge Anverwandte sich plötzlich zum Islam bekennen und Kopftuch tragen würden?

Ich habe viele Nichten und Neffen, die sind alle stark in ihren Kirchengemeinden organisiert, haben auch aus Überzeugung Konfirmation gefeiert. Das war bei mir in den 80er-Jahren anders, da ging niemand zur Konfirmation, und wenn, dann nur wegen der Geschenke. Das würde heute keiner mehr sagen. Denen geht es wirklich um Gott und Mitmenschlichkeit, das finde ich schon erstaunlich. Und natürlich fände auch ich das schwierig, wenn eine meiner Nichten plötzlich mit Kopftuch erscheinen würde. Ich finde das aber ganz toll bei meiner Filmfigur, dass die dann beginnt, darüber zu recherchieren. Das ist sehr abguckenswert. Ich hätte bestimmt eher die Tendenz, dämlich dagegen zu sein. Oder das nur als Angriff auf mich misszuverstehen. Und meine Filmtochter hat ja gute Argumente: dass die in der Werbung Frauen immer ausziehen und die sich eben anziehen wollen. Und wegkommen wollen von diesem Markenfetischismuswahn. Das ist nicht rückwärtsgewandt, nicht Mittelalter, das ist auch eine Form der Befreiung.

Multikultikomödien wie „Monsieur Claude und seine Töchter“ oder zuletzt „Ein Lied in Gottes Ohr“ kommen vornehmlich aus Frankreich. Warum hat sich das bislang keiner im deutschsprachigen Film getraut?

Ich fürchte, im deutschsprachigen Kino ist die Tradition doch eher so, dass als Komödie verstanden wird, wenn alles leicht, wenn also schon das Thema leicht ist. Aber nicht, wenn dabei ernsthafte Dinge verhandelt werden. Weil man dann ja nicht lachen kann. Das E- und U-Denken ist hier so krass getrennt. Die Franzosen können das viel besser vermischen. Da gibt es halt lustige Momente, aber dann wird es auch mal todernst. Bei uns wird leider negiert, dass das gehen könnte. Aber vielleicht ändert sich da gerade was.

Hat das auch was Befreiendes, so etwas spielen zu dürfen?

Unbedingt. Es sind ja auch die Filme, die ich am liebsten sehe. Wenn eine Komödie deshalb lustig ist, weil die Figuren Schreckliches zu bewältigen haben. Vielleicht mit Ausnahme von „Das Leben ist schön“. Dass man auch im KZ eine Komödie erzählt, das war für mich grenzwertig, da habe ich mich auch gefragt, ob man das machen kann. Aber sonst wüsste ich gar nicht, warum man das nicht machen sollte. Komödie ist immer ein probates Mittel.

Ist der Film auch ein Statement gegen die aktuelle Politik? In Österreich wurde die FPÖ ja auch deshalb gewählt, weil sie die einzige Partei war, die offen für ein Kopftuchverbot eintrat.

Das Drehbuch gab es schon vor der Regierungsbildung dort. Insofern kann es kein Statement darauf sein. Aber das Thema schwelt schon länger und wird in Österreich auch ganz anders, sehr virulent diskutiert. Insofern ist es selbstverständlich ein Statement zu dem ganzen Thema.

Sie leben in Wien. Sind Sie da inzwischen angenommen worden oder werden Sie da ewig die Fremde bleiben?

Ja, das sagt man gern von Wien. Mir kommt das eher so vor wie in Köln, wo ich aufgewachsen bin: Mein Vater lebt da seit über 40 Jahren und fühlt sich immer noch nicht als Einheimischer. Das ist gar kein nationales Ding, das hat eher mit der Stadt zu tun. Auch wer aus Graz nach Wien zieht, wird nie ganz dazugehören. Ich identifiziere mich auch viel mehr mit Köln und Berlin, mit der Politik in Österreich sicher nicht.

Sie gehören seit 2004 zum Burgtheater-Ensemble. Wie oft kommen Sie da eigentlich noch zum Spielen, wenn Sie so oft drehen?

So oft drehe ich ja gar nicht, das sieht nur so aus. Ich drehe ein bis zwei Filme pro Jahr, und das meist in der Sommerpause. Das schiebt sich viel leichter zusammen, als es aussieht.

Seit „Mord mit Aussicht“ sind Sie auf Komödien festgelegt. Bei all dem Erfolg der Serie: Hat Sie das ein bisschen eingeengt? Würden Sie gern mehr Dramatisches spielen?

Das stellt sich so dar, das sehe ich auch so. Aber das ist nur das Erscheinungsbild. Meinen Berufsalltag erlebe ich anders. Auf der Bühne spiele ich ganz andere Rollen. Und ich habe seither auch andere Filme gedreht. Die werden vielleicht nur nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit wahrgenommen, weil eine Serie halt länger läuft.

Und werden Sie noch immer auf die Serie angesprochen?

Ja. Das wird ständig im Fernsehen wiederholt, als ob wir neue Folgen drehen würden. Aber das spricht ja für die Serie, eigentlich müsste jeder inzwischen sämtliche Folgen kennen. Und trotzdem wird sie noch geguckt. Mich stört das nicht. Ich habe die Serie sehr geliebt und stehe auch dazu. Und es ist ja auch irre, was für eine Entwicklung die durchgemacht hat. Die fing mal auf einem Sendeplatz mit einer Million Zuschauern an und sollte eigentlich sofort wieder abgesetzt werden. Dann wurde uns ein Achtungserfolg bei den Kritikern zugestanden und wir durften gnädig noch ein paar Folgen drehen. Aber an Massenware glaubte da keiner, man hielt uns für ein Nischenprodukt. Was auch nur zeigt, dass offensichtlich niemand einschätzen kann, was beim Publikum ankommen könnte. Bei dem Thema bin ich also ganz entspannt.