Berlinale

Daniel Brühl über „seine“ Berlinale

Hier begann seine Karriere, vor einem Jahr saß er in der Jury, jetzt ist er im Wettbwerb: Der Schauspieler über das Berinale-Gefühl.

Der rote Teppich: Für manchen Star ein Graus. Daniel Brühl findet den Glamourparcours ganz okay.

Der rote Teppich: Für manchen Star ein Graus. Daniel Brühl findet den Glamourparcours ganz okay.

Foto: dpa Picture-Alliance / Michael Kappeler / picture alliance / dpa

Jetzt beginnt sie wieder, die Berlinale. Ein absoluter Ausnahmezustand. Darauf freue ich mich immer das ganze Jahr über. Eins der größten Festivals der Welt, und direkt vor der eigenen Haustür. Es ist noch mal aufregender, wenn man selbst einen Film zu laufen hat. Und das allergrößte Erlebnis war natürlich – und ich hätte nie gedacht, dass mir diese Ehre so früh zuteil würde –, im vergangenen Jahr in der Jury zu sitzen.

Da waren Momente dabei, die werde ich nie vergessen, die waren hochemotional, wie die Entscheidung für den Goldenen Bären an den iranischen Film „Taxi“, was diese irren Folgen hatte mit den Protesten im Iran.

Berlin ist unschlagbar an Aktivitäten

Ich freue mich aber auch, wenn ich mal nichts am Laufen habe. Weil ich dann einfach Freunde wiedersehen kann. Die kommen ja alle angetrudelt aus dem In- und Ausland, da sieht man lauter vertraute Gesichter. Und wie kein anderes Festival schafft es die Berlinale am Besten, Festlichkeiten zu organisieren.

Auch das Berliner Nachtleben hat deutlich mehr zu bieten als andere Festivalstädte. Cannes, Venedig oder Toronto – sie haben alle ihre Vorzüge, aber Berlin ist unschlagbar, was Aktivitäten rund ums Festival angeht.

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Krasser Einstand von Null auf Hundert

Meine allererste Berlinale war 2003, wo ich gleich mit „Good Bye, Lenin!“ im Wettbewerb war und dann auch noch Shooting Star der Berlinale. Ich war gerade erst nach Berlin gezogen, und das war wirklich ein krasser Einstand, von Null auf Hundert. Es war zwar nicht der Startschuss meiner Karriere, fühlt sich aber trotzdem irgendwie so an. Die größte Premiere, die ich bis dahin erlebt hatte, dann noch von einem Dennis Hopper die Shooting Star Auszeichnung überreicht bekommen, das war schon gewaltig.

Wobei ich danach fast nicht auf die eigene Premierenfeier gekommen wäre. Das ist mir glücklicherweise nie wieder passiert, aber ich stand da vor einem dieser Bodyguards. Hinter ihm hing das Filmplakat; zugegeben nicht das schärfste Bild, aber man konnte mich doch erkennen. Ich habe verzweifelt versucht, ihm das zu erklären. Aber der meinte nur: „Nee, nee, Nicolas Cage ist auf der Feier, du kommst da nicht rein.“ Es hat eine halbe Stunde gedauert, bis man mich doch gnädig reinließ.

Diese Erfahrungen waren auch deshalb so krass, weil es am Morgen danach diesen brutalen Katzenjammer gab. Ich war noch in dieser jugendlichen Euphorie. Dann schlug ich die Zeitungen auf, und es gab all diese Verrisse, bei den Kritikerspiegeln standen wir ganz unten. Das hat dem Film keinen Abbruch getan, er hat ja trotzdem seinen Siegezug angetreten. Aber das war schon eine brutale Lektion, die mich erst mal fertiggemacht hat.

Ich war seither zwei Mal im Panorama, aber nicht mehr im Wettbewerb. Erst dieses Jahr wieder mit der Hans-Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“. Ich spiele da keine Hauptrolle, daher kann ich das ganz entspannt angehen. Ich weiß ja jetzt auch, wie so eine Jury funktioniert. Wie selten das ist, dass sich wirklich alle einig sind. Und man sich halt irgendwann für einen Konsens entscheiden muss. Nicht, dass wir jetzt Verlegenheitslösungen gefunden hätten. Aber du erfährst schon, wie unterschiedlich und kritisch ein Film auseinandergenommen werden kann.

Ob unser Film Bären-Chancen hat, darüber mache ich mir erst mal keine Gedanken. Wichtig ist mir nur, dass ich stolz auf den Film bin. Das ist ja nicht immer so. Und es ist ja erst mal an sich eine Ehre, in den Wettbewerb eingeladen zu werden.

Alles darüber hinaus ist Sugar on top. Die Aufregung ist immer am größten, wenn man, wie ich jetzt, den Film selbst noch nicht gesehen hat. Das dann mit einem ganzen Saal zu teilen, noch dazu mit einem so großen wie dem Berlinale Palast, das ist unbeschreiblich. Auch wenn man es nicht immer genießen kann.

