"Fahrenheit 11/9"

Michael Moore ist als einziger Donald Trump gewachsen

In „Fahrenheit 11/9“ hinterfragt Michael Moore, wie Donald Trump US-Präsident werden konnte. Und findet zu früherem Kampfgeist zurück.

„Ich hoffe, Sie machen nie einen Film über mich“: Donald Trump (r.) und Michael Moore 1998 in einer Talkshow.

„Ich hoffe, Sie machen nie einen Film über mich“: Donald Trump (r.) und Michael Moore 1998 in einer Talkshow.

Foto: Weltkino

Gwen Stefani ist schuld, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist. Weil die Sängerin beim Fernsehsender NBC mehr verdiente als er mit seiner Show, verkündete der Unternehmer trotzig, er wolle Präsident werden, um seinen Marktwert zu steigern. Es hat nichts genützt, NBC hat ihn sogar gefeuert. Aber da waren die ersten Kundgebungen schon organisiert, Claqueure feierten Trump, und der fand plötzlich Gefallen an der Idee.

Das ist eine jener Pointen, für die Michael Moore so berühmt ist: Seine Dokumentationen scheren sich nicht um Objektivität, scheuen sich nicht vor satirischen Überzeichnungen und passen die durchaus recherchierten Fakten in oft irrwitzigem Bilderstakkato dem eigenen Weltbild an.

Moore ist von allen Dokumentaristen der polarisierendste, da passt es irgendwie, dass er einen Film über den polarisierendsten aller US-Präsidenten macht. Vielleicht ist er überhaupt der einzige, der ihm gewachsen ist. Schon vor 20 Jahren, als sie zusammen in einer Talkshow saßen, gab Trump zu, er hoffe, dass Moore nie einen Film über ihn drehen würde. Für Moore, der zwischendurch auch schon von Trumpland vereinnahmt worden ist, fast so etwas wie eine Verpflichtung – und Ehrenrettung.

Moore war einer der ersten, der vor einem Präsidenten Trump warnte, als das alle noch für unmöglich hielten. Jetzt nennt der nerdige Mann mit der Schirmmütze sein jüngstes Oeuvre – nach seinem Erfolgsfilm „Fahrenheit 9/11“ über den 11. September – „Fahrenheit 11/9“: Am 9. November 2016 wurde Trump offiziell zum Präsidenten erklärt. Meint also: das nächstgroße Trauma der jüngsten US-Geschichte.

Die erste halbe Stunde ist Moore pur – die Aufarbeitung des Schocks: Wie konnte es dazu kommen, dass dieser „bösartige Narzisst“ (O-Ton Moore) Präsident werden konnte? Da wird Trump noch mal mit all seinen frauenfeindlichen Äußerungen gezeigt, seinen Ausfällen gegenüber Minderheiten, unterlegt etwa mit Musik vom Horrorfilm „Das Omen“. Da werden aber auch die Medien gezeigt, die dem scheinbar aussichtslosen Präsidentschaftskandidaten großzügig Sendezeit widmeten, weil sie damit erst mal viel Lacher und viel Geld ernteten – und ihrem größten Feind so erst den Weg ebneten.

Nach dieser ersten halben Stunde aber – die ein Labsal für alle Trump-Kritiker ist, aber auch alle Trump-Befürworter nur in ihren Vorurteilen bestätigt –, betreibt Moore Feldforschung. Geht er ernsthafter der Frage nach, was diesen Präsidenten möglich gemacht hat. Trump nicht als Grundübel, sondern nur als deren Folge. Dabei wird aus der grellen Satire dann doch so etwas wie dokumentarische Reportage.

Moore geht dafür in die Mitte des Landes, wohin sich die Politkommentatoren der Küsten selten verirren. Und fängt, wie so oft, in seinem eigenen Bundesstaat Michigan an. Moore schildert die unfassbaren Machenschaften des republikanischen Gouverneurs Rick Snyder, der die Demokratie dort per Notstandsgesetze aushöhlte, eiskalt eigene wirtschaftliche Interessen verfolgte und die Bürger von Moores Heimatstadt Flint wissentlich mit verseuchtem Wasser versorgte. Ein Autokrat auf Landesebene, der, so Moore, Trump als Vorbild diente: dass man sowas auch in noch größerem Stil durchziehen kann.