Es gibt schon Filme, wo dir gewisse Momente nicht gefallen, wo du dir vielleicht selbst nicht gefällst. Da leidest du dann wie ein Hund. Weil du denkst, der ganze Saal sieht das auch. Ich versuche das aber auszublenden, ich konzentriere mich auf den jungfräulichen Moment. Über Preise, über die Jury denke ich da nicht nach. Na ja, vielleicht bin ich etwas aufgeregt, dass Meryl Streep mit im Raum ist.

Es gibt also nicht eine, sondern viele Berlinalen: weil man sie immer aus einem anderen Blickwinkel erleben kann. Es gibt immer diesen magischen Moment, die leuchtenden Augen, wenn du deine Akkreditierung bekommst. Die ist ja goldwert, darum wirst du beneidet. Aber wenn du selbst einen Film hast, hast du oft gar keine Zeit und kriegst vom Rest nicht viel mit.

Die Berlinale ist wie eine Sucht

Die tollste Erfahrung war deshalb wirklich die im vergangenen Jahr als Teil der Jury. Weil ich da zum ersten Mal wirklich einen ganzen Wettbewerb durchgeguckt habe. Wir waren uns auch alle einig, dass wir das noch zwei Wochen so hätten weitermachen können. Auch wenn das gleich frühmorgens mit der ersten Vorführung losging. Aber das war dann auch wie eine Sucht.

Und es war ja ohne Druck. Das fühlt sich gut an als Schauspieler, wohl auch als Regisseur, mal nicht bewertet zu werden, sondern selbst zu bewerten. Wir sind ja permanenter Beurteilung und Kritik ausgesetzt. Daran gewöhnt man sich auch nicht, das kann sehr gut tun, aber auch sehr schmerzen. Einmal auf der anderen Seite zu stehen, das hatte eine beinahe therapeutische Wirkung. Auch dass wir ständig auf dem roten Teppich standen, aber nicht für einen eigenen Film.

Es gibt ja Kollegen, die das am anstrengendsten finden. Ich mag den Rummel aber irgendwie, ich finde, der Glamour gehört dazu. Und es ist doch ganz lustig zu sehen, wie merkwürdig manche da rumhampeln, ich mach das auch eher schlecht als recht.

Mir tun nur die Damen leid, die da in ihren Kleidern in der Kälte stehen müssen und tapfer lächeln. Da haben wir Männer es doch einfacher. Für den Teppich ist der Februar nicht gerade der passende Monat.

Viel Wasser trinken

Wie bereitet man sich auf die Berlinale vor? Ich kann da nicht mit großen Tipps aufwarten, wie man fit bleibt. Ich halte mich an die einfache Regel: eine Menge Wasser trinken. Und du musst dir sehr genau überlegen, welche Veranstaltungen sich wirklich lohnen und welche man sich schenken kann. Auf meinen ersten Berlinalen stand ich manchmal schon frühmorgens bei irgendwelchen Empfängen mit einer Flöte in der Hand. Jetzt mache ich das nicht mehr.

Aber für junge Schauspieler ist das natürlich eine tolle Bühne, um Kontakte zu knüpfen und Projekte anzuleiern. So ein Festival ist ja auch ein Raum der Träume und Erwartungen – auch wenn die sich nicht alle erfüllen. Es ist aber schön, wenn man diese Aufregung an jungen Kollegen sehen und spüren kann. Da erlebe ich mich selber, wie ich damals von einem Empfang zum anderen geflitzt bin.

Mit den Jahren muss man nicht mehr alle Klinken putzen

Ich fand das auch damals bei den Shooting Stars ganz toll, mit wie vielen Leuten die uns in Kontakt gebracht haben. Nicht nur auf der Berlinale, wir wurden ja auch noch auf andere Festivals geschickt. So bin ich auch zu meinem ersten Film in Spanien gekommen. Aber wenn man so ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, muss man nicht mehr überall Klinken putzen und Kontakte knüpfen. Für all diese Empfänge und Massenveranstaltungen reicht meine Energie eher nicht mehr.

Und dann habe ich ja jedes Jahr auch ein eigenes Fest: das Geburtstagsfest mit unser eigenen Bar. Die Bar Reval haben wir ja mitten in der Berlinale eröffnet, das war die großartige Idee meines Geschäftspar tners und Freundes Attilano.

Fünfjährige Bar-Feier

Damals dachte ich, dass das großer Schwachsinn war, dass da kein Mensch vorbeikommt. Und anfangs sah es auch so aus. Da saßen wir allein und es zirkulierte nur eine traurige Patata. Aber ab zehn Uhr war die Bude brechend voll, und seither haben wir das als Ritual beibehalten, das immer länger und rauschender wird.

In diesem Jahr feiern wir schon Fünfjähriges, da müssen wir uns eigentlich noch was Besonderes überlegen. Schön ist ja, dass Clive Owen dieses Jahr in der Jury sitzt. Der war bei unserer Eröffnung tüchtig mit am Feiern, er war da mit Tom Tykwers „The International“. So tüchtig kann er diesmal nicht feiern, als Juror, das hab ich ja gelernt, musst du ja einen klaren Kopf behalten. Aber wir hoffen, dass er wiederkommt, damit würde sich irgendwie ein Kreis schließen.

Aufgezeichnet von Peter Zander