Moores Kritik macht aber auch vor den Demokraten nicht halt. Selbst Barack Obama ist nach diesem Film nicht mehr die Lichtgestalt, als die man ihn gern erinnert: weil auch er die Probleme in Flint kleingeredet hat, statt den Notstand auszurufen. Außerdem deckt der Filmemacher auf, dass bei den Vorwahlen der Demokraten nicht Hillary Clinton, sondern der sozialistischere Bernie Sanders gewonnen hat, ein Votum, das die Partei aber gefälscht hat.

Für Moore mit ein Grund dafür, dass der größte Teil der Amerikaner danach gar nicht erst wählen ging. Weil die einzelne Stimme sowieso nicht zählt. Moores größte Kritik zielt denn auch auf das amerikanische Wahlsystem, das eben nicht direkt, sondern über Wahlmänner mit Mehrheitswahlrecht abstimmt. „Es ist keine Demokratie“, so Moore, „wenn der Kandidat mit den meisten Stimmen nicht gewählt wird.“

Und doch ist der Film nicht nur Schwarzmalerei. Moore zeigt auch Alternativen auf. Lehrer in West-Virginia etwa, die ohne Unterstützung ihrer Gewerkschaft für ihre Rechte auf die Straße gingen – was Streiks in anderen Bundesstaaten nach sich zog. Oder die Schüler, die nach dem Massaker an der Parkland High School gegen die Waffenlobby demonstrierten: Wähler von morgen, die sich von Politikern nicht mehr abwimmeln ließen und ebenfalls eine nationale Protestwelle auslösten. Ur-demokratische Bewegungen, die Hoffnung machen, dass es noch nicht zu spät ist. Wenn man nur den allgemeinen Politfrust überwindet.

Moores letzte Filme hatten lange nicht mehr den Biss seiner früheren Werke. Mit Trump scheint er aber den Widerpart gefunden zu haben, der ihn zu altem Kampfgeist zurückfinden ließ. Einmal mehr erweist sich Moore dabei als Anwalt der kleinen Leute, wenn er mit den Lehrern auf die Straße geht oder mit den Schülern am Tisch sitzt. Und er lässt sich auch wieder zu seinen berüchtigten Agitprop-Aktionen hinreißen, wenn er einen LKW mit verseuchtem Wasser auf Snyders Grundstück entleert oder Snyder an seinem Amtssitz mit Handschellen verhaften will. Urkomische Momente, aber auch verzweifelte Don-Quixote-Kämpfe gegen die Windmühlen der Zeit.

Eigentlich ist Moore ja wie Trump ein Kritiker des Systems. Nur eben aus umgekehrten Grund: Weil dieses System, bei dem die Parteien nicht den Wählern, sondern ihren Wirtschaftssponsoren verpflichtet sind, den allgemeinen Wählerverdruss anheizt – und einen wie Trump erst möglich macht.

Seine US-Premiere hatte „Fahrenheit 11/9“ vor den Midterm-Wahlen. Es war Moores leidenschaftlicher Appell, wählen zu gehen und seine Stimme nicht zu verschwenden. Dahingehend hat er schon etwas bewirkt: Die Demokraten stellen nun die Mehrheit im Kongress. Sein Film bleibt dennoch weiter aktuell. Trumps Tonart hat sich seither noch verschärft, was auch die Tatsache zeigt, dass er zur Durchsetzung seines Mauerplans an der Grenze zu Mexiko das ganze Volk in Geiselhaft nimmt.

Dass Michael Moore den Präsidenten zuletzt mit Hitler gleichsetzt, könnte selbst Trump-Kritikern einen Tick zu weit zu gehen. Aber dem Filmemacher ist es wirklich ernst damit: Er dekliniert all das durch, was einen Autokraten ausmacht, und sieht es an Trump bestätigt. Es sind nicht die Altkader der Gegenpartei, von denen Moore sich ein Ende des Spuks erhofft, es sind die „kleinen Leute“, die er aufgesucht hat. „Manchmal“, so seine vorsichtige Hoffnung ganz am Ende, „braucht es einen Trump, damit wir aufwachen.“